Großindustrieller : Liberal, nicht neoliberal

Porträt des Zündkerzenerfinders Robert Bosch.

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Robert Bosch, ein Jahr vor seinem Tod im Jahr 1942. Foto: SWR/Bosch-GmbH
Robert Bosch, ein Jahr vor seinem Tod im Jahr 1942. Foto: SWR/Bosch-GmbHFoto: SWR/Robert Bosch-GmbH

Mit 25 Jahren und 10 000 Reichsmark Kapital eröffnete Robert Bosch 1886 in Stuttgart eine „Werkstatt für Feinmechanik und Elektrotechnik“. Das Spitzenprodukt des kleinen Unternehmens war der Magnetzünder, den Bosch 1902 mithilfe des Ingenieurs Gottlob Honold zu der elektrischen Zündkerze weiterentwickelte. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Schon vor dem Ersten Weltkrieg unterhielt das Werk Filialen in 33 Ländern, darunter in Schanghai. Doch Bosch war ein Unternehmer mit sozialem Verantwortungsgefühl. 1900 führte er den Achtstundentag und Betriebsrenten ein. Er sorgte für akzeptable Arbeitsplätze und beruhigte sein Gewissen über die im Weltkrieg erzielten horrenden Gewinne mit einer Millionenspende für gemeinnützige Zwecke.

Der sehenswerte Dokumentarfilm von Birgit Schulz und Angela Linders blättert die fast tragische Widersprüchlichkeit eines liberalen Großindustriellen auf, der aus dem Rahmen fiel. „Sei Mensch und ehre Menschenwürde.“ Hätte das der Kanonenbauer Krupp ebenso gesagt? Andererseits gönnte sich Bosch wie dieser eine Villa. Später empfing er hier den Hitlergegner Carl Goerdeler. Bosch verachtete die Nazis und stellte doch, nach dem Ankauf der Blaupunkt-Werke, den Volksempfänger her, der die Propaganda in jede deutsche Wohnung trug. Der NS-Staat vereinnahmte ihn nach seinem Tod im März 1942 mit einem Staatsbegräbnis.

Der vom SWR produzierte Film stellt unserem neoliberalen Zeitgeist nicht ohne Absicht das Bild eines sozial denkenden Liberalen entgegen, ohne dessen historische Irrtümer zu verschweigen. Als 1913 die Arbeiter der Bosch-Werke in den Streik traten, zeigte sich der Patriarch ehrlich entsetzt. Hatte er die – vom Film mehrmals zitierte – sprichwörtliche schwäbische Sparsamkeit auf die Lohnzahlungen ausgedehnt? Mithilfe meist wenig bekannten Wochenschau-Materials und Fotos aus dem Familienarchiv stellen die Autorinnen Aufstieg und Grenzen eines Mannes dar, der wirtschaftlich global dachte und geistig im bürgerlichen Ethos des 19. Jahrhunderts wurzelte. Gespräche mit Boschs Tochter Eva Madelung und seinen Enkeln zeugen von den Schwierigkeiten, sich diesem belasteten Erbe zu stellen. 1943 kam es zum Einsatz polnischer Zwangsarbeiterinnen in einem Außenwerk bei Berlin. Heute erbringen hoch motivierte chinesische Arbeiter in Schanghai 60 Prozent vom Umsatz des RobertBosch-Konzerns, dessen Geschichte noch zu schreiben ist.Hans-Jörg Rother

„Robert Bosch. Vermächtnis eines Großindustriellen“, ARD, 23 Uhr

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