"Goebbels-Schnauze" : Vom Volksempfänger zur Volksempfängnis

Eine Stimme der unfreien Welt: Am 18. August 1933 wurde auf der Funkausstellung das spätere Massenmedium der Nazis präsentiert.

Jürgen Engert
„Goebbels-Schnauze“. Der Volksempfänger war ein Verkaufsschlager und ein perfektes Machtinstrument für Joseph Goebbels (rechts), NS-Minister für Volksaufklärung und Propaganda. Foto: picture-alliance/akg-images
„Goebbels-Schnauze“. Der Volksempfänger war ein Verkaufsschlager und ein perfektes Machtinstrument für Joseph Goebbels (rechts),...

Der Großvater war stolz. Sehr stolz. Neben dem schwarzen Kasten aus Bakelit ließ er sich fotografieren. Seine Frau durfte auch mit ins Bild. Es war für ihn Weihnachten. Obwohl Ostern war. 1934 im sächsischen Freiberg. Im Jahr zuvor, am 18. August 1933, kurz nach der Machteroberung durch die Nazis, auf der „10. Großen Deutschen Funkausstellung“ in Berlin, hatte Joseph Goebbels, der „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ den schwarzen Typ, der der Volksempfänger war, präsentiert. Den „VE 301“. Die Ziffern sollten ein triumphales Datum einprägen: 30. Januar 1933. Adolf Hitler Reichskanzler. Ihm war dieser Radioapparat, Mittelwelle, Langewelle, gleichsam gewidmet. „Wenn der Führer spricht, ist das wie Gottesdienst!“ – „Adolf Hitler, ich liebe dich“. Goebbels, der Mann mit vielen Eigenschaften, aber ohne Charakter, hatte, erst wenige Woche in Amt und Würden, den Volksempfänger ruck, zuck entwickeln lassen.

Die Eile war ein Politikum. Denn der Rundfunk, so Goebbels, sei das allermodernste und allerwichtigste Massenbeeinflussungsmittel, das es überhaupt gebe. In Zukunft müsse das Volk an jedem Ereignis von Belang teilnehmen, so dass „niemand mehr ausbrechen kann“. Dafür hatten nach detaillierten Befehlen aus der Berliner Zentrale Programm-Macher zu sorgen. Journalisten mit Kampfeseifer, „SA-Männer des Geistes“. Hammer sein, nicht Amboss. Zu schmieden die Volksgenossen, leidenschaftlich, bedingungslos. Ein Volk, ein Reich, ein Führer! Darüber sprachen sie nach Fünfundvierzig nicht. Das hatten sie glatt vergessen. In der Eile des Übergangs.

Der Großvater in Freiberg feierte mit dem Volksempfänger den Einzug der Technik in seinen Haushalt. „Ein neues Zeitalter!“ Er war fasziniert. Voller Klang im Vergleich zum Fiepsen in den Kopfhörern seines alten Detektorgeräts. Er hatte mit den Maliks im Haus gleichgezogen. Fast. Denn die hatten bereits einen Apparat, einen großen, mit einem leuchtenden magischen Auge zur Feineinstellung. 400 Reichsmark teuer. Das konnte sich der Oberlehrer mit schmalem Gehalt nicht leisten. 76 Reichsmark für den Volksempfänger, dazu zwei Reichsmark monatliche Gebühr, das war für ihn auch kein Schmutz. Auf Ratenzahlung aber, die war möglich, hatte er verzichtet. „Ich als Oberlehrer! Ich habe doch auch meinen Stolz.“

Maliks spielten sowieso in einer anderen Liga. Sie hatten auch einen elektrischen Kühlschrank und sogar eine elektrische Waschmaschine. Dass der Schwiegersohn des Großvaters, nach Besichtigen und Behören des Apparats, anmerkte: „Vom Volksempfänger zur Volksempfängnis!“, das nahm der Oberlehrer als persönliche Kränkung übel. Vom Volksempfänger zum Volkswagen: Dafür sparte der Großvater nicht an. Wöchentlich zwischen fünf und 15 Reichsmark auf ein Sammelkonto – das überstieg sein Budget. Und einen Führerschein hatte er auch nicht. Das Auto wäre ihm auch nicht geliefert worden. Denn ab 1940 lief nur noch die Kriegsversion des Käfers vom Band. Als Kübelwagen für Soldaten: drei Mann plus Maschinengewehr und Munition. Alle Räder hatten zu rollen für den Sieg, den Endsieg.

