Heute-Show in der TV-Kritik : "Ein Haufen Scheiße" - das reicht nicht

Sie ist wieder da, die Nachrichtensatire "heute-show". Nach zwölf Wochen Sommerpause werden Politik, Probleme und Klaus Wowereit abgehandelt. Leider auf Fäkalniveau.

Richard Weber
Oliver Welke, Zeremonienmeister
Oliver Welke, ZeremonienmeisterFoto: ZDF

„Scheißen oder runter vom Pott“, „Auf dem Scheißhaus ...“, „Weil sie Scheiße drauf sind!“, „Wie kann man auf so ne Scheiße kommen?“, „Für jeden Scheiß ...“, „Ein Haufen Scheiße!“. Debüt einer neuen Talkshow mit Schwer-punkt WC? Oder nur eine Hitparade saftiger Latrinenparolen? Die „heute-show“ ist zurück. Zwölf Wochen Sommerpause. Da hat sich nicht nur fäkal-mäßig einiges angesammelt. Auch sonst kennt hier keiner ein Formulierungs-Tabu: „Elende Kollegenschweine“, „Abgewrackte Altparteien“, „Hippie-Ötzi“, „Flinten-Uschi“, „Erbärmliche Obama-Nutte“.

Sublime Wortspiele, raffinierte Bonmots – aber hier doch nicht. In dieser Nachrichtensatire wird mit verbaler Mistgabel ganz tief im Sprachdreck gewühlt. Alles nur tief-schwarz oder strahlend weiß. Zwischentöne kennt und liebt man nicht im „heute-show“-Märchenland. Politiker sind blöd, faul und debil oder debil, faul und blöd. Probleme, Affären oder Konflikte, alles wird auf Strichmännchen-Niveau abgehandelt.

Trotzdem – alles was Verantwortung hat im großen ZDF, betet sicher glückstrunken ein Hallelujah nach dem anderen runter. Freitag – 22 Uhr 30, die Zeiten unterirdischer Quoten an diesem Sendeplatz sind vorbei. Am Premieren-Freitag sahen beachtliche 2,81 Millionen zu. Jeder Versuch, an Stelle der „heute-show“ etwas ähnlich Erfolgreiches zu etablieren, ist sang- und klanglos gescheitert. Auch Oliver Welke und Co, der Gag-Zeremonienmeister mit hohem Haaransatz und sein Ensemble aus guten und verdammt schlechten Humorarbeitern, können befreit aufatmen. Die Periode nerviger und schlecht bezahlter Gastauftritte in anderen Sendungen ist vorbei. Jetzt kommt wieder regelmäßig Geld aufs Konto. Und noch jemand kann fröhlich jubilieren. Die geballte Belegschaft deutscher Stammtische. Ihr Zentralorgan, dieses Sammelsurium ungeprüfter Vorurteile, altbackener Klischees und das Sichtfeld einengender Scheuklappen ist wieder da.

Die „heute-show“-Attitüde – wir erklären die Welt, ohne uns mit  schwierigen und vielschichtigen Informationen zu belasten - wird mit quoten-gieriger Arroganz auf den Bildschirm geknallt. Da wird der IS-Konflikt von Aggro-Männchen Gernot Hassknecht in einer 95 Sekunden-Nummer verwurschtelt. Eigentlich ziemlich bemerkenswert, das Hassknecht es Sendung für Sendung schafft, immer die gleichen cholerischen und zugleich öden Wutausbrüche abzuliefern.

Der nächste Sketch, eine Reporter-Nummer. Rohrkrepierer wäre schon ein zu großes Lob für diesen Schmieren-Auftritt. Dietrich Hollinderbäumer, bekannt als Bastian Pastewkas Vater Volker in der Comedy-Serie „Pastewka“ spielt den Korrespondenten Ulrich von Heesen. Erst verbreitet er für eine handvoll Euro russische Propaganda, dann, für ein paar Euro mehr, wird er zum Aljazeera-Mikro-Halter mit Zottelbart und Turban. Zum Schluss liefert noch Martina Hill als Tina Hausten eine anstrengende Parodie auf Klaus Wowereits Rücktritt. Kaum sagt der Regierende Bürgermeister von Berlin Adieu, schon strahlen und fahren wieder alle Berliner S-Bahnen. Und selbst die Straßen der Hauptstadt sind so sauber, dass man von dort sogar Döner essen kann. Immerhin, es gibt auch witzige Momente. Christian Ehring und Oliver Welke stellen fest, dass im Programm der Sachsen-AfD auf Seite 23 ein ganz fürchterlicher Vorschlag steht: „Sofortige Abschaffung der Rundfunkgebühr!“ Angstvoller Schrei der beiden. Und die sicher nicht gewollte Erkenntnis, dass auch unwählbare rechtspopulistische Parteien hin und wieder einen Geistesblitz haben.

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