Medien : Hinter goldenen Gittern

Die neue Arte-Dokusoap zeigt das Leben im Eliteinternat Salem zwischen Gebeten und Alkoholkontrollen. Einer, der fünf Jahre dort war, erkennt seine alte Schule nicht wieder. Von Jochen Senf

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Das ultimative Fernsehnichts hat jetzt also auch Arte erreicht. „Zusammen sind wir stark“ heißt die erste Folge der 5 teiligen Doku-Soap über das ehrenwerte Internat Salem am Bodensee, die gestern lief. Der Verfasser dieser Soap, Florian Fickel, ist ein Meister des Auslassens. Wo liegt Salem? Man erfährt es nicht. Salem ein aus der Geographie heraus gerissener Ort im privilegierten Niemandsland? Es gibt fast nur Innendrehs. Ohne jede räumliche Orientierung. Ein Labyrinth aus Kammern und Räumen, gefüllt mir Schülern, als Metapher des Nirgendwo? Richtungslos ohne jede Aussicht auch nur irgendwohin?

Dabei liegt Salem eingebettet in einer der bedeutendsten Kulturlandschaften Europas. Salem selbst ist ein bemerkenswertes Bau- und Kunstdenkmal der späten Gotik und des Barock. In den Kreuzgängen einzigartige Malereien. Die nahe Birnau, ein Juwel des Hochbarock, 20 Minuten dahin beim Joggen. Das Kloster St. Gallen, mit Salem geistesverwandt, Wiege deutscher Sprache, fast in Radfahrweite. Es gab und gibt in Salem den einzigartigen Reiz der Verwobenheit von Landschaft, Architektur und Zeit und den Menschen, die in dieser Verwobenheit leben und lebten. Ich kenne keinen Salemer, der davon nicht geprägt wäre. Jeder auf seine Weise. Diese Landschaft und ihre Geschichte wehte jeden an. Das war und bleibt etwas Besonderes. Nichts in dieser Soap davon. Nichts über die Gründerväter Kurt Hahn und Prinz Max von Baden, die ein Zeichen setzen wollten mit der Gründung dieser Schule gegen den Wahnsinn des 1. Weltkrieges. Diese Soap entlässt die Geschichte aus ihrer Geschichte. Diese Dokumentation entdokumentiert das zu Dokumentierende, löst es sozusagen auf im Ätzbad des seichten Nichts. Das ist Herrn Fickel in der Tat gelungen. Küchenmeister Schmalhirn hat angerichtet. Wieso merkt das kein Redakteur?

In Salem zu sein, sei ein Privileg, heißt es in dieser Soap. Man erführe nur allzu gerne, worin wohl dieses besteht? Der Leiter des Internats, Doktor Bueb, sagt in der Doku, man wolle junge Menschen aus der Gefangenheit des Wohlstandes befreien, sie sozusagen entsättigen, sie hin zur Leistung motivieren. Nur müsse das der Schüler auch wollen. Das wäre die Voraussetzung für eine Aufnahme in Salem. Als versänken die wohlstandsversauten Probanden jauchzend im leistungszehrenden verdümmelnden Wohlstandsbad. Als würden sie nicht auch kräftig hineingestubst. Eine Aufkündigung der Verantwortung durch einen Schulleiter denen gegenüber, die Verantwortung erst noch dringend lernen wollen mit Hilfe von Vorbildern. Etwa von Herrn Doktor Bueb?

Kein Wort über die soziale Zusammensetzung der zu entsättigenden Schülerschaft. Wie viele Reiche finanzieren wie viel Mittellose? Man sieht häufig Schüler, sich das Kreuz schlagend. Salem ein christliches Benefiz etwa? Meines Wissens sind alle Religionen in Salem vertreten. Und warum eigentlich gehen junge Menschen nach Salem? Nur des Privilegs wegen? Oder auch, ausgespuckt, als Sprösslinge kaputter Wohlstandsfamilien, in denen die Effizienz des Kapitals ganz flexibel die zwischenmenschlichen Risse und Klüfte zulackierte? Es gab etliche Selbstmordversuche, verzweifelte Attacken gegen sich von Schülern zu meiner Salemer Zeit. Die Widersprüche krachten nur so aufeinander. Es war durchaus archaisch, was da so alles passierte.

Nichts über die Bedeutung der Schülermitverwaltung in Salem als erzieherisches Prinzip. Die Pflicht zur Selbstverantwortung. Nichts über Salem als Kulturbetrieb von teilweise hohem Rang. Nichts über Salem als Ort vom Beginn von Freundschaften für das Leben.

Also Wohlstandsentmüllung als Privileg? Aha. In der Tat spielt der Unrat in dieser Doku eine große Rolle: Langes Palaver über Müll in den Zimmern, dann ein eitler Soapauftritt eines darstellungsbegabten Englischlehrers, und dann der absolute Hammer: Eine Mentorin überprüft Schülerinnen mit einem Blasgerät auf Alkohol hin. Entwürdigend. Die Privilegierten unter Polizeiaufsicht. Eine einzigartige pädagogische Bankrotterklärung. Das war’s dann auch schon. Film fertig. Zu 98 Prozent nur Innenaufnahmen und (hohle) Köpfe. Filmisch unsäglich das Ganze.

Diese Doku-Soap ist die Dokumentation der Demontage der filmischen Dokumentation, darin allerdings meisterhaft. Sinnentleerung, ganz marktgerecht dem Prinzip Konsum entsprechend dargeboten, beherrscht Herr Fickel ganz ausgezeichnet. Großes Lob und Beifall für die gelungene Vernichtung eines Genres. Inhalte: Alle eliminiert. Gleichschaltung erreicht. Im inneren Stechschritt beglückt die Richtung halten: Wir alle sind gleich doof, und jeder soll es sehen. Ganz ungeniert und öffentlich. Es fehlt eigentlich nur noch eine Flasche Bacardi, die übers Salemer Münster schwebt. In der Flasche der Geist von Kurt Hahn. Salem ein langatmiger Werbespot. Die leicht sakral angeturnt wirkende Musik etwas strange im Sujet. Warum nicht eine Abfolge variabler Urwaldurschreie aus der Kehle des Herrn Fickel, Salemer Schmeißfliegen verspeisend...? Frisch vom Kuhfladen ganz authentisch. Na? Wäre doch was gewesen. Kommt ja vielleicht noch.

Gegenseitiges Vertrauen, Offenheit, das Dialogische Prinzip als Maxime Salems werden in dieser Doku regelrecht verramscht. Arte als Müllhalde. Flachsinn hat alles unter controletti. Na toll. Übrigens: Salem ist heute von einem hohen Zaun aus massiven Stahlstangen umgeben. Eintritt nur gegen Bezahlung. Die Privilegierten dürfen besichtigt werden. In voller Freiheit hinter Gittern.

„Das Internat Schloss Salem“ läuft täglich um 20 Uhr 15 auf Arte

Jochen Senf ist dienstältester „Tatort“- Kommissar, außerdem Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm „Willkommen in Singletown“ im Be.bra Verlag. Zwischen 1958 und 1963 war er in Salem.

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