Im Porträt : Der Eremit

Sie arbeiten als Blogger, Web-Kolumnist, Online-Chef: „Alpha-Journalisten 2.0“. Der Münchner Florian Rötzer ist einer von ihnen. Porträt eines Schnelldenkers

Barbara Nolte
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Kein Redaktionsschluss, keine Feiertage. Florian Rötzer, 55, ist seit 1996 Chefredakteur des Online-Magazins »Telepolis«. - Foto:...

Florian Rötzer, Chefredakteur von „Telepolis“, ist ein Fremdling unter Deutschlands Online-Journalisten.Ein Nachdenker unter den Schnelldenkern, die das Internet sonst anzieht. Rötzer hat Philosophie studiert. Er ist bekannt geworden durch Gespräche mit Jean Baudrillard, der die Grenze zwischen Wirklichem und Simuliertem sich auflösen sah. Oder mit Vilém Flusser, der glaubte, die vielen Dialoge der Menschen im Internet würden die staatliche Autorität aushöhlen und die Gesellschaft demokratisieren.

Vereinfacht ausgedrückt. Doch genau das taten die klugen alten Männer, die Rötzer unter anderem für die Zeitschrift „Kunstforum“ interviewte, nie: sich vereinfacht ausdrücken. Ihre Texte muss man zerlegen, als würde man ein Rätsel lösen. Ganz verständlich werden sie trotzdem nicht. Das macht ihre Faszination aus. Wissen, nur für Eingeweihte. Eine genau gegensätzliche Welt zum Internet mit seiner Zugänglichkeit für alle, seiner Unübersichtlichkeit und Flüchtigkeit. Wie hält Rötzer es dort nur aus?

Es sei genau umgekehrt, sagt Rötzer: Der Philosophie sei er überdrüssig gewesen.Erst der klassischen Philosophie, in der unablässig die alten Texte von Kant und Hegel analysiert würden und nicht die Welt draußen. Dann enttäuschte ihn auch die postmoderne Philosophie, die in den 1980er- und 1990er-Jahren anregende Thesen zur Welterklärung lieferte, der jedoch anschließend, wie Rötzer glaubt, die großen Konzepte ausgegangen seien. Er hat sich dann noch mit Kunsttheorien beschäftigt. Doch wenn Künstler die Philosophie bemühten, um ihre Werke zu erklären, ende das oft in „haarsträubendem Geschwätz. Da kam mir das Internet ganz gelegen.“ Ein neues Medium, von dem absehbar war, dass es die Welt verändern würde. „Wann erlebt man das schon mal? Als das Fernsehen aufkam, war ich noch zu jung.“

Seit 1996, dem Jahr drei des World Wide Web, arbeitet er hauptberuflich im Netz. Das Internet wurde damals vor allem von Wissenschaftlern bevölkert. Es war langsam und manchmal verstopft. Netzeitung oder Wikipedia gab es noch nicht. Die großen Zeitungen fingen an, ein paar ihrer Artikel ins Netz zu stellen – und nannten das Online-Ausgabe. Dennoch konnte Rötzer den Heise-Verlag aus Hannover, der Computer-Zeitschriften besaß, überreden, eine Art Internetfeuilleton zu finanzieren: Telepolis.

Rötzer sagt, dass er Telepolis als „politisch aktuelles Medium mit einem kulturellem Hintergrundflimmern“ begreife: Nachrichten, persönlich bewertet, und das möglichst klug. Als Vorbilder nennt er die Zeitungsfeuilletons von Theodor Adorno und Walter Benjamin aus den 1920er-Jahren. „Man guckt, was um einen herum passiert und versucht, etwas Grundsätzliches daraus abzuleiten.“ Er selbst schreibt am liebsten über die Gentechnik. Er wird zum Lager der Liberalisierer gezählt. „Ein Verbot der Stammzellenforschung bringt nichts. Sie kommt unweigerlich auf uns zu. Man muss versuchen, sie zu gestalten.“ Gerade sei die Anthropologie „am Kippen“, die das Wesen des Menschen als unveränderlich annehme. „Von der Ethik zur Ästhetik. Die Frage lautet nicht mehr: Wie ist der Mensch, sondern wie wollen wir ihn haben?“ sagt er. Keine fünf Minuten ist man mit Rötzer im Gespräch, schon ist man bei den großen Menschheitsfragen angekommen.

