Internetkonferenz : Wen treibt es auf die re:publica – und warum eigentlich?

Zweiter Tag der re:publica: Wenn eine Bloggerin vom permanenten Gerede über "die Freiheit" genervt ist - und ein Zuschauer Unerhörtes sagt.

Sebastian Leber
Emotionen auf der re:publica
Emotionen auf der re:publicaFoto: Sandra Schink

Einmal wird am Mittwoch kräftig gebuht. Nicht gegen Geheimdienstler oder Konzernlobbyisten, die sind ja gar nicht vor Ort, jedenfalls nicht erkennbar. Sondern gegen einen jungen Mann aus Reihe drei, der spontan zum Mikro gegriffen und über die „Digitale Spaltung“ gesprochen hat – also die Tatsache, dass heute immer noch 27 Millionen Deutsche das Internet kaum bis gar nicht nutzen. Viele dieser Menschen seien doch bereits über 65 Jahre alt, sagt er. Was bedeute: „Das Problem wird sich bald auf natürliche Weise erledigen!“ Raunen. Unglauben. Empörung. Nein, so wollen die Übrigen hier nicht denken. Sondern lieber aushecken, wie Älteren Berührungsängste genommen werden können. Mit den Großeltern skypen! Das wäre doch was.
Je größer die re:publica wird, desto drängender stellt sich die Frage nach ihrem Zweck. Wofür wollen die Teilnehmer die wachsende öffentliche Aufmerksamkeit nutzen – und wer darf hier eigentlich für wen sprechen? Trifft sich in der Kreuzberger „Station“ überhaupt eine homogene Masse, gar die viel beschworene „Netzgemeinde“?
Beim Schlendern übers Gelände wundert man sich. Die ungewaschenen Pizzabesteller, die Spaß-T-Shirt-Träger, die lichtscheuen Gestalten, die anderen nicht in die Augen blicken können: Die sind heute alle nicht hier. Stattdessen eine bunt durchmischte Menschenmenge, die man in einem beliebigen Berliner Park antreffen könnte. Nicht einmal Männerdominanz lässt sich anprangern. Laut Veranstalter sind dieses Jahr 40 Prozent der Besucher weiblich.
Auch verdammt wenig Laptops hier. Wenn überhaupt, tippen die Besucher auf Smartphones herum. Nirgends wird um Steckdosen gerangelt. Ob die Menschen wenigstens eine Nerdsozialisierung eint, ob sie „Kampfstern Galactica“ kennen, sieht man ihnen nicht an.
Leichtgläubig sind sie jedenfalls nicht. Als nachmittags zwei Podiumsteilnehmer als Google-Manager auftreten und der Welt mehr Datensammelwut sowie jedem seine persönliche Drohne versprechen, werden sie bald enttarnt: Ein Berliner Künstlerkollektiv hatte sich einen Streich erlaubt, dafür eigens Schauspieler Jan Josef Liefers engagiert.


Vielleicht wird das Wesen der Messe erkennbar, wenn man sie mit Großveranstaltungen anderer Kreativbranchen vergleicht. Sicher: Die Besucher wirken weniger aufgebrezelt als bei der Modemesse Bread & Butter. Wer hier im Anzug aufläuft, gibt sich als Aussteller zu erkennen. Draußen gibt es keine Taxischlangen, sondern viel zu viele Fahrräder an viel zu wenigen Metallgittern. Und anders als bei der Popkomm, jedenfalls zu Zeiten, als die Musikindustrie noch Geld hatte, sieht man nirgends spektakuläre Standaufbauten und Indoor-Wasserfälle.
Überhaupt liegt der Fokus der re:publica auf den Vorträgen. Nur zwei Dutzend Unternehmen haben Stände aufgebaut, die meisten sind kleine Start-Ups mit putzigen Fantasienamen wie „Modomoto“ oder „Tickaroo“. Man kann sich ausmalen, wie die beim Brainstorming entstanden sind. Eine Firma bewirbt essbare Insekten, verpackt in Tüten. Die Nahrung der Zukunft, mit der sich der Proteinbedarf der Weltbevölkerung leicht decken lasse, heißt es dort. Die Mehlwürmer schmecken nussig, die Skorpione sind ausverkauft. Zumindest ein Stereotyp scheint zu stimmen: Der Wille zur Weltverbesserung ist auf der re:publica allgegenwärtig.
Schleunigst verworfen gehört dagegen die anmaßende Vorstellung, die Teilnehmer seien vor allem zwecks Selbsthuldigung und Schulterklopferei hergekommen. Kein Panel, auf dem sich die Diskutanten nicht selbst hinterfragen. Besonders rigoros geschieht das auf der kleinen Bühne A. Die Bloggerin Yasmina Banaszcuk, Netzname „Frau Dingens“, hat zu einem Vortrag über die Verfasstheit der sogenannten Netzgemeinde geladen. Glaubt man ihr, gehören alle Mitglieder einem elitären, akademisch geprägten Klüngel an, der sich in vagen Diskursen verliert. „Außenwirkung gleich null.“


Am meisten ist Yasmina Banaszcuk vom permanenten Gerede über die „Freiheit des Internets“ genervt, wobei nach Jahren des Diskutierens nicht einmal klar sei, worin diese Freiheit bestehen solle. Ihr komme es so vor, als meinten viele damit bloß die Möglichkeit weißer, deutscher Mittelschichtsmänner, auch im Urlaub ungestört ihre Mails abrufen zu können. Banaszcuk will heute reizen, kann sich aber vor Zuspruch kaum retten. „Wir blenden die Lebensrealitäten ganzer Milieus aus.“ Applaus. „Wir haben Interessenvertreter, die niemand gewählt hat.“ Applaus. „Wir sind einfach viel zu alt, um zu wissen, was die Jugendlichen heute umtreibt.“ Viel Applaus. Und ein bisschen Wehmut.


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