Medien : Genosse Perlentaucher

Gunnar Decker

Schon merkwürdig, wenn die Tür in der Chausseestraße 131 aufgeht und da steht im Halbdunkel Herthas Marko Rehmer. Was hat Rehmer in Biermanns Wohnung zu suchen? Aber der baumlange Mensch mit dem kurzen wasserstoffblonden Haar ist vielleicht doch ein bisschen alt für einen Profifußballer. Auch hatten die Haare früher schon mal einen unübersehbaren Grau-Stich. Denn das hier ist gar nicht Rehmer, sondern Hanno Harnisch, der Ex-PDS-Pressesprecher. Er färbt sich die Haare blond und trägt außerdem einen sternförmigen Ohrstecker, der einmal rot gewesen sein muss. Vielleicht hat ihn die Parteichefin Gabi Zimmer ja wegen der Haarfarbe rausgeworfen? Darüber, wie grell man Grau aufblondieren darf, könnten sich Zimmer und Harnisch wohl nie einigen. Für die steife Korrektfrau war der vorlaute Bohemien eine Zumutung, derer sie sich schließlich im Affekt entledigte. Rausschmiss auf dem Parteitag! Zimmer blieb im Zweifelsfall lieber beim Grau, Harnisch will es immer grell. So passte Harnisch noch zu Gysi und Bisky, aber nicht mehr zu Zimmer. Passt er zum Feuilleton des "Neuen Deutschland", das er vom nächstem Jahr an leiten soll? Vermutlich halten sie ihn dort erst einmal für einen blondgefärbten Ruhestörer.

Harnisch sieht jetzt um zehn Uhr morgens ein wenig erschöpft aus. Hat er so früh schon eine erste Trainingseinheit auf dem Sportplatz hinter sich? Aber nein, Rehmer hat ja noch 20 Jahre Zeit, Hanno Harnisch zu werden und Harnisch ist offensichtlich erst vor zwei Minuten aus Biermanns Bett gefallen, weil es so spät geworden ist auf dem Bundespresseball. Vom "Neuen Deutschland" war wie üblich wieder keiner eingeladen, nicht einmal der Chefredakteur. Von nächstem Jahr an haben sie dann dort wenigstens einen Feuilleton-Chef im Rennen.

Was tut er hier überhaupt in Biermanns Wohnung? Das fragen ihn manche, wenn sie mit der legendären Schallplatte "Chausseestraße 131" unterm Arm vor der Tür stehen und sich wundern, dass Marko Rehmer und nicht Wolf Biermann aufmacht. Aber Biermann verließ im November 1976 das Haus, einer Tournee wegen, von der er nie hierher zurückkehrte. Und Harnisch hat sich die Wohnung in der Wendezeit besorgt, weil er einen untrüglichen Sinn für schrille Auftritte besitzt. Bevor Harnisch jetzt mit dem Auto in die Prignitz fahren kann, muss er noch viel Kaffee trinken. Vier Jahre lang hatte er überhaupt keinen Führerschein mehr, weil er einmal nachts an der Volksbühne volltrunken einen roten Trabant aufgebrochen hatte, der dem Tanzregisseur Johannes Kresnik gehörte. Kresnik, der mit Castorf, Schily und Momper auch unbedingt eine nächtliche Trabant-Fahrt machen wollte, rief die Polizei, die den roten Trabant samt Dieb schnell einfing. Warum hat er das getan? Hanno Harnisch weiß es nicht, vielleicht, weil er selbst so einen roten Trabant besitzt.

"Machen wir zuerst eine Museumsbesichtigung!", ruft Harnisch mit wiederkehrendem Elan. Im Wohnzimmer stehen ein Klavier und eine Gitarre. Noch von Biermann? Ach nein, das sind seine eigenen Instrumente, denn Harnisch war früher einmal ein Teil der FDJ-Singebewegung. Das Telefon klingelt. Harnischs Vor-Vorgänger beim "ND", Klaus Höpcke, ist dran, um zum neuen Posten zu gratulieren. Ja, wunderbar, ruft Harnisch ins Telefon, aber das stimmt wieder mal nicht, was im "Neuen Deutschland" steht, ich bin erst 48, nicht 49.

