Glückskind : Milch aus Bierflaschen

In Michael Verhoevens „Glückskind“ wandelt sich ein Messi zum Ersatz-Großvater. Dank Herbert Knaups schauspielerischer Präsenz wird der Kitsch vermieden.

Nikolaus Von Festenberg
Aufräumen? Hans (Herbert Knaup) muss sich plötzlich um ein Findelkind kümmern. Foto: ARD
Aufräumen? Hans (Herbert Knaup) muss sich plötzlich um ein Findelkind kümmern.Foto: ARD

Das Christuskind kommt alle Jahre wieder, der „Kleine Lord“ im Fernsehen auch. Der gichtige Lord Fauntleroy wirft, wenn’s in der ARD weihnachtet und wir bis zum schönen Ende mitsingen können, vor lauter Enkel-Beglückung durch den kleinen Cedric den Krückstock weg – Kinder, Kinder.

Hans (im Unglück) Scholz (Herbert Knaup), Held in Michael Verhoevens Film „Glückskind“, geht zu Beginn als im Müll versinkender Verlierer nur innerlich am Stock, kann aber dank eines im Abfall gefundenen Babys mindestens so viel seelischen Kummer loswerden wie der von Alec Guinness gespielte englische Griesgram.

Verhoeven erzählt seine Rettung-durch-Kind-Geschichte (nach einem Roman von Steven Uhlig) milieubedingt nicht als Märchen oder romantische Erbauungsfeier. Sein Dorincourt ist eine schäbige Sozialwohnung, sein Bewohner Scholz hat alle äußere Würde verloren, die Haare sprießen wirr, die Kleidung wirkt schmutzig, er säuft, die Dreckberge wachsen, durch Treppenflure stiehlt er sich wie ein Verfolgter. Der türkische Nachbar fordert ihn auf, seine Reinigungspflichten wahrzunehmen, Hans, der abgestürzte ehemalige Buchhalter, verschwindet schnell im Fahrstuhl. Die Kamerablicke (Conny Janssen) zeigen den Verwahrlosenden schonungslos, für eventuelles Mitleid des Zuschauers bleibt keine Chance.

Das Geduckte eines Versagers

Fast schlimmer als all der Dreck um ihn herum wirken seine linkische Gestörtheit, die Dauerunruhe, das Geduckte eines Versagers, die Scham über sich selbst, die keinen Kontakt zu andern mehr zulässt.

Knaup spielt das geradezu mit aristokratischem Sündenbewusstsein. Kein Jammern kommt ihm über die Lippen, kein Herumproleten, keine Träne aus Selbstmitleid ist zu sehen. Er hat sich selbst verurteilt, misstraut allen Gefühlen. Die nämlich haben ihn – durch Fremdgängerei, Ehezerstörung und Versagen in der Vaterrolle – dorthin gebracht, wo er jetzt sitzt: in selbstverschuldetes Elend. In diesem Büßerstolz sind sie sich gar nicht so unähnlich, der versteinernde Greis zu Dorincourt und der Messi aus der Platte.

Der große Lord braucht viel Geduld, um den kleinen Lord anzunehmen. Sein schmuddeliger Bruder Hans auch, als er im Müllcontainer den Säugling entdeckt. Hier meiden gute Filme die Gefahren eines kitschanfälligen Plots. Läuterungswunder, ausgelöst durch den Blick in niedliche Kindergesichter, gibt es nur in überschwänglichen Melodramen.

Hans aber ist kein sofort verliebter Überraschungsvater, sondern äußerst vorsichtig mit dem gefundenen Kind. Die rührende Hilfe der türkischen Nachbarsfamilie nimmt er nur zurückhaltend an. Für den Vorschlag des Zeitungshändlers (Thomas Thieme), den Hans immer wieder anschnorrt, sich die Großvaterrolle zu teilen, empfindet er wenig Begeisterung: „Das ist mein Enkelkind.“

Fürsorge aus Pflichtbewusstsein

Milch gibt es bei Baby-Betreuer Scholz anfangs nur aus einer sauberen Bierflasche, eine Säuglingsausstattung erwirbt er erst, nachdem er durch das Müllkind gezwungen wird, seine Hartz-IV-Ansprüche beim Sozialamt durchzusetzen. Er tauft das Mädchen Felizia (doppelt besetzt, doppelt süß: Liv Zirkel, Ivy Zirkel).

Es ist die harte Arbeit für das Kind, die den alten Messi ändert. Fürsorge aus Pflichtbewusstsein wandelt den Schrat: Das Haargestrüpp fällt der Schere zum Opfer, Sauberkeit kehrt bei ihm zu Hause ein. Schließlich auch Vernunft: Natürlich kann er das Kind nicht auf Dauer vor der Welt verbergen.

Als die Polizei aufgrund der Anzeige des hartherzigen Kinderzeugers nach Felizia fahndet und die leibliche Mutter der Tötung beschuldigt wird, leitet Scholz völlig unsentimental die Aufklärung des Sachverhaltes ein. Er zieht sich in die Rolle eines Großvaters ehrenhalber zurück und findet Kontakt zu seiner eigenen vernachlässigten Tochter.

Keine Geigen schluchzen zum versöhnlichen Ende. Kein sentimentales Wunder ist geschehen. Verhoevens Film hat dank Knaups schauspielerischer Präsenz den Kitsch vermieden. Solches „Glückskind“ darf alle Jahre wiederkommen. Der kleine Lord bekäme Gesellschaft.

„Glückskind“, ARD, Mittwoch, 20 Uhr 15

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben