Hitlers tägliche Helfer : „Zeitungspresse als Machtinstrument“

Zwischen den Zeilen: Eine Ausstellung der Topographie des Terrors in Berlin zeigt, wie ein Siebzig-Millionen-Volk in eine einheitliche Weltanschauung gebracht werden sollte.

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„Tagesparole“. Die Redaktion des „Angriff“, abgedruckt am 1. Juli 1932 zum fünfjährigen Jubiläum des von NS-„Gauleiter“ Goebbels gegründeten „Kampfblatts“. Foto: bpk/Carl Weinrother
„Tagesparole“. Die Redaktion des „Angriff“, abgedruckt am 1. Juli 1932 zum fünfjährigen Jubiläum des von NS-„Gauleiter“ Goebbels...Foto: bpk / Carl Weinrother

1932, am Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise, die die fragile Weimarer Republik zerbrechen ließ, gab es in Deutschland rund 4 000 Zeitungen, 140 davon allein in Berlin. Wie oft ist die „Zeitungsstadt Berlin“ besungen worden, mit ihren Großverlagen wie Mosse und Ullstein und Scherl! 1935 jedoch gab es nur mehr 2500 Zeitungen im Reich, bis auf ganz wenige Ausnahmen alle „gleichgeschaltet“, im Krieg 1943 noch 1000, und die waren allenfalls sechs Seiten dünn.

1934 machte der „Führer und Reichskanzler“ Adolf Hitler deutlich, was er von Zeitungen hielt: „Die Presse ist ein Erziehungsinstrument, um ein Siebzig-Millionen-Volk in eine einheitliche Weltanschauung zu bringen.“ Vorbild dafür war das NS-Parteiblatt „Völkischer Beobachter“, das geschaffen wurde, um den „Pg“, den „Parteigenossen“ eine „einheitliche Richtung“ zu weisen. Im „Dritten Reich“ schwoll die Auflage des „VB“ auf 1,7 Millionen an.

Ob die allerdings alle gelesen und, mehr noch, im Sinne der NSDAP verstanden wurden, ist eine ganz andere Frage. Sie wird zumindest gestreift von der Ausstellung „Zwischen den Zeilen“, die am Dienstag im Haus der Topographie des Terrors eröffnet wurde. Es geht um „Zeitungspresse als NS-Machtinstrument“, und vorgeführt wird die „Gleichschaltung“ anhand zweier beispielhafter Daten, dem Nürnberger Reichsparteitag 1935 und der Niederlage von Stalingrad 1943 mit der anschließenden, berüchtigten Berliner „Sportpalast-Rede“ von Propagandaminister Goebbels am 18. Februar vor 14 000 handverlesenen Jublern.

Die „Gleichschaltung“ hatte ihre Grundlage im erzwungenen Verkauf, wenn nicht der Enteignung der Vorbesitzer, wie etwa der „Arisierung“ des Verlags Ullstein, und der Monopolisierung im Parteiverlag Franz Eher Nachfolger unter Hitlers Vertrautem Max Amann. Der schuf mit seinen Helfern, wie es im Katalog lakonisch heißt, „unter dem Dach des NSDAP-Parteiverlages den größten Pressekonzern der Welt“.

Der Titel der Ausstellung „Zwischen den Zeilen“ ist der Autobiografie der langjährigen „FAZ“-Redakteurin Helene Rahms über „Mein Leben als Journalistin im Dritten Reich“ entlehnt. Zwischen den Zeilen wurde gelesen und von manchen auch geschrieben. Unter der Frage „,Gleichgeschaltete’ Leser?“ heißt es auf einer der Fototafeln der Ausstellung, die der sehr anschauliche Katalog in Text und Bild wiedergibt: „Spätestens nach der Niederlage der 6. Armee in Stalingrad wurde die massive Manipulation der Kriegsberichterstattung den meisten Deutschen bewusst.“ Doch „kritische Leser lasen ,zwischen den Zeilen’, erkannten Floskeln und Widersprüche und entnahmen auf diese Weise sogar dem ,Völkischen Beobachter’ Informationen über den tatsächlichen Kriegsverlauf.“

Mit dem heutigen Blick für die Vielfalt von Meldungen und Meinungen ist der Eindruck der Zeitungslandschaft im NS-Regime niederschmetternd. Die gleichen Parolen, die gleichen im Stakkato gehämmerten Phrasen, die gleiche Typographie, fette Überschriften und rote Balken, dazu idyllische Fotos von der Front, wo sich Landser eine Zigarettenpause gönnen oder ihr Nachtlager bereiten: „Kein Himmelbett kann damit konkurrieren“, so die Bildunterschrift. Aber auch ein Foto von einem derer, die all’ das verzapfen: „Ein Wortberichter einer Propagandakompanie nutzt die kurze Pause beim Vormarsch in Bulgarien, um einen Bericht zu schreiben.“ Die Praxis der Gleichschaltung beschreibt Kuratorin Judith Prokasky indessen mit den Worten, es habe „stärkere Nuancen gegeben: Monotonie in den Inhalten, aber weniger im Tonfall“, etwa zwischen Blättern für Stadt oder Land.

Und es gab Sonderfälle. Einer ist die 1896 gegründete „Jüdische Rundschau“, die 1932/33 gerade einmal auf 37 000 Exemplare kam, aber in 64 Länder versandt wurde. Ihr Herausgeber, der 1938 emigrierte Robert Welsch, schrieb im Mai 1934 den Aufsatz „Wir deutschen Juden“, in dem er beschwor, „dieses Los“ der Entrechtlichung in Deutschland zu tragen, aber es „als Juden mit dem Stolz auf unser Judentum (zu) verbinden“.

Ein anderer Sonderfall ist die „Frankfurter Zeitung“, das Refugium bildungsbürgerlicher Leser bis zu ihrer Einstellung im Sommer 1943. Bis dahin galt eine interne Anweisung aus dem Büro von Reichspressechef Dietrich Eckart: „Die Schreibweise der FZ ist absichtlich so gehalten, daß sie ihm Auslande als oppositionell angehaucht gilt...Zur Erfüllung dieser Aufgabe muß man ihr schon eine gewisse Freiheit lassen. Wenn es zu bunt wird, schreiten wir jedesmal ein.“

„Ist es erlaubt, eine gute Zeitung unter Hitler zu machen?“, fragte 1966 im „Spiegel“ Alexander Kluge, damals 33 Jahre alt, in seiner Besprechung des Buches von Margret Boveri über ihre Arbeit beim ebenfalls noch geduldeten „Berliner Tageblatt“. Für Kluge war damals „die Kernzeit des Buches, 1934 bis 1937, eine mythische Landschaft“ und Boveris Mitteilungen „spannend, fast schon wie Schliemanns Ausgrabungen“.

1966 war Werner Höfer Leiter des „Internationalen Frühschoppens“, mit dem er 35 Jahre lang sonntags in der ARD auf dem Bildschirm erschien. Bis ihn seine NS-Vergangenheit einholte, als Autor von „Durchhalteartikeln“, die 1943 die Hinrichtung eines jungen Pianisten wegen „Wehrkraftzersetzung“ als „strenge Bestrafung eines ehrvergessenen Künstlers“ feierte. 1987 machte der „Spiegel“ seine Ausgrabungen in Sachen Höfer, der infolge einer erregten öffentlichen Diskussion seine Karriere beenden musste.

Heutzutage kennt kaum jemand mehr die Namen derer, deren Berufswege sich vom Hitlerreich in die Nachkriegszeit bruchlos fortsetzten. Allenfalls Henri Nannen bleibt ein Begriff, der große „Stern“-Macher, zuvor Kriegsberichterstatter in einer Propagandakompanie. Die Kontinuität der Berufslaufbahnen ist nur ein Seitenaspekt der Ausstellung, aber für die Nachgeborenen öffnet sich der Zugang am leichtesten über jene, die von einem System ins andere wechselten und, wie Höfer 1987, nichts Anstößiges darin finden konnten. Dass das in der DDR nicht anders war, verschweigt indessen der Katalog, und man muss annehmen, dass das keine fahrlässige Einäugigkeit ist. Dem jungen Mann mit der Reiseschreibmaschine, dem erwähnten „Wortberichter“ des Jahres 1943, ist jedenfalls nicht anzusehen, wo er nach 1945 seinen Berufsweg fortsetzte, in West oder Ost. Wenn er denn das Kriegsende erlebt hat.

Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, bis 20. Oktober, tgl. 10-20 Uhr. Katalog 168 Seiten, 14 €