Medien : Im Namen des Vaters

Nazi, Zweifler, Hochverräter: eine Dokumentation über Hans Georg Klamroth

Marc Felix Serrao

Das zentrale Stückchen Film ist kurz, krisselig, von schlechter Qualität. Als es die Journalistin Wibke Bruhns, 1971 beim ZDF die erste Nachrichtenmoderatorin im deutschen Fernsehen, vor fast dreißig Jahren sieht, verändert das ihr Leben. Zu sehen ist ein hagerer Mann mit Brille. Das dünne Haar ist glatt gekämmt, ansonsten hat der Offizier nichts Zackiges mehr an sich. Bleich ist er und unrasiert, die Schultern eingefallen. Aus dem Off im großen Saal des Berliner Kammergerichts ertönt die Stimme des Richters, mit dem berüchtigten, rollenden „R“: „Haben Sie dem Führrrer den Eid geleistet?“, bellt er den Angeklagten an. „Ja“, antwortet dieser leise. Kurz darauf folgt das Todesurteil, weil der Angeklagte von den Anschlagsplänen des 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler wusste – und schwieg. Als „aufrecht“ und „tapfer“ beschreibt ihn Wibke Bruhns, aber auch als „hundsmiserabel elend“. Die Rede ist von Hans Georg Klamroth, ihrem Vater.

Wibke Bruhns hat ihren Vater nie richtig kennengelernt. Bei seiner Hinrichtung ist sie fünf Jahre alt. Als sie viele Jahre später über den Film vom Prozess stolpert, beschließt Bruhns, inzwischen erfolgreiche Fernsehjournalistin, sich dem fremden Gesicht zu nähern. Die Suche dauert zwei Jahrzehnte. 2004 erscheint das Ergebnis als Buch: „Meines Vaters Land – Geschichte einer deutschen Familie“, eine liebevolle, aber schonungslose Chronik der Klamroths, den „Buddenbrooks von Halberstadt“. Im Mittelpunkt steht der Vater, als erfolgreicher Unternehmer erst begeisterter Nazi, Parteimitglied und SS-Mann, später Zweifler, schließlich (stiller) Gegner.

Gabriele Conrad und Gabriele Denecke haben die Spurensuche der Tochter nun verfilmt. Die Produktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) ist, wie die Buchvorlage, ein kleines, ein leises Porträt geworden. Es zeigt nicht mehr als das späte Ringen einer Tochter mit ihrem Vater – und genau das ist seine Stärke. Hier quetscht kein Historienpathos à la Guido Knopp die Komplexität der Geschichte in wenige, knallige Formeln. Die Filmemacherinnen, die die heute 68-Jährige noch einmal an die Orte ihrer Kindheit begleiten, setzen ganz auf die erzählerische Kraft des Privaten: Tagebucheinträge, private Foto- und Filmaufnahmen, Liebesgedichte des Vaters an die Mutter (die er immer wieder betrügt). Das Bild, das entsteht, ist im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtig. Es zeigt einen glühenden Patrioten, der zu spät erkennt, welchem Wahnsinn er anhing; ein Mann, aufrecht und dumm, tapfer und feige zugleich. Eine widersprüchliche, eine deutsche Biografie.

Die Fernsehdokumentation beginnt rosig, in der Glanzzeit des Klamroth’schen Familienclans. 1790 entsteht das Handelshaus in Halberstadt. Um 1900 ist die „IG Klamroth“ ein florierendes Unternehmen, das international mit Saatgut handelt. „Frühe Global Player“, heißt es im Film, „dabei patriotisch bis auf die Knochen“. Hans Georgs Vater Kurt lässt sich 1911 am Stadtrand von Halberstadt vom damaligen Stararchitekten Hermann Muthesius seine „Burg“ bauen, ein Landhaus mit 1500 Quadratmetern. Über dem Kamin das bürgerlich-biedere Familienmotto: „Warmer Herd – Harm erwehrt.“ Hans Georg, der Stammhalter, wird soldatisch erzogen, muss selbst im Urlaub in Uniform und unter väterlicher Anleitung den Strand auf und ab marschieren. Um im Ersten Weltkrieg mitzukämpfen, meldet sich der 17-Jährige vorzeitig zur Reifeprüfung. 1933 dann sind der junge Hans Georg und seine Frau Else begeisterte Hitler-Anhänger. Die Zweifel des Vaters, sie kommen später, viel später.

„Sich da nun gegen den Strom zu stellen, das hätte eine wesentlich größere Widerstandskraft, auch eine größere intellektuelle Kapazität verlangt, als Hans Georg und Else sie hatten“, urteilt die Tochter heute. Verständnis, Distanz und scharfe Kritik stecken in diesem Satz wie im ganzen Film. Die Widersprüche der Hauptfigur werden nicht aufgelöst.

Die größte Gefahr im Umgang mit der Geschichte liegt in der Vereinfachung. Sie verleitet zur Verklärung, zu falschen Ausrufezeichen oder zu Büchern, in denen selbst ernannte Altlinke der Welt erklären, warum sie uns Deutsche (endlich!) wieder gern haben kann. „Meines Vaters Land“ ist als Film so erfreulich, weil er nicht das große Ganze zu erklären versucht, sondern nur den Einzelnen – und das ist, wie hoffentlich viele Zuschauer heute sehen werden, schon kompliziert genug.

„Meines Vaters Land – Eine deutsche Familiengeschichte“, ARD, 22 Uhr 45

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