Doll war es um die technische Ausrüstung der Volksgenossen 1933 nicht bestellt. Knapp vier Millionen Radios. Deutschland unter ferner liefen in Europa; von Amerika ganz zu schweigen. Danach aber vermehrten sich die Apparate rapide. Um etwa eine Millionen pro Jahr. Der Volksempfänger hatte Schubkraft. Und er bekam Ableger. Die Produktpalette wurde vergrößert. Der „Deutsche Kleinempfänger“ DKE 38, von widerspenstigen Volksgenossen „Goebbelsschnauze“ genannt, wurde 1938 zu einem Schlager. Für 35 Reichsmark. Aus Restbeständen konnte man die Bakelitschachtel noch Mitte der fünfziger Jahre im westlichen Berlin kaufen. Für 15 D-Mark bei Radio-Bree in der Schöneberger Hauptstraße. Nach einem kräftigen Hieb aufs Gehäuse fing das Radio an zu plärren. Auch „Nigger-Jazz“. Den zu spielen hatte Goebbels 1935 „für den gesamten deutschen Rundfunk“ verboten.

1943 über 16 Millionen angemeldete Rundfunkteilnehmer. Das war nicht nur Weltniveau. Das war Weltspitze. Gehört und abgeschaltet aber wurde in privaten Räumlichkeiten. Das war ein Problem für die Propagandisten der Hitlerei. Ein Volk, ein Reich, ein Führer: Das Ideal war der Gemeinschaftsempfang. Dafür gab es ein Extragerät: DAF 1011. DAF stand für „Deutsche Arbeitsfront“, die Zwangsvereinigung von Arbeitern, Angestellten und Unternehmern. 1011 sollte erinnern an den 10. November 1933: Hitler-Rede in einer Werkhalle von Siemens in Berlin. Ein Radio als Symbol für die „Volksgemeinschaft“. DAF 1011 tönte in Betrieben, in Gaststätten, in allen möglichen öffentlichen Einrichtungen. Damit aber nicht genug. Ab 1938 wurde ein Netz aus Lautsprechersäulen für Straßen und Plätze geknüpft. Wo du gehst, wo du stehst: Uns entgehst du nicht! Rundumbeschallung.

„Unser kleiner Doktor“, der Titel für Joseph Goebbels in der Herrschaftsclique, war aber auch ein Psychologe. Er wusste: Um zu wirken, kam es auf eine Korrespondenz zwischen dem Volksempfänger als Mensch und dem Volksempfänger als Gerät an. Allein mit Parolen und Ansprachen, dem Übertragen der Reichsparteitage nebst den vielen parteilichen Feierlichkeiten rund ums Jahr war das nicht zu erzielen. Verpackung musste her. Sie war der halbe Inhalt. Also: Wir machen Musik! Und das nicht wenig. Sondern zu zwei Drittel im Programm. Nicht nur Militärmärsche und Beethoven. Tralala! „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ – „Freunde, das Leben ist lebenswert“ – „Glücklich am Morgen, glücklich am Abend“. Der Volksempfänger als Medium für Unterhaltung und Entspannung der Volksgenossen. Sie sollten bei Laune gehalten werden. Auch im Krieg. Das „Wunschkonzert“ an jedem Sonntag ein Höhe- und Sammelpunkt. Soldaten grüßten in die Heimat, die Heimat grüßte Soldaten und ein Baby-Krähen vermeldete dem Landser „draußen, an der Front“ seinen Nachwuchs. Zum Schluss gab’s dann doch noch Beethoven: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“. Wer dann nicht an Adolf dachte, war kein richtiger Volksgenosse.

Um den Glauben an den „Blitzkrieg“ und den „Blitzsieg“ nicht zu erschüttern, war seit dem 1. September 1939 das Abhören von „Feindsendern“ verboten. Der Großvater in Freiberg, dessen Zweifel proportional zum Kriegsverlauf wuchsen, mühte sich vergeblich am Volksempfänger, „London“ oder „Radio Beromünster“ reinzubekommen. „Das Ding ist eben so schwach auf der Brust.“ Er hätte so gern gewusst, was gemeldete „Absetzbewegungen“ und „Frontbegradigungen“ im Klartext bedeuteten. Da waren die reichen Maliks, die mit dem großen Radio, besser dran. Den deutschen Störsendern mangelte es an Kraft, Maliks konnten ihre Informationen mit dem Großvater teilen. Was absolutes Vertrauen voraussetze. Weil das Abhören von „Feindsendern“ lebensgefährlich war. Dafür gab es nicht nur Gefängnis und KZ, dafür wurde auch das Fallbeil betätigt.

Hitler hatte die Propaganda als „Waffe“ bezeichnet. Gewalt. Sie war der wesentliche Kern der ansonsten zusammengestückelten Ideologie der Hitlerei. Um totale Herrschaft zu gewinnen, sie zu vermehren, sie zu sichern. Heute vor 80 Jahren wurde eine der Waffen dafür gezückt. Mit dem Volksempfänger.

P.S.: Nach dem 8. Mai 1945, die Russen waren in Freiberg, machte sich der Großvater auf den Weg. Mit seinem Volksempfänger unter dem Arm. Hin zu einer Sammelstelle. Alle Radios wurden beschlagnahmt. Einen solchen Weg waren vor ihm schon andere gegangen. 1940. Juden. Ihnen hatten die Nazis auch den Besitz eines Radios verboten.

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