Geruchs-TV : Mit der Nase sieht man besser

Düfte wirken direkt im Stammhirn. Doch Geruchsmedien stehen noch immer vor vielen technischen Hürden.

Angie Pohlers
Unbeschreiblich. Wie das Mirabellenmädchen im Erfolgsfilm „Das Parfum“ riecht? Im Geruchskino wüsste es nicht nur der Protagonist Grenouille.
Unbeschreiblich. Wie das Mirabellenmädchen im Erfolgsfilm „Das Parfum“ riecht? Im Geruchskino wüsste es nicht nur der Protagonist...Foto: Constantin Film

Der beißende Gestank von verfaultem Fleisch bohrt sich in die Nasenlöcher, zugleich süßlich und modrig. Und tatsächlich: Die obligatorische „Tatort“-Leiche ist gefunden, die Kommissare machen sich an die Arbeit. Ganz langsam verpufft der Leichenduft in den Wohnzimmern der Zuschauer. Eklige Vorstellung? Wesentlich verlockender wären natürlich Düfte, die der Fernseher beim Einschalten einer Koch-Show überträgt. Oder Reisereportagen: Das türkisblaue Meer wird von einem salzig-fischigen Aroma begleitet, würzige Noten ergänzen die Farben des Gewürzmarktes.

Was je nach Szenario interessant oder widerlich anmutet, ist bisher noch nicht marktfähig. Seit der Jahrtausendwende haben immer wieder Forscher an Geruchsfernsehern gearbeitet, vor allem in Fernost ist das Interesse an zusätzlichen Sinneseindrücken groß. Einigen Blogs zufolge soll sich Samsung schon Patente für entsprechende Technologien gesichert haben, dazu äußern wollte sich der südkoreanische Konzern allerdings nicht. Kein Wunder: Noch gelten Geruchsmedien größtenteils als unrealistische Spielerei.

Bilder und Gerüche per Handy verschicken

Das oPhone – eine Smartphone-Erweiterung, mit der man Bilder von Lebensmitteln und passenden Gerüchen verschicken können soll – wurde im vergangenen Sommer mit einigem Trara von dem Harvard-Professor David Edwards vorgestellt. Mithilfe von 32 Basisaromen kann das oPhone angeblich mehr als 300 000 Gerüche erzeugen. Eine Crowdfunding-Kampagne, die Produkt und Nutzer zusammenbringen sollte, scheiterte allerdings grandios – trotz unzähliger internationaler Medienberichte.

Hanns Hatt, Biologe und Geruchsforscher an der Ruhr-Universität Bochum, überrascht das nicht. „Ich kenne noch keine sinnvollen Erfindungen in diesem Bereich.“ Einen Grund, warum die meisten Entwickler an funktionstüchtigen Geruchsmedien scheitern, sieht er in der Komplexität von Düften. „Vanille kann man leicht imitieren, Kaffeearomen sind schon viel schwieriger.“ Mit den Basisaromen des oPhones dürfte das kaum zu schaffen sein, viele Gerüche bestünden schließlich aus bis zu 800 Komponenten. Um adäquate Noten zu erzeugen, bedarf es also mindestens 120 Aromen, schätzt der Forscher. Viele Duftstoffe sind allerdings chemisch instabil und müssen mit hohem Aufwand gelagert werden. Um den gewünschten Geruch zu erhalten, ist eine feindosierte Mischung notwendig. Doch schwieriger als die Produktion von Düften ist es, sie wieder loszuwerden. „Duftmoleküle bleiben überall hängen, da ergeben sich schnell eklige Mischungen.“ Zündet sich der Spielfilm-Held eine Zigarette mit einem Streichholz an, müsste es kurz nach Schwefel, dann sofort nach Rauch riechen.

„Smell-O-Vision“ im Kino

Im 20. Jahrhundert gab es viele Versuche, Filme nicht nur optisch groß rauszubringen. Bevor die Bilder überhaupt sprechen lernten, wurden blumige Parfums direkt im Raum versprüht. Vor allem in den Futurismus-verliebten Fünfzigern und Sechzigern gab es verschiedene Varianten eines Beduftungssystems, das über Düsen in den Kinosesseln oder die Klimaanlage Aromen absonderte – für den Film „Behind the Wall“ etwa den Geruch von Gras und Pferden. Doch die Technik war teuer und Kritiker bemängelten, dass die Duftnoten oft nicht zu den gezeigten Szenen passten. „Smell-O-Vision“, vielleicht das bekannteste System, gehört heute laut „Time Magazine“ zu den „50 schlechtesten Erfindungen aller Zeiten“.

„Smell-O-Rama“, „Scentovision“, „AromaRama“ und „Sensorama“, eine Art Filmkabine, in der es nicht nur duftete, sondern die auch Vibrationen erzeugte – alles scheiterte. Der letzte Versuch, das Kino auch für die Nase erlebbar zu machen, waren „Odorama“-Rubbelkarten mit mehreren Aromafeldern, wie sie etwa für den 1981 erschienenen Film „Polyester“ des Trash-Filmemachers John Waters konzipiert wurden.

Düfte wecken Erinnerungen und Emotionen

„Das hatte natürlich was Scherzartikelhaftes“, erinnert sich Robert Gaßner, Technik-Psychologe am Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, an einen Kinobesuch. Könnte man realistische Düfte produzieren, wäre es mit dem Spaß aber schnell vorbei. Der Effekt wäre groß, denn mit Gerüchen „wäre man gleich am Stammhirn“. Düfte wecken Erinnerungen, befeuern Emotionen und generieren Aufmerksamkeit. „Wahre Empfindungen können nur mit einem kompletten sinnlichen Eindruck ausgelöst werden“, betont auch Duftforscher Hatt.

Die exakte Umsetzung ist entscheidend: Entspricht die künstliche Duftlandschaft nicht den realen Erfahrungen, sind die Zuschauer oder Handynutzer schnell enttäuscht. „Jeder Mensch hat aber eine andere Vorstellung davon, wie eine Rose riecht“, sagt Hatt. Auch funktioniere der Geruchssinn bei jüngeren Menschen besser als bei Senioren. Ohne individuelle Einstellungen bei Geräten und Apps könnten manche Menschen Kopfschmerzen und Übelkeit bekommen, während andere gar nichts riechen.

Sehen, riechen, fühlen

Auch andere Sinneseindrücke wie Wärme, Kälte, Feuchtigkeit und Wind könnten dem Kino- und Fernsehpublikum ganz neue Erfahrungen bescheren. Die Wissenschaft nennt das „Multiple Sensorial Media“, kurz „MulSemedia“. Christian Timmerer, Forscher am Institut für Informationstechnologie der Universität Klagenfurt, experimentiert dazu seit einigen Jahren gemeinsam mit interessierten Studenten. Die Informatiker haben etwa ein Softwaremodul entwickelt, das mit Youtube verbunden werden könnte und entsprechend den Bildern in den Videos Informationen an Duftspender weitergeben könnte.

Allein die sinnvolle Kopplung von Düften und anderen Effekten mit Bildern sei „eine künstlerische Tätigkeit, die wir nicht erbringen können – da ist wiederum die Filmbranche gefragt“. Sei es wegen der vielen Leichen auf der Leinwand oder der empfindlichen Nasen des Publikums – noch jedenfalls verzichtet Hollywood auf „Smell-O-Vision 2.0“.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben