Gutes TV, schlechtes TV : London calling

Die Olympischen Sommerspiele zeigen, was Fernsehen kann. Und sonst? Eine Bilanz des Programmjahres 2012.

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Highlight und Tiefpunkt. Wie Danny Boyle die Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in London inszeniert hat, das war ein Augenschmaus. Was Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn einsam und verlassen am Ostseestrand während der ZDF-Übertragungen der Fußball-EM geleistet haben, das war schlicht und ergreifend ein Flop.
Highlight und Tiefpunkt. Wie Danny Boyle die Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in London inszeniert hat, das war ein...Foto: dapd

Ach, es ist am Ende doch alles schlecht, was läuft. Oder etwa nicht? Ein Jahresrückblick über die Fernsehleistungen 2012 kann doch nur mit Pleiten, Pech und Pannen überschrieben sein, alles andere wäre wohl eine Zumutung für jeden denkenden Menschen. Schließlich war doch auch 2012 vor allem jeden Abend Talkshow, überall war Markus Lanz, das Fernsehen entwickelt sich immer mehr zu einer Verdummungsmaschine und überhaupt!

Na ja. Es gibt dann ja noch so etwas wie die Fernbedienung, und wenn man mit der halbwegs umgehen kann, dann konnte man auch durchaus einen anderen Eindruck gewinnen, denn tatsächlich gab es 2012 herausragende Programmangebote und es gehört zur Chronistenpflicht, auch darauf hinzuweisen.

Während eigentlich die Regel gilt, dass das Fernsehprogramm im Sommer schlechter ist als im Herbst oder Winter, brachte der Sommer 2012 den TV-Höhepunkt. Während der Olympischen Spiele in London zeigte uns die BBC, was Fernsehen alles kann: Schon die Eröffnungsshow war ein einziges Feuerwerk, dagegen wirkt „Wetten, dass..?“ wie eine Kapitulation vor dem Bemühen, unterhalten zu wollen. Die BBC hat dieser Welt mal eben so gezeigt, wie das mit dem Fernsehmachen im Idealfall gehen sollte: überraschende Kameraschwenks, tolle Perspektiven, atemberaubende Zeitlupen, perfekt ausgeleuchtete Sportstätten. Die Spiele boten Fernsehen auf dem Höhepunkt seiner Möglichkeiten. Dabei musste man sich ja noch von einem Tiefpunkt erholen, denn zuvor zeigte das ZDF während der Europameisterschaft, was man alles nicht machen kann: Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn, die sich gegenseitig langweilen, an einen leeren Strand stellen und mit irgendwelchem Internetgedöns die Sendezeit in die Länge ziehen. Im Herbst war das schon wieder vergessen, denn als der Sender die Übertragung der Champions League übernahm, funktionierte auf einmal alles – auch dank Oliver Welke, der bereits mit seiner „heute-show“ so viel für das Image des ZDF getan hat, dass er längst Ehrenbürger von Mainz sein müsste.

Überhaupt das ZDF: Wissen die eigentlich, dass quasi das halbe Schattenkabinett des deutschen Fernsehens bei ihnen arbeitet? Charlotte Roche, Jan Böhmermann, Klaas Heufer-Umlauf, Joko Winterscheidt, Katrin Bauerfeind und noch so viele andere Talente, die sich durch ihr Wirken auf den diversen Digitalkanälen für Höheres empfohlen haben müssten.

Stefan Raab, da waren sich ja irgendwie alle einig, scheiterte mit „Absolute Mehrheit“, seiner Neuerfindung des Polittalks. Aber hatten die, die den Mann scheitern sahen, tatsächlich Recht? Nein, hatten sie nicht, denn auch wenn die Sendung an der einen Stelle zu viel und an der anderen Stelle zu wenig Fahrt hatte, kann man sich gar nicht genug darüber freuen, dass da einer was versucht, dass er keine Angst hat, nicht einmal vor dem Scheitern. Tatsächlich war die allererste Ausgabe von „Schlag den Raab“ nicht besonders gut – die letzte Ausgabe im Dezember hat dagegen bewiesen, dass das Format mittlerweile die beste Samstagabendunterhaltung ist.

Und damit wären wir dann bei dem Format, das es nicht mehr ist: „Wetten, dass..?“ – und Schuld daran hat natürlich nicht Markus Lanz, sondern die Verantwortlichen beim ZDF, die sich nicht entscheiden konnten, die Sendung nach dem Weggang von Thomas Gottschalk entweder zu beerdigen oder dem Konzept einen kompletten Neustart zu verpassen.

