Grass-Debatte bei Jauch : Kein Antisemit, ein Antiisraeli

Bei "Günther Jauch" war die Debatte um Günter Grass eigentlich das Thema. Beim Talk am Sonntag allerdings wird Grass ad acta gelegt und es beginnt die Debatte um Atombomben im Nahen Osten.

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Ein Gedicht die Folgen. Günther Jauch (l.) im Gespräch mit Schauspieler Michael Degen
Ein Gedicht die Folgen. Günther Jauch (l.) im Gespräch mit Schauspieler Michael DegenFoto: Screenshot

Und dann auch noch Günther Jauch. So dürfte mancher Zuschauer, der Grass-Debatten in allen Medien überdrüssig, aufgestöhnt haben, als er Sonntagabend nach dem „Polizeiruf 110“ die einleitenden Worte des Moderators zum ARD-Talk vernahm: „Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat ein Gedicht geschrieben, ein Gedicht, das sich nicht reimt, das muss es ja auch nicht, aber mit klarer Stoßrichtung: Es geht schon massiv gegen Israel.“

Wer dann aber dranblieb, konnte sich einerseits einen Eindruck davon verschaffen, wie wenig Rückendeckung Günter Grass zumindest in der meinungsbildenden Öffentlichkeit besitzt. Und zum anderen mitverfolgen, dass sich der Talk von der Person des Schriftstellers glücklicherweise mehr und mehr löste und sich tatsächlich dem Konflikt im Nahen Osten zwischen Israel und dem Iran zuwandte. Zunächst aber mochten selbst die vermutlich als Grass-Befürworter eingeladenen Heide Simonis und Jakob Augstein Grass’ sogenanntes Gedicht nicht in Gänze gutheißen. Simonis, die als ehemalige SPD-Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins häufig von Grass unterstützt worden war, bezeichnete es an „manchen Stellen“ als „leicht und luftig“.  Die Aufnahme in den diplomatischen Dienst hätte er damit nicht geschafft. Und Jakob Augstein, der in seiner Spiegel-Online-Kolumne orakelt hatte, dass Grass’ Gedichtzeilen dereinst zu seinen „wirkmächtigsten Worten“ zählen werden, gab zu, dass in dem Gedicht „das, was wichtig ist, erst freigelegt werden muss“.

Als vor 4,1 Millionen Zuschauern geklärt war, auch mithilfe von zwei eingespielten Interviews mit Marcel Reich-Ranicki und dem Grass-Freund Volker Schlöndorff, dass Grass kein Antisemit, aber ein „Antiisraeli“ sei (so der Schauspieler Michael Degen) und schon lange „Probleme mit den Juden und Israel“ habe (so der Historiker Michael Wolffsohn), waren die Themenkomplexe Grass und der Antisemitismus abgehakt.

Es wurde politisch. Wie gefährlich ist der Iran? Ist er womöglich gar nicht in der Lage, Israel ernsthaft zu gefährden, wie der im Publikum sitzende Nahostexperte Michael Lüders meinte? (Was ihn da so sicher macht, blieb schleierhaft.) Sind es nicht doch die Israelis, die in ihrem Selbstverteidigungsbestreben und ihrem möglichen Ansinnen, dem Iran mit einem Angriff ihrerseits zuvorzukommen, die sowieso labile Lage in der Region destabilisieren? Und was hat es mit der von Angela Merkel gemachten Aussage 2008 vor der Knesset auf sich, die israelische Sicherheit sei für sie als deutsche Bundeskanzlerin „niemals verhandelbar“?

Es ging an diesem Abend plötzlich um deutsche Waffenlieferungen an Israel, um Israels Atomwaffen, die bisher keiner Kontrolle unterliegen, um die mögliche Nuklearisierung des Irans und um leider nicht besonders realistische Abrüstungsszenarien. Es wurde lauter, wirrer, und der irgendwie besonnen wirkende Entwicklungsminister Dirk Niebel und der faktensichere Michael Wolffsohn übernahmen als Widerparts von Michael Lüders das Diskussionszepter.

Konstatieren lässt sich: Dieser Talk entpuppte sich als schlüssige Fortsetzung der Grass-Gedicht-Debatte. Warum Jauch die Sendung aber beendete mit der Einspielung eines Tänzchens von Heide Simonis mit Grass sowie der Bemerkung, der Nobelpreisträger besitze wohl nur ein einziges Sakko, bleibt sein Geheimnis. Soviel realpolitische Diskussion war Jauch womöglich nicht ganz geheuer.

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