"Gottschalk Live" : Ein Besuch im Epizentrum der ARD-Krise

Thomas Gottschalk talkt seit Kurzem vor Publikum. Ein Ticket zur Sendung kostet acht Euro. Die Nachfrage könnte größer sein. Eine Reportage.

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Aussichten. Schaut Thomas Gottschalk (links) geradeaus, dann schaut er ins Publikum. Sieht er nach rechts, dann sieht er seine Gäste Gunter Gabriel (Mitte) und Peter Maffay.
Aussichten. Schaut Thomas Gottschalk (links) geradeaus, dann schaut er ins Publikum. Sieht er nach rechts, dann sieht er seine...Foto: ARD/Philipp Hageni

Eine kleine Umfrage zeigt, dass zahlreiche Besucher angerufen wurden, ob sie denn nicht am Dienstag, 27. März, als Zuschauer an „Gottschalk live“ teilnehmen wollten. Es wollten genug, das Studio im Humboldt-Carré an der Behrenstraße 42 in Berlins Mitte ist rappelvoll. Angerufen hat die Produktionsfirma Grundy light Entertainment, wer angerufen wurde, der steht in einer Zuschauerkartei. Wer auf diesem Wege zusagt, der muss nichts bezahlen. Das erhöht die Bereitschaft zum Leiden.

Um 18 Uhr 15 wird angetreten für die ARD-Vorabendsendung, die um 19 Uhr 20 beginnt. Es gibt Wasser aus dem Siphon, die Eintrittskarte muss ausgefüllt werden. Warten, doch kein Murren. Ungewöhnlich für ein Berliner Publikum. Im zweiten Stock wartet ja das Ziel der Begierde, es wartet Thomas Gottschalk auf sein Publikum. Den wollen sie sehen, „Gottschalk live“ haben die meisten nicht gesehen. „Ich erwarte mir nichts Großes“, „Habe nichts Gutes gehört“, „Die Privaten hätten längst abgesetzt“, tönt das Medley.

Jacken, Taschen, Handy, sämtliche Verwertungsrechte sind an der Garderobe abgeben worden, nicht aber der Respekt vor Thomas Gottschalk. Für die Studiozuschauer ist der 61-jährige Bayer unverändert ein Fernsehheld. Dankbar sind sie für 23 gemeinsame schöne Jahre mit „Wetten, dass..?“. Sie bewundern seine Leistung, sie respektieren seinen Rücktritt, was sie (noch) nicht verstehen, ist „Gottschalk live“. Nicht die Sendung, nicht die Uhrzeit, nicht den Moderator.

Das Geraune wird jäh unterbrochen. Thomas Gottschalk bahnt sich seinen Weg. Grüßt und redet nach allen Seiten, taxiert die Besucher. Zwei, drei fragen, ob er sie denn wiedererkenne, einer erinnert, der Thommy habe doch jüngst eine Cola für ihn ausgegeben. Gottschalk, der Zuschauerpolitiker, findet allerorten den richtigen Ton. Die Besucher fühlen sich willkommen geheißen. Der Star stößt auf Freundschaft, ein Heimspiel steht an.

Der Tagesspiegel-Reporter macht andere Erfahrungen. Kaum sitzt er in Reihe vier, zwängt sich ein Mann zu ihm. Der will kein Autogramm, der will Ärger. Der leitende Show-Mitarbeiter sagt: „Ich lese alles von Ihnen. Sie als Kritiker schreiben fies statt fair. Sie haben schon im Dezember gesagt, dass das nichts wird.“ Die cool gemeinte Replik, dass damit ein begabter Prophet vor ihm stehe, wird niederkartätscht. Es riecht nach Duell. Muss verschoben werden, jetzt kommen Gottschalks große Minuten. Er warmt das Publikum up. Er mischt Selbstironie („Nicht jeder Gag wird am Ende einer sein“), mit echter Ranschmeiße („Ich sehe nur hübsche Frauen“), Staunen über das meistenteils junge Publikum („Habt Ihr die ARD überhaupt auf der Fernbedienung?“) mit ernstem Appell: „Bitte an jeder Stelle klatschen, wo es geht.“ Gottschalk ist in seinem Element, der Entschluss des neuen und ersten Redaktionsleiters Markus Peichl, Thommy und Publikum in der Livesendung kurzzuschließen, ist ein wahrer Stimmungsaufheller. Thomas Gottschalk, der mit 61 Jahren plötzlich anfing, seine Locken streng von links nach rechts zu scheiteln, trägt sein Haar wieder offen. Ist nur ein kleines Zeichen, aber eines, dass wieder Hoffnung keimt im Moderator, bei den 60 Mitarbeitern.

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