Hetze im Netz : "Ich bin ja kein Nazi, aber..."

Facebook ahndet offensichtlich volksverhetzende wie antisemitische Kommentare nicht - mit dem Hinweis, dass dabei nicht gegen die Gemeinschaftsstandards verstoßen wird. Wie auf Tagesspiegel.de die Debatten moderiert werden, lesen Sie hier.

von
Facebook scheint überfordert.
Facebook scheint überfordert.Foto: [M] - Carsten Bachmeyer Fotolia, Daniel Reinhardt, dpa

Facebook ist ein US-amerikanisches Unternehmen. Die Meinungsfreiheit ist dort wie in Deutschland in der Verfassung verankert. In den USA wird diese allerdings sehr weit ausgelegt. So werden oft auch volksverhetzende oder verfassungsfeindliche Äußerungen geschützt, die in Deutschland durchaus unter Strafe stehen würden. Facebook führt augenscheinlich diese Linie auch in Europa fort.

Auf der Facebookpräsenz vom Tagesspiegel trifft sich ein breites Publikum. Die Registrierung erfolgt hier beim Seitenbetreiber Facebook, der darauf hinweist, sich mit Klarnamen anzumelden. Geprüft wird dies scheinbar nur gelegentlich und bei offensichtlichen Phantasienamen. Ein geschriebener Kommentar ist sofort sichtbar, kann aber vom Seitenadministrator entfernt werden.

Mit dem Hinweis, dass nicht gegen die Gemeinschaftsstandards verstoßen wurde, werden offensichtlich volksverhetzende wie antisemitische Kommentare von Facebook nicht geahndet oder entfernt. So auch unsere Erfahrung. Selbst der Aufruf zu Gewalttaten sei in den meisten Fällen kein Regelverstoß.

Bei sexuell anzüglicheren Beiträgen oder Fotos, welche man in Deutschland eher dem westlich geprägten Freiheitsgefühl zuordnen würde, reagiert Facebook hingegen ausgesprochen zügig und löscht. Hierzu muss nicht mal ein Meldevorgang vorliegen - Facebook prüft auch selbst.

"Dann gehörst Du in ein Vernichtungslager. Lieber ein NAZI sein, statt ein schwuler Jude - Heil" - Von Facebook geprüft und für gut befunden.
"Dann gehörst Du in ein Vernichtungslager. Lieber ein NAZI sein, statt ein schwuler Jude - Heil" - Von Facebook geprüft und für...Foto: Screenshot Facebook [M]

Nutzer haben die Möglichkeit, Kommentare bei Facebook zu melden. Diese werden dann von Moderatoren, Facebook nennt sie User-Operations-Team, und Muttersprachler der jeweiligen Region bearbeitet.  Wenn man schließlich die Antwort erhält, es sei im Sinne der Gemeinschaftsstandards, wenn ein Nutzer alle Juden als schwul bezeichnet und sich deren Tod wünscht, begegnet man der Laissez-Faire-Haltung des Facebook-Operations-Teams eher mit Unverständnis und Kopfschütteln. Auch unsere Moderatoren treffen mal Fehlentscheidungen, aber wurde dieser gemeldete Kommentar wirklich gelesen und geprüft? Oder wurde nicht verstanden, was damit gemeint war? 

Das Durchsehen von Kommentaren ist eine Dauerherausforderung

Der sachliche, themennahe Austausch sollte in Debatten im Vordergrund stehen, persönliche Provokation weitgehend vermieden werden – so zumindest unser Anspruch auf Tagesspiegel.de. Eine lebendige Community zu betreuen mit überwiegend freien Mitarbeitern, denen dieser Job meist als Sprungbrett in die Medienbranche dient, birgt dabei die höchste Fehlerquote beim Sichten der Kommentare.

Bis neue Kollegen eingearbeitet sind und einen sicheren Überblick über die Stammnutzer erhalten, können gut sechs Monate vergehen. Um die Fehlerquote möglichst gering zu halten, diskutieren unsere Moderatoren bei Teamsitzungen über Kommentare, die für eine Eskalation gesorgt haben oder deren Einschätzung ihnen im Rahmen der Richtlinien schwer fiel. Dabei handelt es sich oft um aggressivere Diskussionen zwischen Nutzern, aber auch um subtile Hassbotschaften aus allen extremen Lagern.

"Erschießen muss man die einfach..."
"Erschießen muss man die einfach..."Foto: Screenshot Facebook

Auf Facebook treten aktuell die gröbsten Hasskommentare bei Flüchtlingsdebatten auf. Kraftausdrücke und Herabwürdigungen von Bevölkerungs- oder Religionsgruppen lesen wir dort täglich. Antisemitische Kommentare oder gezielte Aufrufe zu Mord werden teilweise mit Klarnamen gepostet. Hasspropaganda wie Verschwörungstheorien finden sich in nahezu jeder politischen Diskussion. Die Angst vor Strafverfolgung scheint auf Facebook schließlich geringer und die Hemmschwelle, andere Menschen zu diffamieren und zu denunzieren, aufgehoben. 

Hetzkommentare aus rechtsextremen Kreisen sind meist auch orthografisch unterirdisch.
Hetzkommentare aus rechtsextremen Kreisen sind meist auch orthografisch unterirdisch.Foto: Screenshot Facebook

Hasserfüllt und voller Überzeugung werden Hetzkommentare verbreitet und als Position einer angeblich schweigenden Mehrheit präsentiert. Quellen für Argumente stammen nicht selten von unseriösen Webseiten, die im Internet mittlerweile in großen Massen falsche Fakten verbreiten oder Grundsteine für Hetzkampagnen legen. Sofern die Nutzer sich nicht ohnehin schon selbst preisgegeben haben, dienen Dechiffrierungs-Versuche oft als Mittel in links- wie auch rechtsextremen Netzwerken, seine politischen Gegner einzuschüchtern. Der Schritt in die reale Welt ist nicht weit – so offensichtlich die Botschaft.

Sollte Hetze Diskussionsgrundlage sein?

Sicherlich löst man mit dem Löschen solcher Kommentare keine Probleme. Aber will man wirklich darüber diskutieren, ob alle Juden schwul seien? Oder ob Flüchtlingsheime brennen sollten? Man mag vielleicht nicht gleich Nazi sein, wenn man Asylbewerber stigmatisiert, aber gerade Kommentatoren, die Flüchtlinge asozial nennen, sie als minderwertig, nicht leistungs- und integrationsfähig verunglimpfen, beginnen ihren Kommentar nicht selten mit den Worten: „Ich bin ja kein Nazi, aber...“ und bedienen sich prompt und möglicherweise auch unbewusst dieser Nazi-Rhetorik, Menschen zu entmenschlichen, da deren Existenz angeblich die „Volksgemeinschaft“ gefährde.

Man erhält oft den Eindruck, ein guter Mensch zu sein, sei etwas Schlechtes, Hilfsbereitschaft sei verachtenswert und die Not anderer, die nimmt man missbilligend in Kauf oder wiegt sie mit dem Leid anderer Hilfebedürftiger auf. Mehrere Dutzend Likes sind einem mit solch einer Position zumindest auf Facebook sicher.

165 Kommentare

Neuester Kommentar