Im RADIO : Sturm, Drang und Schleimspur

Ein verschwundener Kernphysiker, eine Ménage-à-trois und die "hohe Kunst der Arschkriecherei". Tom Peuckert verrät, was man im Radio nicht verpassen sollte.

Im Ostblock war Ungarn ein Hort der Liberalität. Hier wurde der Eiserne Vorhang geöffnet und so der Sturz des ganzen Systems in die Wege geleitet. Umso überraschender, dass Ungarn nun unter der konservativen Regierung Orban seine europäischen Nachbarn durch schrillen Nationalismus und antidemokratische Neigungen erschreckt. Im Feature „Budapest, 15. März 2012, Nationalfeiertag“ erkundet Stephan Oszváth die Lage vor Ort. Er entstammt selbst einer ungarischen Familie und findet bei den eigenen Verwandten reiches Anschauungsmaterial für aktuelle Konflikte, die tief in die Geschichte zurückreichen (Kulturradio vom RBB, 11. Juli, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Der Magdeburger Hauptkommissar Fischer war immer ein Mann für unorthodoxe Ermittlungsmethoden. Weil er es mit seiner Disziplinlosigkeit zu weit getrieben hat, sitzt er nun im vorzeitigen Ruhestand. Als Kleingärtner auf einer Datschenparzelle mit Laube. Aber für einen richtigen Bullen können auch hier die großen Abenteuer beginnen. Eines Tages ist Fischers Gartennachbar verschwunden. Der alte Mann war in der DDR eine Koryphäe für Kernphysik und später ein erbitterter Kritiker der bundesdeutschen Atompolitik. Im „Radio-Tatort“-Krimi „Altes Eisen“ von Thilo Reffert muss Fischer einem ungeheuren Verdacht nachgehen: Hat sein Laubennachbar im Alleingang einen Krieg gegen die deutsche Atomlobby begonnen? (Kulturradio vom RBB, 15. Juli, 14 Uhr 04)

In seinem frühen Drama „Stella“ erzählt Johann Wolfgang von Goethe von zwei Frauen, die den selben Mann lieben. Als letzter Ausweg wird eine Ehe zu dritt erwogen und ins Werk gesetzt. Dieser utopische Kompromissvorschlag eines Sturm- und-Drang-Autors ging der deutschen Zensur zu weit, die Uraufführung des Dramas wurde 1776 verboten. Die Konflikte zwischen Verstand und Gefühl, wie sie in einer Ménage-à-trois fast zwangsläufig entstehen, erscheinen noch immer ganz modern. Eine neue Hörspielbearbeitung des Bühnenklassikers bringt uns die alte Geschichte erstaunlich nahe (SWR 2, 15. Juli, 18 Uhr 20, Kabel UKW 107,85 MHz).

Eine gewisse Geschmeidigkeit im Umgang mit der Mitwelt gilt als tugendhaft. Evolutionsbiologen halten sie sogar für überlebensnotwendig. Wer es allerdings zu weit treibt mit der Anpassung an das Wünschen und Wollen der anderen, gerät irgendwann in Misskredit. Das amüsante Feature „Die hohe Kunst der Arschkriecherei“ von Rolf Cantzen untersucht jene Grenze, hinter der Freundlichkeit und Kompromissbereitschaft plötzlich Heuchelei und Opportunismus heißen. Ein Streifzug durch Gründe und Abgründe unseres Sozialverhaltens, mit besonderem Augenmerk auf Schleimspuren, die der Mensch im Alltag zuweilen hinterlässt (Deutschlandfunk, 15. Juli, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Ein alter Mann kehrt nach langer Abwesenheit in sein Haus zurück. In diesen Wänden hat er als Kind gelebt, hier wohnten seine Eltern und sogar schon die Großeltern. Ein Gedächtnispalast ist dieses Haus, mit jedem neuen Raum betritt der Alte einen neuen Raum seiner Erinnerung. Das Haus führt ihn zurück in die Abgründe der deutschen Geschichte, aber auch zu ganz privaten Ängsten vor Sprach- und Gedächtnisverlust. „Unterwegs im Haus“ heißt der Monolog von Jürgen Becker für einen alten, erinnerungstrunkenen Mann, den Otto Sander mit großer Eindringlichkeit zu Gehör bringt (Deutschlandfunk, 17. Juli, 20 Uhr 10).

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