Gute Serie, schlechte Serie : Diktatur der Quote

Schonkost und Schere im Kopf: Warum man in Deutschland keine moderne Serie erzählen kann. Dabei sind die Schränke der Sender voll mit guten Geschichten.

Peter Henning
Bryan Cranston als Walt White in der US-Serie „Breaking Bad“.
Bryan Cranston als Walt White in der US-Serie „Breaking Bad“.Foto: picture alliance / dpa

„Mad Man“, „Breaking Bad“, „Borgen“, „House of Cards“ oder „Sherlock“ . Die Amerikaner machen es uns vor, die Schweden und die Dänen können es, die Briten schon lange. Sie produzieren lang laufende Fernsehserien, die Schicksale so konsequent und originell erzählen, wie es bisher nur Romane konnten. Das deutsche Publikum liebt diese aufwühlenden und kontroversen Filme, die sich vor den Abgründen menschlicher Verwerfungen nicht scheuen und auch erzählerisch und formal neue Weg beschreiten.

In Deutschland kriegen wir das nicht mehr hin. Es gab doch hier schon mal „Ekel Alfred“ und „Berlin Alexanderplatz“. Schließlich lieben doch auch die Programmverantwortlichen des deutschen Fernsehens diese neuen Serien. Sie kaufen sie sogar, um sie dann allerdings in irgendwelchen Nischenprogrammen, am besten nachts, zu versenden.

Aufreger sind die Reality-Formate

Es traut sich niemand. Radikales und polarisierendes Fernsehen muss man mit der Lupe suchen. Die einzigen Aufreger sind die Reality-Formate der Privaten. Bei uns ist es ein Höchstmaß an Provokation, wenn im Dschungelcamp eklige Insekten gegessen werden müssen. Und was macht das von uns auf Vorschuss finanzierte öffentlich-rechtliche Fernsehen: Möglichst für die ganze Familie kompatibles Fernsehen. Das heißt, der kleinste gemeinsame Nenner.

Das Drama eines Chemielehrers, der unter dem Zwang, seine Krebstherapie zu bezahlen, zum Drogenfabrikanten wird und daran eher zugrunde geht als am Krebs, ist alles andere als Familienfernsehen alter Schule. Es tut weh, treibt die amerikanische Moral des „alles ist möglich“ auf die Spitze und wird im Extrem zu einem Spiegel der dunklen Seite des amerikanischen Traums.

Vielleicht müsste ein modernes Familienprogramm heute so sein, zumal man davon ausgehen kann, dass die sorgsam vor solchen Inhalten geschützte Jugend das sowieso alles schon kennt. Aber im Hauptprogramm der deutschen Sender sucht man es vergeblich. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte immer schon ein diskursives Medium sein, das die Deutschen nach dem Desaster des faschistischen Terrors daran gewöhnen sollte, nicht mehr wegzusehen, sondern Probleme offen anzusprechen, um auf demokratischem Wege Lösungen zu finden.

Es ist auch die Aufgabe von Filmen, Finger in die Wunden zu legen und uns zu zeigen, wie jede Entscheidung, und mag sie noch so unscheinbar daherkommen, die Schicksale ganzer Gesellschaften bestimmen kann. Auch wenn es unbequem ist. Warum muss die wichtigste Sendezeit möglichst bequem sein? Seit der berüchtigten Süßstoff-Offensive hat sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen der stabilen Quote verschrieben. Das Rezept scheint einfach: Man kopiert alles, was einmal erfolgreich war und formatiert es. Verstörendes wird gestrichen. Die Folge sind erstarrte Programmschemen.

Die Schränke der Sender sind voll

Fünf Tage die Woche geht es „heiter bis tödlich“ zu. Jeden Freitagabend garantierte Schonkost, dazwischen Krimis, weil die immer gehen, sonntags das Familienprogramm und dienstags die nette Serie. Wer ist dieses deutsche Fernsehpublikum denn eigentlich, dem man nichts anderes mehr zumuten kann: Vielleicht sind es nur fünf bis sechs Millionen, die ihren Geschmack dem Rest der Gebührenzahler aufzwingen. Da gibt es doch noch die anderen, die lieber aufregende und anregende Diskussionen führen, als sich am einschläfernden Lagerfeuer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu erwärmen. Man könnte uns wenigstens einen Abend in der Woche zugestehen. Vielleicht ab 21 Uhr, wenn die Jugend längst unter der Bettdecke „The Walking Dead“ im Internet guckt.