In 16 Folgen : Krimi zur blauen Stunde

Der ARD-Vorabend gilt als unansehbar. Schade, die im Journalisten-Milieu angesiedelte Serie „Zwischen den Zeilen“ taugt etwas.

Nikolaus von Festenberg
Journalismus heute? Maja Becker (Josephine Schmidt) glaubt an das Gute und kämpft für eine gerechte Welt. Majas Chef Paul Jacobs (Ole Puppe) hat das hinter sich. Der ehemalige Starjournalist ist nur noch zynisch und auf dem Egotrip. Foto: ARD
Journalismus heute? Maja Becker (Josephine Schmidt) glaubt an das Gute und kämpft für eine gerechte Welt. Majas Chef Paul Jacobs...Foto: ARD/Frank Dicks

Wenn Mord das Öl der fiktiven Fernsehunterhaltungsmaschine ist, dann raffiniert der WDR ein besonders erfolgreiches Leichtbenzin: die Kriminalkomödie. Münsteraner „Tatort“ (leider mit abnehmender Raffinesse), „Mord mit Aussicht“ und Produkte, die zum Markenimage schon per Obertitel passen, Stücke für den Vorabend unter dem Himmel und Hölle überspannenden Rubrum „Heiter bis tödlich“. „Zwischen den Zeilen“, gerade im Vorabend der ARD gestartet, erweist sich als nicht unlustige Abendunterhaltung. Kein Legendenpotenzial, auch kein Schrott, immerhin.

Ole Puppe spielt eine gekränkte Edelfeder, die sich, in die Provinz nach Aachen abgeschoben, saufend und leicht korrupt den Wonnen der Regression hingeben will, aber von der ehrgeizigen Jungjournalistin (Josephine Schmidt) auf das Investigativste gestört wird. 16 Folgen sind die Egon-Erwin-Kisch-Biene mit dem Vornamen Maja und ihre übrigen Kollegen, eine trotz Tippschwäche und Dauer-Fingernägel-Putzerei gar nicht so grenzdebile Sekretärin (Jennifer Behrends) und ein indischstämmiger Sportredakteur (Parbet Chugh), der mit lyrischem Schreibhochdruck und Verheiratungsstress geschlagen ist, zu besichtigen, wie sie Mordfälle aufklären, die so harmlos und regional sind, dass sie zum Reihentitel „Heiter bis tödlich“ passen.

Vielleicht fallen angenagelte Bilder zu oft von der Wand (Headwriter: Philipp Weinges, Regie der ersten vier Folgen: Markus Sehr), wenn es auf dem unordentlich Dachboden, in dem die Redaktion untergebracht ist, laut wird. Vielleicht wird manchmal übertrieben, wenn gezeigt werden soll, was für ein ungeschickter Mensch die Jungjournalistin Maja ist und die Dinge wie auf Kommando in den Raum purzeln, kaum setzt sie sich in Bewegung.

Aber es gibt auch einiges zu lachen: Eine Dudelsackgruppe, die sich unerbittlich ins Blatt drängt, weil sie so lange bläst, dass den Redakteuren die Ohren bersten. Szenen aus dem Gehörlosenheim zählen – wie in Folge drei an diesem Donnerstag – auch zum Spaßhaften, in denen die Gebärdensprache zu Missverständnissen führt. Auch ein Chefredakteur ist humormäßig nicht zu verachten, der wie selbstverständlich erklärt: „Ich lese mein Blatt nicht.“ Und wo opfern sich weibliche Untergebene einem Chef, dem sie fünflagiges Klopapier besorgen müssen? Das ist weder filigran noch hochkritisch. Aber Unterhaltung zweifellos, Gebrauchsfernsehen auf steinigem Programmgelände, wie es der Vorabend nun mal ist.

Der Lyriker Gottfried Benn hat über die „Blaue Stunde“, über die Scheide zwischen Tag und Abend, einmal gedichtet: „Und wenn sie ging, weiß keiner, ob sie war.“ So ist das auch mit dem Fernsehvorabend. Krumme Anfangszeiten im TV, hoch komplizierter Achsenmoment in der Alltagswirklichkeit, zwischen Feierabend und hauptabendlicher Entspannung. Junge Menschen – wegen der Werbung als Zuschauer hochbegehrt, aber gerade um diese Zeit im Verabredungsstress – sitzen seltener vor der Glotze.

Dazu nur Formate in beschränkter Länge, die nicht die fürchterliche Einprägekraft entfalten können wie Soap-Wackersteine à la good old „Lindenstraße“. Da weiß auch keiner mehr, ob sie waren, aber sie gehen nun mal nie.

Die blaue Stunde wirkt zudem oft wie ein schwarzes Loch: Edelsteine wie „Türkisch für Anfänger“ sind darin verschwunden: beste Kritiken, zu wenige Zuschauer. ARD-Redakteure gaben sich öffentlich ratlos

Dem Krimigenre, was Wunder, merkt man außerdem seine Erschöpfung an. Der Mord-Blut-Ölmarkt ist aufgeteilt. Die Skandinavier mischen den immer gleich schweren, rußigen und brutalen Diesel an, die ambitionierten „Tatort“-Anlagen füllen das Psycho-Super ab: verrückte Welt, verrücktere Kommissare. Und das gute alte Trimmel-Haverkamp-Folkerts-Normalbenzin – ungeil. Manierismus scheint zur Zeit das schier unausweichliche Schicksal.

Trotzdem hämmerte die Kritik nicht nur zwischen den Zeilen auf die Vorabendreihe im Ersten ein. „Öffentlich-rechtliche Einfallslosigkeit“ hieß es in einem Mediendienst, kein tiefreichendes Porträt des journalistischen Metiers, zu wenig investigativ berauschtes Heldenlied, befand die „SZ“.

Das modische ARD-Bashing und der von den Rundfunkgebühren erregte Dauervolksgerichtshof, wie er zur Zeit im Internet über die Elaborate des Ersten gehalten wird, sollten sich andere Objekte suchen als diese redlich bemühte Vorabendübung.

„Zwischen den Zeilen“, 18 Uhr 50, ARD

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