Götz George in seinem letzten TV-Auftritt : Der Steiger geht. Wo bleibt sein Licht?

Götz George hat es in seiner langen Schauspielerkarriere allen gezeigt. Nach seinem Tod im Juni hat er nun seinen letzten Fernsehauftritt in dem routiniert erzählten Bergwerksdrama „Böse Wetter“.

Nikolaus von Festenberg
Das Geheimnis führt in die Vergangenheit: Zwischen „Grubenbaron“ Türnitz (Götz George, rechts) und Geophysiker Gehra (Matthias Koeberlin) kommt es in der Silbermine zum handfesten Streit.
Das Geheimnis führt in die Vergangenheit: Zwischen „Grubenbaron“ Türnitz (Götz George, rechts) und Geophysiker Gehra (Matthias...Foto: ARD Degeto/Maria Krumwiede

Götz George hat es allen gezeigt. Seinem übergroßen Schauspielervater seine Kraft („George“), dem entsetzten Publikum den Wahn des Massenmörders Fritz Haarmann („Der Totmacher“), den Nichtsahnenden das erste erschütternde Porträt eines Alzheimerkranken („Mein Vater“). Er ist herrlich angestochen durch den größten deutschen Presseskandal gerast („Schtonk!“) und hat als schwerblütiges Raubein („Scheiße“) die achtziger Jahre auf ihren selbstbesoffenen Begriff gebracht („Schimanski“), dieser drahtige Urvater des Wutbürgers.

Und nun steht Götz George, der am 19. Juni gestorben ist, da in seiner letzten Rolle: Als abgekämpfter zauseliger Bergwerksbesitzer, fern vom Revier im Harz, und nuschelt in alter Frische: „Ich habe die Schnauze gehalten, das war keine Heldentat“. Eine der letzten Einstellungen. George, eine alt gewordene Freiheitsstatue unter versklavten Schauspielerkollegen, die dem modernen Fernsehen und seiner Formatierung wohl kaum je solche Freiräume abringen werden, wie er es, dieser egomane Rollenverschlinger, getan hat.

Passend zum Tag der Einheit

„Böse Wetter“ (Regie: Johannes Grieser, Buch: Nicholas Hause, Michael Gebhart) repräsentiert den State oft the Art, wie er inzwischen im Unterhaltungsfernsehen üblich ist. Und wäre es nicht der letzte Arbeitsnachweis von Götz George, würde das Mittelmaß des Films gar nicht auffallen. Eine Routineübung, passend zum Tag der deutschen Einheit. Gute DDR-Menschen, böse Stasi-Verräter. In malerische Provinz führt diese Harzreise, um hinter den sieben Bergen in Wäldern und Stollen noch mal den Flucht-Thrill von damals nachzustellen. Die sterbende DDR als ewiger Abenteuerspielplatz für Flüchtlinge und Grenzer.

Eine schablonierte Geschichte. Der Geophysiker Leonhard (Matthias Koeberlin) hat einen Roboter entwickelt, der in einsturzgefährdete Stollen tuckert, um nach Silberresten zu suchen. Denn – nicht der einzige Auftritt des Schulfunks – dieses Metall wird bald knapp werden. So kommt Leo mit seinem Gerät nach „Buchenrode“ im Harz, im Osten gelegen, heute wirtschaftlich abgehängt. Es ist der Geburtsort Leos. Da lebt seine Mutter (Gudrun Landgrebe), da managt Sandkastenfreundin Kathrin (Catherine Bode) das sieche Bergwerk des „Grubenbarons“ Tünitz (Götz George), ein altersmilder Gebieter über ein mickrig gewordenes Häufchen von Bergwerkskumpeln, die irgendwelche Metalle unter dem Brocken hervorholen und deren Zukunft vielleicht durch Silber gesichert würde.

Leo muss jedoch, bevor es ans Silber geht, sein Vaterrätsel abarbeiten. Er glaubt, sein Vater sei zu DDR-Zeiten bei einem Grubenunglück ums Leben gekommen und als sozialistischer Held gestorben. Doch der Zuschauer ahnt es schneller als der Held: Da waren Fluchtabsicht im Spiel, Stasi-Verrat und selbst auferlegtes Schweigen.

Silber wurde gesucht, es hätte Gold sein können

Das Drehbuch erzählt davon. Aber ohne Sinn für Tiefe, ohne Suche nach Gefühlen, ohne Aufspüren seelischer Abgründe. Es sucht nach Silber und könnte das Gold finden: die einmalige Chance, mit Schauspielerheroen wie George und Landgrebe eine tragische Liebesentscheidung in der Erinnerung lebendig zu machen. Stattdessen sehen wir schier endlos einem vollkommen läppischen Liebeswerben zu – Leo, anderweitig glücklich verheiratet, will seiner Sandkastenliebe partout nicht nähertreten. Auch das manchmal geradezu lächerliche Rumpeldipumpel unter Tage, in dem die Felsen die Protagonisten ein ums andere Mal knapp verfehlen, lenkt nur mäßig von der Vorhersehbarkeit der Story ab. Die Auflösung des Stasi-Verrat-Rätsels ist so schlicht wie die vom Buch erzwungene streberhafte Ausstrahlung des Leo-Darstellers Koeberlin.

Schade um die vornehme Altersschönheit Landgrebes, die nur als ziemlich stummes Dekor benutzt wird. Schade um Georges rebellisches Potenzial, um diesen Berserker, dem man ansieht, dass er in einer solchen Filmkultur nichts mehr zu suchen hat, auch wenn er in körperlicher Pflichterfüllung durch die Stollen schnauft.

Fahr dahin, großer deutscher TV-Steiger. Lass uns dein Licht bei der Hand.

„Böse Wetter – Das Geheimnis der Vergangenheit“, ARD, Montag, 20 Uhr 15

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