Und dann sollte man allen Gegnern des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, also denen, die sich – angefeuert durch „Bild“, die in einem Konzern erscheint, der sehr genaue Interessen verfolgt, und die in jeder zweiten Ausgabe einen Propagandafeldzug gegen die GEZ führt – immer über die 2013 in Kraft tretenden „Zwangsgebühren“ echauffieren, noch mal vorhalten, dass ARD und ZDF nicht aus Volksmusik und „Wetten, dass..?“ bestehen, sondern auch aus Reportagen und Dokumentationen. Die Redaktionen dieser Formate haben 2012 großartige Arbeit geleistet. Das herausragendste Beispiel: „Mama hör auf damit“ von Stephanie N. Linke in der ARD, in dem Erwachsene darüber sprachen, wie sie als Kinder von ihren Müttern missbraucht wurden – ein leiser, ruhiger Film, der seine ganze Wucht durch die Schilderungen der Opfer bekam; Schilderungen, die einem das Herz zerrissen.

Was war noch? Ach ja: Die Verfilmung des Romans „Der Turm“ und damit der Beweis, das man aus einem schlechten Buch keinen guten Film machen kann. Lassen Sie sich von Menschen, die keine Ahnung vom Fernsehen haben, bitte nichts anderes erzählen, und lassen Sie sich bitte von jemandem, der Ahnung vom Fernsehen hat, erzählen, dass der beste Sonntagabendkrimi der ARD nicht aus Münster kommt und auch nicht aus Hannover, auch wenn die Quoten so tun. Besser als der „Polizeiruf“ aus Rostock ist im Moment in diesem Genre gar nichts.

Wir hatten den Kandidaten Aaron Troschke bei „Wer wird Millionär?“, der Günther Jauch zu seiner besten Talkleistung in diesem Jahr brachte. Wir haben jetzt Jörg Hartmann, dessen erster „Tatort“ aus Dortmund ein Versprechen war. Und wir hatten leider auch wieder ein „Dschungelcamp“ und „DSDS“ und „Germany’s Next Topmodel“ aber so richtig interessiert hat das niemanden und spätestens 2013 wird sich niemand mehr für „The Voice“ interessieren.

Interessiert sich noch wer für Harald Schmidt? Angeblich kaum jemand, die Quoten seiner Sky-Show sollen sehr, sehr schlecht sein, dabei war er, Schmidt, sehr, sehr gut in seinen letzten Sat-1-Sendungen. Ende April beispielsweise war eine jener Ausgaben der Harald Schmidt Show, bei der man eine Stunde lang grinsend vor dem Fernseher sitzt – weil es immer noch eine Freude ist, wenn man Menschen dabei zuschauen kann, wie sie Sachen machen, die sie können. Schmidt hat das Bochumer Symphonieorchester eingeladen, die Musiker spielen „Carmen“ und „Die Hochzeit des Figaro“, einmal dirigiert Schmidt, einmal singt Anke Engelke (die übrigens in diesem Jahr beim Europäischen Filmpreis so nebenbei gezeigt hat, was für eine großartige Moderatorin sie ist – gesehen, Herr ZDF-Chef Bellut?) ein Lied von Elton John. Das machte, natürlich, überhaupt keinen Sinn, aber es zeigte wieder einmal, wie gut der Mann ist, wenn es zu Ende geht, wenn ihm alles egal ist. Und vielleicht ist es ihm jetzt auch egal, wenn keiner guckt, aber: Wenn keiner guckt, ist es kein Fernsehen.

Dieser Satz ist leider nicht vor mir, den habe ich geklaut. Aus dem Trailer einer neuen Sitcom, die 2013 im ZDF laufen wird. Der Arbeitstitel der Serie lautet „Lerchenberg“, also wie der Ort, an dem das ZDF zu Hause ist. Der Trailer macht Hoffnung, denn er erweckt den Eindruck, dass das Fernsehen in der Lage sein kann, mit Selbstironie das eigene Tun zu beschreiben. „Lerchenberg“ könnte ein erster Höhepunkt des Fernsehjahres 2013 werden.

Mit Sicherheit ein Höhepunkt wird die Ausstrahlung der US-Serie „Homeland“ sein. Der Sender Sat 1 wird die erste Staffel ab Anfang Februar zeigen. Was US-Serien angeht, ist das deutsche Fernsehen immer noch zu langsam, aber bei „Homeland“ lohnt das Warten, denn so etwas hat es zuvor noch nie gegeben, so etwas kam noch nie aus dem Land, aus dem immerhin „The Wire“ kommt und „Breaking Bad“ und „Game of Thrones“ und „24“ – jene Serie, mit der alles begann. Die Macher von „24“ sind auch die Macher von „Homeland“ und obwohl die neue Serie langsamer erzählt ist und mit weniger Action auskommt, ist sie doch krasser, irrer und die Hauptfigur, eine CIA-Analystin (gespielt von Claire Daines), ist hundert Mal kaputter und gestörter als es Jack Bauer, der Held aus „24“, jemals war. In „Homeland“ gibt es kleine Szenen, die einem als Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren lassen und die einen vor dem Fernseher ausrufen lassen: „Das gibt es doch wohl nicht!“

Doch. Das gibt es. Ist ja schließlich nicht alles schlecht, was so läuft.

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