Gebühren : Quote, Quote, Quote

Norbert Lammert stellt Rundfunkgebührensystem in Frage. ARD und ZDF reagieren gelassen auf die Einwürfe des Bundestagspräsidenten. Das Programm könnte noch ganz anders aussehen.

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Florian Silbereisen.
Florian Silbereisen.Foto: MDR/Andreas Lander

Das war ein Rundumschlag: Bundestagspräsident Norbert Lammert hat einen Qualitätsverfall im deutschen Fernsehen kritisiert und damit das System der staatlichen Rundfunkgebühren infrage gestellt. Auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gehe es nur noch um „Quote, Quote und nochmals Quote“, rügte Lammert am Wochenende in Berlin. Wenn die Medien immer weniger ihrem eigentlichen Auftrag der seriösen Information nachkämen, stelle sich zunehmend die Frage, inwieweit das System der Rundfunkgebühren „weiter zu rechtfertigen ist“.

Dem ZDF ginge es keinesfalls nur um die Quote, sagte ein ZDF-Sprecher am Montag zu Lammerts Kritik. „Sie finden täglich im Hauptprogramm, den Programmen der Senderfamilie sowie den Programmen der Partnerkanäle eine Fülle von Sendungen, die Zuschauer qualitativ hochwertig informieren und unterhalten, ohne dabei auf hohe Quoten zu zielen. Es gibt allerdings auch keinen Grund, die Quote zu verteufeln, letztlich spiegelt sie das Publikumsinteresse wider. Wenn die Zuschauer die Programme der öffentlich-rechtlichen Sender nicht mehr oder nur noch marginal einschalten, würde sich die Frage nach der Rechtfertigung des Rundfunkbeitrags deutlich stärker stellen.“ In Deutschland gilt seit Jahresbeginn ein Rundfunkbeitrag von 17,98 Euro pro Wohnung unabhängig von der Zahl der Empfangsgeräte.

Lammert würdigt Claus Kleber

Lammert äußerte seine Kritik bei einer Laudatio auf den Fernsehmoderator Claus Kleber. Für seine Verdienste bekam der ZDF-Anchorman in der Bundesakademie für Sicherheitspolitik den Karl-Carstens-Preis. Lammert würdigte den Journalisten als einen „der auffälligsten, der meinungsbildenden und urteilsprägenden Journalisten in Deutschland“. Er verwies auf ein Zitat des Moderators des „heute journals“, wonach die Medien nicht nur fragen sollten, was die Leute sehen wollen: Es müsse auch darum gehen, „was sie sehen sollten“. Damit sei das Problem der „realen Medienwelt“ gut beschrieben. Die Standards des öffentlich-rechtlichen Rundfunks würden regelmäßig verfehlt.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Bundestagspräsident in dieser Hinsicht massive Kritik äußert. Es gibt eine lange Liste honoriger Persönlichkeiten, die den angeblichen Qualitätsverfall des öffentlich-rechtlichen Fernsehens geißeln. Ganz zu schweigen von der Meinung in Internetforen: „Wir würden für arte, 3sat und Phoenix zahlen, aber nicht für das endlose Rumgequatsche, mit den ewig gleichen Gesichtern in ARD und ZDF.“

Die Bemerkung des Bundestagspräsidenten gewinnt wenige Tage nach einer Veröffentlichung von Zahlen an Brisanz, die zeigen, dass sich alleine durch eine Privatisierung des „Ersten“ ein großer Teil des derzeit – für Geringverdiener wie für Millionäre – bei 17,98 Euro monatlich liegenden Haushaltsbeitrags einsparen ließe. Würde man das ZDF privatisieren, dann läge der Haushaltsbeitrag nur noch bei 13,61 Euro. Ein überwiegendes Informations- und Kulturprogramm, wie es die drei Deutschlandradio-Hörfunkprogramme bieten, ist für 46 Cent monatlich machbar. Gleichzeitig wollen ARD und ZDF einen neuen 45 Millionen Euro teuren Jugendkanal aufbauen, der viele Live-Konzerte senden soll. Das vorgelegte Konzept wies allerdings so wenig „wirtschaftliche Plausibilität“ und „inhaltliche Tragfähigkeit“ aus, dass die Ministerpräsidenten der Länder eine Überarbeitung bis zum 13. März 2014 verlangten.

Auch für den ARD-Vorsitzenden Lutz Marmor ist Lammerts Grundsatz-Kritik nicht nachvollziehbar. „Arte, Phoenix, 3sat und tagesschau24 kann Herr Lammert kaum gemeint haben. Auch ,Das Erste’ sähe anders aus, wenn wir nur mit Blick auf eine gute Quote programmieren würden. Die politischen Magazine, der ,Weltspiegel’, die anspruchsvollen Fernsehspiele und Dokumentationen sind nicht auf Quote getrimmt.“ Trotzdem bleibe es richtig, dass die ARD mit ihren Programmen „auch viele Zuschauerinnen und Zuschauer erreichen“ wolle.

Das dürfte am Dienstagabend im Ersten kein Problem sein. Mit Ärzte-Soaps: um 20 Uhr 15 „Familie Dr. Kleist“, um 21 Uhr folgt „In aller Freundschaft“.

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