Hetze im Netz : „Die Situation ist eskaliert“

Interview mit der Internetexpertin Erin Saltman über Hasskommentare und Gegenreaktionen.

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Hetze mit Hashtag. Wenn der Flüchtling zum „Kanaken“ wird.
Hetze mit Hashtag. Wenn der Flüchtling zum „Kanaken“ wird.Foto: dpa

Frau Saltman, Sie forschen über Hasskommentare im Netz. Sind Sie selbst schon in dieser Form bedroht worden?

Ja, ich bin auf Twitter von zwei anonymen Nutzern bedroht worden. Ich habe die Konten daraufhin gemeldet, sie wurden gesperrt. Eine Lösung für das Problem ist das aber nicht.

Eine andere Lösung gibt es aber bisher nicht, um gegen Hasskommentare vorzugehen. Soziale Medien wie Facebook setzen auf ein System der Selbstregulierung, sie prüfen Kommentare erst dann, wenn sie von anderen Nutzern gemeldet werden. Ist dieses System tatsächlich das beste?

Es wird niemals eine perfekte Lösung geben. Die Online-Welt funktioniert nun einmal nicht wie die Offline-Welt, man kann also keinen Katalog mit Regulierungen erlassen, die bis ins Detail bestimmen, welche Formulierungen erlaubt sind und welche gelöscht werden. Es ist beispielsweise legal, wenn ein Nutzer schreibt: Ich hasse Amerika. Es ist aber illegal, wenn er schreiben würde: Ich erschieße einen Amerikaner. Dies über einen Algorithmus filtern zu lassen, ist für Unternehmen wie Facebook quasi unmöglich.

Machen es sich Facebook & Co aber nicht sehr einfach, wenn sie sagen, dass sie erst auf Nutzermeldungen hin reagieren?

Niemand ist derzeit in einer komfortablen Rolle, denn die Situation ist eskaliert. Und das ist nicht nur ein Online-Problem. Mit dem Erstarken der Terrorgruppe ISIS geht ein wachsender Rechtsextremismus und gefährlicher Nationalismus einher, diese Entwicklungen spiegeln sich entsprechend in den sozialen Medien wider. Was wir dabei beobachten, ist, dass eine extreme Minderheit den Diskurs online manipuliert.

Inwiefern?

Die Art, wie wir online kommunizieren, ermutigt zu extremen Meinungen. Bei manchen Themen haben wir ganz natürlich Gegenreaktionen, beispielsweise bei sexistischen Kommentaren oder wenn es um Homophobie geht. Bei Kommentaren oder solchen, die Gewalt verherrlichen oder zu Gewalt aufrufen, bleiben diese Reaktionen oft aus, eben weil die Nutzer sich davor fürchten, selbst angegriffen zu werden.

Bundesjustizminister Heiko Maas hat mit Facebook und Gruppen wie No-Nazi.net kürzlich eine sogenannte Taskforce gegen Hasskommentare im Netz gegründet, die auch von Ihnen beraten wird. Was kann diese Taskforce tatsächlich bewirken?

Erst mal ist es wichtig, dass sich die Teilnehmer nicht gegenseitig als „bad guys“ sehen. Das sind diejenigen, die Hass im Netz verbreiten. Es ist deshalb bereits ein guter Anfang, wenn die Regierung, die privaten Unternehmen und die zivilgesellschaftlichen Gruppen in Dialog miteinander treten. Aber das reicht sicher nicht. Eine transparentere Zusammenarbeit wäre wünschenswert, beispielsweise, wenn es eine bessere Datenerhebung darüber gibt, welche extremistischen Gruppen mit welchen Profilen in den sozialen Medien vertreten sind.

Erin Saltman forscht am Londoner  „Institute for Strategic Dialogue“ über  Hasskommentare und  Radikalisierung im Netz.
Erin Saltman forscht am Londoner „Institute for Strategic Dialogue“ über Hasskommentare und Radikalisierung im Netz.Foto: Promo

Um deren Inhalte dann effizienter zu löschen?

Nicht zwangsläufig, denn je mehr man sich auf Zensur konzentriert, desto mehr widmet man sich nur dem Symptom des Hasses und Extremismus, nicht aber dem Auslöser dafür. Manchmal ist das Löschen von solchen Kommentaren oder Nutzerkonten sogar kontraproduktiv, weil die Nutzer dann einfach ein neues öffnen und sich damit rühmen, dass sie so gefährlich sind, dass man sie jetzt schon zum 15. Mal gesperrt hat, was ihnen nur noch mehr Aufmerksamkeit und Anhänger bringt.

Was ist dann die Lösung?

Ein Anfang wäre, zivilgesellschaftliche Gruppen so zu unterstützen, dass sie effektiv zur Gegenrede ermutigen. Auch ist es wichtig, Kinder und Jugendliche bereits früh dafür zu sensibilisieren, wie sie auf Hasskommentare reagieren können. Das passiert bereits, aber noch nicht in ausreichendem Umfang. Denn die Radikalisierung wird weiter zunehmen, wenn es niemanden gibt, der dagegenhält.

Das Interview führte Sonja Álvarez.

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