Günther Kress : "Da wiehert der Zirkusgaul"

Zum 80. Geburtstag: Immer gut zuhören ist das Erfolgsgeheimnis von Günther Kress, der den gleichnamigen Branchendienst gründete. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht er über Informanten und Diskretion.

Kress
Günther Kress -Foto: promo

Herr Kress, verraten Sie uns ein Verlagsgeheimnis?



Sie meinen ein aktuelles? Oh nein, die Zeiten, in denen ich so etwas wusste, sind zum Glück vorbei. Ich kriege nur noch selten einen Tipp für eine Geschichte. Natürlich kümmere ich mich dann pflichtgemäß darum.

Es ist erst zwei Monate her, dass Sie im „Kressreport“ über Ärger im Stuttgarter Pressehaus berichtet haben.

Bei dieser Geschichte hatte ich einen erstklassigen Informanten, den konnte ich nicht einfach an die Kollegen vom „Kressreport“ verweisen – da wiehert der alte Zirkusgaul. Aber glauben Sie mir, gefreut habe ich mich eigentlich nicht. Ich musste mehrere Stunden rumtelefonieren und der Tag war kaputt. Ich bin Privatmann, zwei Mal in der Woche gehe ich ins Fitnessstudio, außerdem gehe ich einkaufen und lese drei Zeitungen täglich. Eigentlich habe ich für Verlagsgeheimnisse keine Zeit mehr.

Sie wollen doch nicht ernsthaft erzählen, dass Ihnen die Branche mittlerweile egal ist.

Nein, das nicht. Wenn ich meine drei Zeitungen lese, dann natürlich auch immer die Medienseiten – und abends schaue ich noch in dieses blöde Internet, das mir noch mehr Zeit raubt. Kress.de ist Pflicht, außerdem noch Spiegel Online und Süddeutsche.de.

Den Start von kress.de haben Sie als Chef gar nicht mehr miterlebt. Warum war 1996 für Sie Schluss?

Ich habe damals gemerkt, dass im „Kressreport“ etwas fehlt. Mitte der 90er Jahre fingen diese elektronischen Geschichten an – von denen habe ich nichts verstanden. Und ich habe nie über etwas geschrieben, von dem ich nichts verstanden habe.

Für einen „Crashkurs Internet“ war es zu spät?

Zum Teil habe ich mich ja damit ausein andergesetzt. Aber nicht so, dass ich mit meiner Person dafür eingestanden wäre. Außerdem war ich damals 67 und ganz schön fertig, der Dienst fiel mir von Ausgabe zu Ausgabe schwerer. Nach dem Verkauf habe ich noch drei Jahre für den „Kressreport“ geschrieben.

Sie haben den Dienst 30 Jahre alleine gestemmt. Warum haben Sie keinen Mitarbeiter gewollt?

Ich habe mich alleine wohl gefühlt. Es hat mal jemand gesagt: „Wenn der Kress seinen ‚Report’ schreibt, dann ist es, als würde er einen Brief an seine Abonnenten schreiben.“ Genau so war es: Ich habe jede Ausgabe „mit freundlichen Grüßen“ geschlossen und unterschrieben – es sollten meine persönlichen Nachrichten bleiben, in meinem Stil.

Ihre Abonnenten waren oft selbst Gegenstand nicht immer positiver Berichterstattung. Wie haben Sie zu Ihren Informanten Vertrauen aufgebaut?

Ich habe immer zuhören können. Mit dem ehemaligen Geschäftsführer des „Spiegel“, Hans-Detlev Becker, hatte ich – bei aller gebotenen Distanz – ein sehr gutes Verhältnis. Das war ein ganz ernster und strenger Herr, aber er hat mir trotzdem viel erzählt – sogar, welches Golf-Handicap er hat. Das habe ich mir gemerkt. Es sind solche Geschichten, über die man einen Zugang zu den Menschen bekommt.

Medienjournalismus ist auch immer mehr Privatfernsehjournalismus. Kein Medium, dass jüngst nicht über das „Dschungelcamp“ berichtet hat…


Ja, ist das nicht verrückt? Alle Menschen gucken diesen Mist, „DSDS“ und wie der ganze Privatquatsch heißt. Das ist so widerwärtig, ich werde gar nicht damit fertig…

…jedenfalls berichten immer mehr Zeitungen und Zeitschriften darüber – auf der Medienseite. Verstehen Sie das?

Nein, überhaupt nicht, das ist entsetzlich. Man kann sich zwar auf den Standpunkt stellen, dass diese Sendungen ein großes Publikum haben, aber: Welcher Schreiber will sich das antun? Wenn ich bedenke, dass jemand sich vor den Apparat setzen und darüber berichten muss. Interessiert das jemanden?

In Ihnen schlummert ein großes Erregungspotenzial. Wieso schreiben Sie jetzt eigentlich kein Buch über die Medienbranche?

Vielleicht bin ich auf meine alten Tage zu faul dazu. Das ist eine Heidenarbeit: Sie sammeln zwei Jahre das Material, schreiben es zusammen, und am Ende stellen Sie fest, dass es keine Sau lesen will – ein schlechtes Geschäft.

Das Interview führte Tim Klimeš.


BIOGRAFIE

Am 30. Juni 1966 gründete Günther Kress seinen Branchendienst für die Medien – den „Kressreport“, damals handgetackert und mit Schreibmaschine auf gelbem Papier geschrieben. 30 Jahre berichtete der „Dienstmann“, wie er in Verlagskreisen genannt wurde, vom Treiben in deutschen Verlagshäusern. 1996 verkaufte Kress sein Lebenswerk an den Journalisten Peter Turi und den Juristen Thomas Wengenroth, drei Jahre blieb er dem Magazin noch als Autor erhalten. Heute lebt Kress als Privatier in der Nähe von Stuttgart. tkl

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