Medien : In den allerbesten Händen

Zur 300. Folge versucht sich Deutschlands erfolgreichste Krankenhausserie am Thema Vogelgrippe

Katrin Hillgruber

„Die Situation ist soweit unter Kontrolle“: Keinem anderen als Professor Simoni ist es in Sachen Vogelgrippe vergönnt, jenen Satz auszusprechen, den Landwirtschaftsminister Horst Seehofer seit Wochen herbeisehnt. Gernot Simoni alias Dieter Bellmann verkörpert mit seiner langjährigen Erfahrung als Leiter der Leipziger Sachsenklinik, vor allem aber mit seiner sonoren Samtstimme die Beruhigung schlechthin, wobei ihm ein Hauch von Ironie nicht fremd ist: ein Sauerbruch oder Dr. med. Hiob Praetorius unserer Tage. Beruhigung ist auch in der 300. Jubiläumsfolge der „Sachsenklinik“ vonnöten, denn in „Ausnahmezustand“ bricht Deutschlands Medienkrankheit Nummer eins, die Vogelgrippe, in Gestalt zweier Kakadus aus. Der vom Schicksal gebeutelte Chefarzt Roland Heilmann hat sie seinem Enkel Jonas geschenkt. Am Tag darauf ist der Junge erkältet und appetitlos. „Du glühst ja!“, ruft Heilmann entsetzt. Sekunden später sieht man den Rettungswagen auf dem Gelände der Sachsenklinik einfahren. Diesmal bleibt es nicht beim gewohnten Grün-in-Grün der Chirurgenkittel. Die Handlung verlagert sich in die Isolierstation, wo ein Dresscode in tiefem Himbeerrot mit blasslila Hauben herrscht.

Meist tritt in der Dienstagsserie, die seit Januar mit Beginn der neunten Staffel deutlich unter ihrer Verkürzung von 48 auf 43 Minuten leidet (eine Folge der Vorverlegung der „Tagesthemen“), das betreffende „Symptom der Woche“ innerhalb der ersten fünf Minuten auf. Dann folgen Schlag auf Schlag die Anamnese, diverse, von der Ärzteschaft kontrovers erörterte Therapieansätze und schließlich die Heilung im Zeitraffer. Ärgerlicherweise wird diese jetzt oft in den Abspann verlagert, wo sich dann der Genesende und dessen Angehörige, mitunter aber auch die erfolgreichen Ärzte, kleinformatig in die Arme fallen.

Oft stammt das Patientenkollektiv aus dem weiten Freundes- und Verwandtschaftskreis der Heilmanns, der Anästhesistin Kathrin Globisch oder des Chirurgen und Don Juan Achim Kreutzer, der inzwischen einer seiner zahlreichen Lieben nach Südamerika gefolgt ist. Diese drei bildeten bislang den Kern der Serie, das titelgebende Freundestrio, das im ständigen Clinch mit der schlagfertigen Verwaltungschefin Sarah Marquardt liegt. Dabei maskiert Sarah mit ihrer ruppigen Art nur die Sehnsucht nach Sympathie.

Umso kritischer wird Achims Nachfolger Dr. Martin Stein beäugt, ein Landarzt, der mit Kuh zum Bewerbungsgespräch kommt. Steins Darsteller Bernhard Bettermann sagt, er freue sich „auf eine erfolgreich laufende Serie, in der die Lust auf Geschichten, auf menschliche Auseinandersetzungen groß ist“. Bisher ist Dr. Stein eher durch ein stereotypes Dauerlächeln aufgefallen. Kann er Jonas Heilmann durch das geeignete Virostatikum von der Vogelgrippe heilen, und ist die Thematik geschmacklich nicht doch ein bisschen fragwürdig? Diese Fragen müssen bis heute Abend offen bleiben.

Werden externe Patienten zwischen zehn Wochen und 102 Jahren (wie beim Auftritt von Gaststar Johannes Heesters) in die Sachsenklinik eingeliefert, so schleusen sie ihre privaten Konflikte wie Viren mit ein. Fast immer fällt dann der Heilungsprozess mit einer Versöhnung des betreffenden Paares oder der Familie zusammen, außereheliche Verhältnisse finden selten ein gutes Ende. Die Arztserie, die am 26. Oktober 1998 mit der programmatischen Folge „In Leipzig“ begann, erfreut sich gerade durch diesen wertkonservativen Zug der Beliebtheit bei mehr als fünf Millionen Zuschauern.

„Medizin nach Noten“ hieß eine Gymnastiksendung zum Mitmachen im DDR-Fernsehen, die schon Uwe Johnson in den sechziger Jahren für den Tagesspiegel rezensierte. Eine ähnliche appellative Fröhlichkeit strahlt auch die Serie des Mitteldeutschen Rundfunks aus. Zentrale Rollen sind mit ostdeutschen Publikumslieblingen wie Ursula Karusseit als Kantinenpächterin Charlotte oder dem „Polizeiruf 110“-Urgestein Fred Delmare besetzt. Delmare, Jahrgang 1922, stieg kürzlich zum allgemeinen Bedauern aus Altersgründen aus. Als Klinik-Hausmeister sorgt der sächsische Komiker Tom Pauls für Unruhe.

Uta Schorn, die Simonis patente Chefsekretärin Barbara Grigoleit „seit Jahren verinnerlicht hat“, wie sie sagt, moderierte von 1973 bis 1990 im Ersten Fernsehprogramm der DDR den „Wunschbriefkasten“. 1988 verkörperte sie die Notärztin in „Bereitschaft Dr. Federau“, einer Filmreihe rund um die „Schnelle Medizinische Hilfe“ der DDR. Ganz am Anfang verliert Dr. Uta Federau bei einem Ausflug ihren Mann und muss sich hinfort allein um ihren halbwüchsigen Sohn kümmern, der ungefragt einen Ersatzvater sucht. Motive dieses Dauerkonflikts finden sich nun bei der alleinerziehenden Mutter Dr. Globisch wieder.

In dieser Serie aus Goethes geliebtem Leipzig bleibt niemand lange allein, jeder Topf findet seinen sprichwörtlichen Deckel. Besonders amüsant ist immer, wenn versprengte Elternteile der Ärzte ins Geschehen eingreifen. Ab sofort kommt diese Rolle dem renommierten Rolf Becker als Vater von Dr. Stein zu. So symbolisiert „In aller Freundschaft“ eine Versöhnung sowohl der Generationen als auch des östlichen Landesteils mit dem westlichen: Medicus curat, Sachsenklinik sanat.

Die Jubiläumsfolge am Dienstag ist allerdings umstritten. Kurz vor Ausstrahlung der Folge um einen an Vogelgrippe erkrankten Jungen hat die Bundestierärztekammer um Absetzung der Sendung gebeten. In Briefen an ARD-Programmdirektor Günter Struve und den ARD-Vorsitzenden Thomas Gruber äußern die Tierärzte die Befürchtung, „dass die Sendung unnötige Ängste vor Vogelgrippe in der Bevölkerung schürt mit der Folge, dass noch mehr Haustiere aus Furcht vor einer Infektion ausgesetzt werden“. Der MDR hat die Kritik bereits zurückgewiesen. Man sei überzeugt, keine Panik zu verursachen.

„In aller Freundschaft – Ausnahmezustand“, ARD, 21 Uhr 05

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