Wenn man seinen Namen in der Suchmaske auf der Telepolis-Homepage eingibt, findet man auch ganz Bodenständiges: einen Artikel über Weihrauch als Angst reduzierende Droge, einen über den Armutsbericht der Bundesregierung und einen über die sexuelle Unlust der Japaner, die mit der Verbreitung der Internet-Flatrate einhergehe. Er erfüllt die thematische Offenheit, wie sie für kleine Redaktionen nötig ist. Der Internetdienst Telepolis gleicht einer Wundertüte. „Alles kann vorkommen, von dem ich glaube, dass die Menschen es wissen wollen oder wissen sollen“, erklärt er. Die Welt, wie Rötzer sie sieht. Doch die große Freiheit hat ihren Preis: 70 Stunden Arbeit die Woche – wenn alles gut läuft. Von den durchschnittlich zwölf Artikeln, die jeden Tag unter der Internetadresse www.heise.de/tp/ zu finden sind, stammt die Hälfte von den Redakteuren selbst. Die andere Hälfte steuern freie Mitarbeiter bei. Macht zwei Artikel pro Redakteur und Tag. Rötzer und seine beiden Kollegen sind selbst zwangsweise zu Schnelldenkern geworden. Rötzer stört das nicht: „Ich hatte nie den Anspruch, für Jahrhunderte zu schreiben.“

Im Netz gibt es keinen Redaktionsschluss, keine Feiertage. Das macht die Arbeit so mühselig. Bei Telepolis ist so viel zu tun, dass Rötzer jedes Jahr einen Teil seines Urlaubs verfallen lassen muss. „Mehr Redakteure wären schon gut“, sagt er. Das steht nicht zur Debatte für die Redaktion in München-Haar. In den ersten Jahren waren sie zu viert. Als die Dot-Com-Blase platzte, musste ein Kollege entlassen werden. Damals hat Telepolis wohl nur überlebt,weil es so puristisch ist: Keine Recherchereisen, kein aufwendiges Layout – die Artikel stehen mit gefetteten Überschriften einfach untereinander. Rötzer mag den Mainstream nicht. Er will mit Telepolis in der Nische bleiben. Dafür verweist er auf eine akademische Leserschaft: Viele Studenten und Professoren sind darunter, aber auch Politiker, die sich mit Internet-, Umwelt- und Klimathemen beschäftigen. Als seinen „Sendungsauftrag“ nennt er, „kritische Löcher im Internet offen zu halten“, das immer kommerzieller werde. Eine Art Gegen-Öffentlichkeit, um diesen alten Begriff der Linken zu verwenden.

Von der Generation und Frisur her ist Rötzer den 68ern zuzurechnen: Er ist Jahrgang 1953 und hat graues, fast schulterlanges Haar. Die 68er seien ein wenig älter und in Teilen dogmatischer als er. Deren zentrale Frage, wie man die Welt besser machen könne, die teilt er. Anfangs habe er gehofft, das Internet könne Grenzen überbrücken, den Reichtum unter den Menschen breiter streuen. Das Gegenteil ist eingetreten: Die Armen werden immer ärmer. Es gibt Hungersnöte und neue Mauern zwischen Völkern. Seien es echte Mauern, wie zwischen Israel und Palästina, oder virtuelle, mit denen sich China oder Saudi-Arabien gegen ungenehme Internetinhalte abschotten.

Er ist sehr vorsichtig, wenn er nach Zukunftsvisionen gefragt wird, und als bekanntester deutscher Online-Philosoph wird er ständig danach gefragt: Was wird aus den Zeitungen, aus dem Internet, den Menschen? Die Zeitungen, meint er, würden wohl „keine so freundliche Zukunft haben“. Er lacht wieder. Er weiß um die Peinlichkeit der Trendguru-Rolle, wenn man sie ernst nimmt. Florian Rötzers Prognosen sind eher laute Überlegungen: Vielleicht sollten die Zeitungen das Aktuelle abspalten, sagt er. Doch was bleibe dann? Das Feuilleton werde laut Copy-Tests doch sowieso nicht gelesen.

Er war Ende 30, als er mit Modems, die wie Weltempfänger fiepten und krachten, zum ersten Mal ins Internet vordrang. Vielleicht ist es eine Altersfrage, warum er unter den Online-Journalisten kein Netzwerk hat. Wahrscheinlich ist es auch eine Interessensfrage: Branchentreffs mag er nicht, die Technikbegeisterung, die für viele Internetredakteure typisch ist, ist ihm fremd. Er denkt lieber über digitale Technik nach, als dass er sie benutzt. „Das Internet ist für mich Arbeitsmedium, aber kein Lebensmedium.“ Nie würde es ihm in den Sinn kommen, privat zu bloggen oder zu chatten. Ganz im Gegensatz zu seinem gerade erwachsen gewordenen Sohn, der sich ständig übers Internet mit Gleichaltrigen aus anderen Teilen der Welt austauscht.

Dann sagt Florian Rötzer den für moderne Führungskräfte verbotenen Satz: „Ich bin ja nicht so kommunikativ.“ Und er lebt den Satz sogar. An den meisten Tagen arbeitet er alleine zu Hause in seiner Münchner Altbauwohnung. Einen Anrufbeantworter hat er nicht, die Handynummer hält er geheim. „Man wird auch so schon dauernd unterbrochen“, sagt er. In seiner gepflegten Kauzigkeit ist Florian Rötzer Philosoph geblieben. Das Internet, die große Kommunikationsmaschine, ermöglicht ihm persönlich eine moderne Form der Einsiedelei.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: „Die Alpha-Journalisten 2.0. Deutschlands neue Wortführer im Porträt“. Herbert von Halem Verlag, 19,80 Euro.

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