Medien : "Guter Rat": Stricken ist out

Susanne Tenhagen

"Vaters Uniform hängt noch im Schrank: Wir arbeiten daraus Kostüme, Jacken, Röcke", wirbt der "Gute Rat für Haus und Kleid" 1945 in seiner Erstausgabe für eine Titelgeschichte. Im November in Leipzig gegründet, erschien das Heft zunächst vierteljährlich, 16 Seiten Tiefdruck mit Schnittmusterbogen. Die Gründungsurkunde der Zeitschrift, damals aus dem Otto Beyer Verlag der Volk und Buch GmbH, stempelte der sowjetischen Kriegskommandant noch persönlich als "genehmigt" ab.

Behutsam legt Chefredakteur Werner Zedler die Urkunde auf seinen Schreibtisch. "Wir sind die älteste Ratgeberzeitschrift Deutschlands" sagt er. Heute ist der "Gute Rat" eine von drei ostdeutschen Zeitschriften, die den Umbruch überlebt haben. Doch während der "Eulenspiegel" und das "Magazin" weiterhin ihre meisten Leser in den neuen Bundesländern finden, verkauft das Verbrauchermagazin inzwischen mehr Exemplare an westdeutschen als an ostdeutschen Kiosken.

"Das war nicht leicht", sagt Zedler, der aus Wanne-Eickel stammt und zuerst bei der WAZ, später bei "Bunte" und "Quick" arbeitete. Bis 1998 leitete er das Ratgeberressort bei "Super Illu", ehe ihn die Gong-Gruppe zum Chefredakteur beim "Guten Rat" machte. Die Zeitschrift wird in der Berliner Mollstraße von 20 Redakteuren gemacht, Ost und West sind zu gleichen Teilen vertreten.

Kreativität, Lust und Spaß an eigenen Geschichten - das war die Nische des "Guten Rat" zu DDR-Zeiten. Möbel zum Selberbauen, Koch-Rezepte, Garten-Tipps, Kosmetik sowie die fast schon legendären Schnittmuster für Gardinen und Röcke. Vielen war das Blatt sympathisch, weil es nahezu unpolitisch daherkam und sich vom sozialistischen Zeitungsgeschwafel absetzte. "Zentralorgan der Mangelwirtschaft", nennt Zedler das Blatt von damals rückblickend.

Die Marktwirtschaft erklären



Nach dem Krieg half die Zeitschrift aus dem Wenigen das Beste zu machen, in der DDR schrieb sie gegen das Grau der Einheitsware an und blieb nach dem Umbruch gefragt. Der "Gute Rat" nahm seine Leser in bewährter Weise an die Hand und erklärte ihnen die Marktwirtschaft. Er startete mit der Mehrwertsteuer und landete bei "Top Fonds: Beste Rendite für ihr Geld".

Der Erfolg blieb nicht aus. "Die Auflage lag im 2. Quartal diesen Jahres bei 231 242 Heften im Monat, ein leichtes Plus gegenüber dem Vorjahr", freut sich Zedler. Die knapp 90 000 Abos werden zu fast 90 Prozent in den neuen Bundesländern verkauft, die meisten davon in Berlin und Sachsen. Die gesamtdeutschen Themen verkaufen sich jedoch an westlichen Kiosken - sie reichen vom "Bankenärger" über Steuertipps, Telefongebühren, Sparautos bis hin zum preiswerten Surfen im Internet. Dazu kommen Gesundheitstipps, Urlaubsratgeber und Ausflugs- und Reiseziele für den Herbst. Ein so genanntes "cross-over"-Verbrauchermagazin. Trotz der Bandbreite stimmt das Themenkonzept der Zeitschrift - sagen zumindest die Leserbefragungen. Der Heftpreis liegt mit 3 Mark 90 deutlich unter vielen anderen Wirtschaftszeitungen. Der "Gute Rat" behauptet im IVW-Auflagenranking nach "Börse Online" und "Capital" den dritten Platz. Zedler nennt "Börse Online" die "Mens Health der Wirtschaftspresse". Reich in drei Tagen - das sei so unrealistisch wie ein Waschbrettbauch in drei Tagen. "Wir sagen realistisch, welche Chancen unsere Leser haben. Unsere Copytests haben ergeben, dass es beim Leserverhalten Ost-West kaum noch Unterschiede gibt".

Die Leserschaft ist die eine Sache, das Anzeigengeschäft eine andere. "Unsere werbetreibenden Anzeigenagenturen sehen uns immer noch als Neulinge auf dem Markt, auch wenn wir seit 1997 im Westen durchaus präsent sind", klagt Zedler. Die größte Lesergruppe des "Guten Rat" verfüge über ein Haushalts-Nettoeinkommen von 4000 Mark. "Da müssen wir bei den Werbepartnern noch viel Überzeugungarbeit leisten", sagt Zedler.

Jeden Mittwoch fährt der Chefredakteur nach Leipzig ins Studio des Mitteldeutschen Rundfunks. Dort beantwortet er bei "Hier ab vier" Zuschauerfragen zu Themen wie Altersvorsorge und Versicherungen. Über eine Versicherung für Zeitungsmacher musste er noch nicht reden.

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