Hamburger Konferenz : Nie gelangweilt

Franziska Augstein und die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier treffen 50 Jahre nach der „Spiegel“-Affäre aufeinander.

Benjamin Haller, Almut Kipp
Schlagabtausch der Töchter. Wenn Monika Hohlmeier (links) über ihren Vater Franz Josef Strauß redet, ist sie nicht zu bremsen. Das musste auch Franziska Augstein feststellen. Foto: dpa
Schlagabtausch der Töchter. Wenn Monika Hohlmeier (links) über ihren Vater Franz Josef Strauß redet, ist sie nicht zu bremsen. Das...Foto: dpa

Ihre Väter waren sich in inniger Abneigung verbunden. 50 Jahre nach dem Höhepunkt der legendären Fehde von „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein und Franz Josef Strauß lieferten sich ihre Töchter nun einen munteren Schlagabtausch, als sie erstmals auf einem Podium aufeinander trafen. Mal spitzzüngig, mal angriffslustig, mal kokett – bei einer Diskussion über den Polit-Thriller des Herbstes 1962 duellierten sich Franziska Augstein (48) und Monika Hohlmeier (50) am Sonntag in Hamburg auf Augenhöhe. Auch wenn sich die beiden Frauen nicht in vielen Punkten einig wurden, stimmten sie doch in einem Urteil über die Väter überein: „Gelangweilt haben sie nie.“

Sie sei ja der Einladung in „die Höhle des Löwen“ gefolgt, sagt der stellvertretende „Spiegel“-Chefredakteur Martin Doerry zu Hohlmeier zu Beginn. Schließlich hatten das Magazin und Rudolf Augstein jahrelang gegen den „gefährlichen Mann“ Strauß, der niemals Bundeskanzler werden sollte, angeschrieben. „Wenn es um Franz Josef Strauß ging, war der Fokus des ,Spiegel‘ schon besonders scharf“, meint die frühere bayerische Kultusministerin Hohlmeier. Vor allem die Feindseligkeit im „brutalen Wahlkampf“ von 1980, die auch in dem Hamburger Magazin transportiert worden sei, habe dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten ganz tiefe Verletzungen zugefügt. Sie sei auch hier, um manch Lebenslügen über ihren Vater zu reduzieren, sagt Hohlmeier, die für die CSU im Europaparlament sitzt.

In der „Spiegel“-Affäre, an deren Ende Strauß seinen Posten als Verteidigungsminister verlor, sei sich ihr Vater seiner Fehler sehr wohl bewusst gewesen. „Das war für ihn eine ganz, ganz tiefe Wunde.“ Rückblick: Auch auf Betreiben des Atom-Befürworters Strauß wurde nach einem kritischen „Spiegel“-Artikel über die Bundeswehr („Bedingt abwehrbereit“) im Oktober 1962 die Redaktion in Hamburg durchsucht. Herausgeber Rudolf Augstein kam für 103 Tage in Untersuchungshaft – doch am Ende blieb vom Verdacht des Landesverrats nichts übrig. Augstein und seine Mitstreiter wurden als Freiheitsheroen gefeiert, der „Spiegel“ festigte seinen Ruf als „Sturmgeschütz der Demokratie“, Strauß musste hingegen seinen Platz im Adenauer-Kabinett räumen und sich gen Bayern schleichen. Franziska Augstein hält viele der Vorwürfe, die ihr Vater gegen Strauß in seinen Artikeln richtete, auch rückblickend für verständlich und gerechtfertigt. Zugleich habe ihr Vater Strauß für dessen Humor und analytische Intelligenz geschätzt. Ohnehin habe er vielerlei Anlass gehabt, dem Widersacher aus dem Süden dankbar zu sein, schließlich habe sich die Auflage des „Spiegels“ damals fast verdoppelt, so die Feuilletonistin der „Süddeutschen Zeitung“.

Nach Strauß' Tod machte der Augstein seinen Frieden mit dem „barocken Menschen“ aus Bayern. Er sei diesem „flamboyanten Altbayern“ zum Schluss so wohlgesonnen gewesen wie nur irgendeinem, sagte Augstein in der TV-Dokumentation „Machtmaschine Strauß“ anlässlich von Strauß' Tod 1988. Fast wehmütig schloss er: „Die Zeit, da Männer noch wussten, wo es langgeht und da sie noch Geschichte machten, sie ist für uns auf immer vorbei. Gott mit Dir, Franz Josef Strauß.“ Für die Tochter war dies ein letzter Seitenhieb ihres Vaters: Augstein habe am Ende mit einer perfiden, wirklich boshaften Jovialität über Strauß geredet – weil dieser unwichtig geworden sei.

Das Schlusswort hatte allerdings Altkanzler Helmut Schmidt, nach dessen Ansicht das demokratische Bewusstsein der Deutschen gestärkt sei. „Die demokratischen Instinkte sitzen heute tiefer als 1962 und 1968“, sagte der SPD-Politiker in Hamburg. Sollte heute die Pressefreiheit ähnlich in Gefahr geraten wie 1962, würde er nach eigenen Worten protestieren: „Wenn ich dann noch unter den Lebendigen bin, gehe ich auch noch mit auf die Barrikaden“, sagte der 93-Jährige.

Benjamin Haller/Almut Kipp, dpa

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