Helmut Schmidt : Hanseatischer Guru

Sandra Maischberger ist ein sehr persönliches Helmut-Schmidt- Porträt gelungen.

Simone Schellhammer
Helmut Schmidt
Sandra Maischberger begleitete Helmut Schmidt fünf Jahre mit der Kamera, auch bis nach China. -Foto: NDR

„Eine Hommage“ sei es geworden, sagt Sandra Maischberger über ihren Film, und so ist am Anfang Schlimmes zu befürchten. Der letzte Staatsmann mit Format, der Einzige, der den Überblick behalten hat, immer noch auf Achse, nie außer Dienst, stets mitten im Weltgeschehen, ob in den USA oder China, stoisch und eigensinnig, spröde und charmant – Helmut Schmidt, wie ihn alle kennen und mögen, aus der Perspektive einer Bewunderin. Dazwischen sieht man Aufnahmen von der Entstehung einer Schmidt-Büste – hier soll offenbar ein Denkmal gesetzt werden. Doch dann kommt es anders. Ein Film über das Altwerden entfaltet sich und darüber, wie man 65 Jahre lang in Würde verheiratet sein kann.

„Ich klapper von oben bis unten“, sagt der 88-Jährige, der einen Stock zum Gehen braucht und fast taub ist, „aber das Gehirn funktioniert noch prima. Dummerweise muss ich jetzt mit diesem scheiß beschädigten Ohr hören.“ Auch wenn Emotionen, wie Schmidt sagt, nicht seine starke Seite sind, spürt man seine Wut über die Zumutungen des Alters. Mit dem vierten Herzschrittmacher und beständigem Zigarettenrauchen schätzt er seinen Gesundheitszustand in gewohnt realistischer Manier ein: „Es kann gut sein, dass ich morgen oder übermorgen abgerufen werde.“ Als er im Mai 2007 durch Asien reist, hat seine Frau Loki einen Schwächeanfall. Was wird sein, wenn einer von beiden stirbt, fragt Sandra Maischberger. Antwort gibt Theo Sommer, ehemaliger „Zeit“-Herausgeber und enger Freund der Schmidts. Hanseatisch zurückhaltend sagt er, dass der eine dem anderen wohl bald nachsterben werde. Sommer beschreibt die stabile Ehe der beiden und deutet diskret an, dass Helmut nicht immer treu, Loki aber stets bewundernswert loyal war. Auch ihre Fehlgeburten und den früh verstorbenen kleinen Sohn spricht Maischberger in den Interviews an, was gerade wegen Helmut Schmidts reservierter Art sehr intensive Momente sind.

Die Inszenierung übernimmt Schmidt selbst

Fünf Jahre lang hat die Journalistin mit ihrem Mann, dem Kameramann Jan Kerhart, den Ex-Kanzler auf Reisen begleitet und in Hamburg und im Ferienhaus am schleswig-holsteinischen Brahmsee besucht. Dabei entstehen die interessantesten Gespräche, wenn Maischberger es wagt, an dem Denkmal zu kratzen. In einer Szene sitzen die beiden an der Hausbar. Schmidt erzählt, dass er gerade ein Buch des Papstes lese und ihn in Sachen Sexualität sehr rechthaberisch finde. „Dann haben sie ja schon etwas gemeinsam“, sagt Maischberger. In den Situationen, in denen Schmidt schweigt oder nur raucht, schafft die Kamera eine dichte Atmosphäre. Jan Kerhart, der schon Helmut Kohl porträtierte, macht diese unaufgeregten Bilder, die bei aller Intimität immer eine gewisse Distanz wahren. Inszenierungen sind nicht seine Sache.

Die übernimmt Schmidt lieber selbst. Zu einem amerikanischen Senator sagt er augenzwinkernd: „We are good pretenders.“ Dass er nicht nur ein guter Staatsmann, sondern auch ein guter Staatsschauspieler war, bestätigt Theo Sommer. In der „Zeit“-Redaktion hingegen ist Schmidt bei den Konferenzen offenbar eine Art Guru, der die Diskussion der aufgeregten Herren pragmatisch in einem Schlusswort zusammenfasst. Sandra Maischberger, die bereits für das Buch „Hand aufs Herz“ vier Gesprächsrunden mit Helmut Schmidt moderierte, ist trotz aller Bewunderung ein spannender Film gelungen. 90 Bänder zu je 45 Minuten wurden in fünf Jahren gedreht. Stoff genug für ein weiteres Stück.

„Helmut Schmidt außer Dienst“, ARD, 22 Uhr 45

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