Harnisch teilt mit Rehmer die offensive Auslegung des Außenverteidigers. Köpft ganz gern mal selber den Ball ins Tor. Bevorzugt in das des Gegners. Aber wenn mal ins eigene, na und, dem Offensiv-Geist muss man Opfer bringen können! Das will er jetzt auch seinen neuen Kollegen im "ND"-Feuilleton antrainieren. Den Zweikampf suchen, nicht immer hinten drin stehen, sondern den Gegner in der eigenen Hälfte unter Druck setzen. Die favorisierten Mannschaften stehen für Harnisch alle im Internet beieinander. In der Datei "www.Perlentaucher.de" präsentiert sich die Elite des deutschen Feuilletons. Da müssen wir auch rein, sagt Harnisch. Das bedeutet, weg vom Rezensions-Nummernprogramm, hin zu polemischen Texten, an denen keiner einfach vorbeigehen kann. Von der Leitkultur- bis zur Gentechnikdebatte, so wie es die "taz" vormacht. Man darf keine Angst haben, mit Streit aufzufallen. Eine Zeitung ist nur gut, wenn sie auffällt.

So wie Harnischs rotes Trabant Cabriolet. Einfach nicht zu übersehen. Mit dem Cabriolet fahren wir in die Prignitz, wo Harnisch am liebsten ist, weil ihn hier niemand mit Herthas Rehmer verwechselt und auch nicht fragt, was er denn in Biermanns Wohnung macht. In seinem Dorf schreibt Harnisch für den Karnevalsverein jährlich die Büttenreden. Und sein Freund Alexander Osang arbeitete hier draußen an seinem Roman "Die Nachrichten", dieser furiosen Geschichte über den Aufstieg eines Ost-Journalisten in den Mainstreamjournalismus und eine Stasi-Akte, die ihn beinahe zu Fall bringt. Harnisch wurde bei der Stasi als "IM Egon" geführt. Dieser Fall scheint ebenso nebulös wie der des Jan Landers in Osangs "Nachrichten". Er führt weit zurück nach Rostow am Don, wo Harnisch in den 70er Jahren Philosophie studierte.

Wohin also will Harnisch mit dem "ND"-Feuilleton aufsteigen? Feuilleton, überschreit Hanisch das Dröhnen des Zweitakters, lebt von Einfällen. Nur Boulevard wird zur geistlosen Oberfläche, aber ganz ohne Boulevard ist es bloß langweilig. Das müssen die linken Theorienbastler endlich einmal lernen. Harnisch kann es schon, spätestens seitdem er im Jugendradio DT-64 "Das Gedicht am Dienstag" moderierte. Jede Woche, jahrelang. Von Bukowski bis Neruda, man kann über alles zu allen sprechen, wenn man den richtigen Ton trifft.

Harnischs Handy unterbricht. Seine Frau ist dran, sie muss jetzt dringend zu "Radio Eins" in ihre Sendung, aber kann den Citroen-Zweitwagen nirgendwo finden. Harnisch hat auch keinen Einfall und rät zur Taxi-Lösung. Solch kostspieliger Einfallsmangel ist fürs "ND"-Feuilleton nicht drin. Die Zeitung finanziert sich allein durch ihren Verkauf, bekommt kaum Anzeigen. "Es kann doch nicht sein, dass im ND so viele Nachrufe und Geburtstagsreden die Seiten füllen", ärgert sich Harnisch. Allerdings besitzt das "ND"-Feuilleton neben der "FAZ" den wohl ausführlichsten Literaturteil aller deutschen Tageszeitungen. Und es hat den virtuosen Theaterkritiker Hans-Dieter Schütt - die Leni Riefenstahl der Redaktion -, der dafür büßt, dass er mal Chefredaktuer der "Jungen Welt" war. Schütt schriebe zur Not die täglichen zwei Feuilleton-Seiten ganz allein. Das wäre dann die kostengünstigste Variante.

Am Handy ist wieder Harnischs Frau. Sie hat das Auto nun doch gefunden.

Es stand vorm Frisörladen.

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