• Im Fernsehsessel zu Glück und Gold: Deutschland will kein Olympia, Deutschland will Olympia-TV

Im Fernsehsessel zu Glück und Gold : Deutschland will kein Olympia, Deutschland will Olympia-TV

Plötzlich sind wir Bogenschützen: Die Live-Übertragungen von ARD und ZDF begeistern. Also müssen die Öffentlich-Rechtlichen weiter übertragen

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Plötzlich populär. Lisa Unruh gewinnt die Silbermedaille im Bogenschießen bei Rio 2016.
Plötzlich populär. Lisa Unruh gewinnt die Silbermedaille im Bogenschießen bei Rio 2016.Foto: dpa

Olympische Spiele wird es in Deutschland nie wieder geben. Hamburg, München, Berlin, immer hat die Bevölkerung nein gesagt. Olympische Spiele wird es im deutschen Fernsehen immer geben. Das Publikum hat das Spektakel in Rio tüchtig eingeschaltet, durchschnittlich 2,91 Millionen Zuschauer wurden während der Live-Übertragungen bei ARD und ZDF verzeichnet. Nur Olympia und Olympia-TV schaffen es, so übersehene Sportarten wie Bogenschießen (7,5 Millionen) oder Judo (6,92 Millionen) oder Pistolenschießen (6,43 Millionen) plötzlich populär zu machen. Der Zuschauer staunt, wofür Menschen Tag für Tag trainieren, er ahnt, mit welcher Einsamkeit die Leistung erkauft ist, er freut sich, wenn sich sein Mitfiebern im Medaillenspiegel abbildet.

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Rekorde und Skandale: Bilanz von Olympia 2016
Rekorde und Skandale: Bilanz von Olympia 2016

Aber das, bitte schön, soll in Rio, demnächst in Pyeongchang (Winterspiele 2018) und in Tokio (Sommerspiele 2020) stattfinden. Weit weg also, im Hochsicherheitstrakt, im Dopingschatten, das IOC macht sich die Taschen voll. Geht in Ordnung, der deutsche Beitragszahler ist mit nur 17,50 Euro im Monat dabei.

Olympia braucht die Millionen von ARD und ZDF

Wie zynisch, wie schizophren? Aber überhaupt nicht! Olympia funktioniert nur, weil ARD und ZDF 100 Millionen Euro an TV-Rechten für die nächsten Spiele bezahlen wollen. Olympia funktioniert prächtig nur im Fernsehbild, die Zuschauer werden mit immer feinerer Kameratechnik in die Finessen, die Schwierigkeitsgrade, die Professionalität einer Disziplin eingeführt. Es ist das Fernsehen und nur das Bild-und-Ton-Medium, das Spannung, Staunen und Superlative garantiert.

Olympia in aller Unschuld hat niemals stattgefunden, findet niemals statt und wird niemals stattfinden. Die Live-Berichterstattung in Rio, über Rio und um Rio herum hat es deutlicher als jedes Olympia-TV davor gezeigt. ARD und ZDF sind gut beraten, derartige Events weiterhin in der Ambivalenz aus Faszination und Fake auf den Bildschirm zu bringen.

Stets heißt es, ein politischer Boykott der Spiele bringe gar nichts. Ein TV-Boykott bringt da nicht mehr. Schon der „Tatort“ an jedem Sonntag ist so sinnlos und so sinnvoll wie Rio. Und wetten, da sitzen mehr gedopte Zuschauer im Sessel, als in Rio gedopte Sportler in den Stadien waren?

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