Insolvente Agentur : Schuld sind die anderen

Martin Vorderwülbecke, Ex-Chef der Nachrichtenagentur dapd, macht Kunden wie das ZDF und das Bundespresseamt mitverantwortlich für die Insolvenz. Die Mitarbeiter setzen derweil auf eine Zukunft.

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Es hörte sich zu schön an, um wahr zu sein. „Wo in der Medienbranche gibt es eine solche Erfolgsstory?“, protzte Finanzinvestor Peter Löw noch Anfang des Jahres im Interview mit dem Magazin „Euro“ und verwies stolz darauf, dass er und sein Partner Martin Vorderwülbecke mit ihrer Nachrichtenagentur dapd für 2012 50 Millionen Euro Umsatz erwarten. „Wir sind profitabel“, sagte Löw und versicherte: „Wir geben dapd nicht mehr her, die Agentur gehört inzwischen zur Familie. Wir betrachten es als Dienst am Gemeinwesen, eine zweite Vollagentur neben dem Konkurrenten dpa zu unterhalten, auch wenn wir kein Geld damit verdienen wollen. Das machen wir schon anderswo.“

Seit Dienstag ist es mit der vermeintlichen Erfolgsstory vorbei. Die dapd, die Löw und Vorderwülbecke aus der ehemaligen Agentur ddp und der Deutschland-Sparte der US-Agentur AP 2010 gegründet hatten, hat Insolvenz angemeldet. 299 von 518 Arbeitsplätzen sind in Gefahr. Der neue Geschäftsführer Wolf von der Fecht will in den nächsten zwei Monaten prüfen, welche Perspektiven die Agentur noch hat, ob überhaupt welche. „Das Ergebnis ist noch völlig offen“, sagte Sprecher Michael Iltschev – was heißt, dass im Dezember der Betrieb auch eingestellt werden könnte.

Eine Million Euro haben Löw und Vorderwülbecke pro Monat zuschießen müssen, um die dapd am Laufen zu halten – offenbar zu viel für den „Dienst am Gemeinwesen“. Grund für die Insolvenz ist nach Ansicht der Investoren aber nicht etwa das eigene Missmanagement. Nein, Schuld sind: Kunden und Konkurrenz.

Massiv kritisiert Vorderwülbecke die Ungleichbehandlung der dapd im Vergleich mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und der AFP: Die AFP, die auch auf dem deutschen Markt agiert, erhalte Millionen Euro vom französischen Staat. Und die dpa bekomme vom Bundespresseamt 2,8 Millionen Euro im Jahr, die dapd nur 1,6 Millionen Euro. Das sei ungerecht, sagte Vorderwülbecke laut Branchendienst newsroom.de.

Ausschlaggebend für die Anmeldung der Insolvenz sei allerdings ein Gespräch mit dem ZDF gewesen. Der Sender habe Vorderwülbecke mitgeteilt, dass nicht mehr als 500 000 Euro für die Dienste gezahlt werden sollen. Hingegen erhalte dpa fünf Millionen Euro. „Gegen solche Konkurrenten können wir nicht ankommen“, so Vorderwülbecke laut newsroom.de.

Das Bundespresseamt (BPA) ist irritiert über die Vorwürfe. „Das Bundespresseamt trägt keine Mitschuld an der Insolvenz der dapd“, teilte ein Regierungssprecher mit. Zu den genannten Summen will er sich nicht äußern.

Das ZDF weist die Vorwürfe zurück. „Das Angebot der dapd wird vom ZDF auch im Vergleich zu anderen Nachrichtenagenturen angemessen vergütet“, sagte ZDF-Sprecher Alexander Stock. Die Behauptung, das ZDF zahle im Vergleich zu dapd an dpa das Zehnfache seien ebenso falsch wie die Behauptung das ZDF zahle an dpa fünf Millionen Euro im Jahr. „Beide Zahlen sind völlig übertrieben. Ganz offenbar versuchen die Investoren, die Schuld für das Scheitern ihrer Unternehmensstrategie auf andere zu schieben“, so Stock. Vorderwülbecke habe sich am 12. September mit ZDF-Intendant Thomas Bellut getroffen. Bei dem Gespräch habe es sich aber um „keine Verhandlung“ gehandelt, sondern um „einen Besuch, der dem Kennenlernen diente“.

Dass sich Vorderwülbecke mit Kundenbeschimpfungen verabschiedet, dürfte für den Ruf der dapd ebenso wenig zuträglich sein, wie die offensichtlich falschen Behauptungen über den profitablen Zustand der Agentur. Glaubwürdigkeit ist die wichtigste Währung, mit der Nachrichtenagenturen handeln.

Doch ist die vermeintliche Ungleichbehandlung wohl kaum der einzige – und entscheidende Grund – für die Insolvenz. So sind Löw und Vorderwülbecke mit ihrer Firma Blue-O an der Modekette Adler beteiligt, die im ersten Halbjahr einen Nettoverlust von 7,1 Millionen Euro verzeichnen musste. Schon im „Euro“-Interview hatte Löw gesagt, dass es für die Modemärkte schlechter als erwartet laufe. Hatten die Investoren schlichtweg keine Lust auf zwei kriselnde Geschäfte?

Schnellstmöglich sollen nun für die dapd neue Investoren gefunden werden. „Es gibt mehrere Interessenten aus dem In- und Ausland“, sagte Sprecher Iltschev. Eine genaue Zahl und Namen nannte er nicht. Die dapd-Mitarbeiter versicherten derweil in einem Brief an Kunden und Kollegen, auch in Zukunft „ein verlässlicher Partner“ in der täglichen Medienarbeit sein zu wollen.Sonja Pohlmann

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