Interview mit Anne Will : "Quote nur um der Quote willen? Nicht mit mir!"

Noch wissen nicht alle, dass Anne Will am Mittwoch talkt. Jetzt geht sie ins zweite Jahr. Ein Gespräch über Reaktionen, Relevanz und die Reise nach Jerusalem.

von und Thomas Eckert
Noch allein zu Hause. Am kommenden Mittwoch startet Anne Will wieder ihre Talkshow im Ersten. Mit dem ersten Jahr auf dem neuen Sendeplatz ist sie zufrieden. Durchschnittlich 1,64 Millionen Zuschauer schalteten ein, der Marktanteil lag bei 10,6 Prozent. Foto: ARD
Noch allein zu Hause. Am kommenden Mittwoch startet Anne Will wieder ihre Talkshow im Ersten. Mit dem ersten Jahr auf dem neuen...Foto: NDR/Andreas Rehmann

Frau Will, wie flink sind Sie auf den Beinen?

Danke der Nachfrage, es geht noch ganz gut. Ich hatte ein paar Probleme mit dem Knie, aber das ist behoben. Ich fühl mich also gerade ziemlich flink.

Dann sind Sie ja bestens vorbereitet.

Worauf denn? Muss ich weglaufen oder irgendwo hinlaufen?

Wir fürchten ja. Die ARD plant ja zurzeit eine Reise nach Jerusalem, was die Talkshows angeht. Eine von fünfen müsse weg, hört man. Kennen Sie überhaupt die Spielregeln?

Die kenn ich, da bin ich kindergeburtstagstrainiert. Sie spielen auf die Forderung des Programmbeirates der ARD und anderer Gremien an, die Anzahl der Talkshows im Ersten zu reduzieren.

Ganz genau.

Solange es keine Kriterien gibt, nach denen im Fall des Falles ausgewählt werden sollte, bin ich da gelassen. Wenn nur pauschal gesagt wird, ein Talk müsse weg, dann kann ich damit wenig anfangen. Ich habe jedenfalls aufgehört, mir darüber den Kopf zu zerbrechen.

Wie kommt's?

Weil ich finde, dass wir bei „Anne Will“ unsere Arbeit sehr ordentlich machen. Die Hauptkriterien sind Relevanz und Zuschauerinteresse. Und da liegen wir ganz weit vorne.

Was genau meinen Sie mit Relevanz?

Zum Beispiel das richtige Thema zum richtigen Zeitpunkt zu machen. Wir waren die ersten, die über Christian Wulff diskutiert haben, die ersten, die sich mit der Piratenpartei beschäftigt haben, die ersten, die über Syrien gesprochen haben, die ersten, die sich dem Beschneidungs-Urteil gewidmet haben. Wenige Stunden, nachdem Norbert Röttgen entlassen worden war, wurde bei uns darüber diskutiert – eine unserer bestgesehenen Sendungen. Alles hoch relevant. Wenn wir dann auch noch viele Zuschauer haben, dann freu' ich mich einen Ast. Weil es ein Beleg dafür ist, dass wir einen Nerv bei den Zuschauern getroffen haben. Dann haben wir unser Ziel, eine aktuelle und relevante politische Talkshow zu sein, erreicht.

Sind Talkshows relevant?

Es gibt die Ansicht, Talkshows seien lässig zusammengestrickte Plauderrunden mit Kaffeeklatschcharme. Das ist, gelinde gesagt, eine Frechheit. Es gehört eine Menge Arbeit dazu, eine Talkshow wie unsere zu stemmen. Alle Praktikanten, die bei uns waren, sagen am Schluss immer, Mann, das habe ich mir gar nicht so aufwendig vorgestellt. Das geht übrigens jedem so, der mal hinter die Kulissen geschaut hat, egal, ob es sich um eine Schülergruppe oder Gremienvertreter aus dem Hause handelt.

Warum soll es dann ausgerechnet einer Talkshow an den Kragen gehen?

Kann ich Ihnen auch nicht sagen. Ich freue mich aber darüber, dass sie so herausgehoben wahrgenommen werden. Das zeigt doch, dass das Interesse an diesen Sendungen nach wie vor groß ist. Aber wenn plötzlich allerorts von einer Talkshowschwemme die Rede ist, obwohl die Zahl nur von vier auf fünf erhöht wurde, dann stehe ich vor einem Rätsel.

Aber die Quote muss stimmen!

Wenn Sie nicht gesehen werden, dann dringen Sie mit Ihren Themen nicht durch. Dann können Sie Ihren Talk auch per Kassette an Interessierte verschicken, das kommt billiger. Nein, natürlich, wir brauchen eine gute Quote. Aber die kriegen wir nur, wenn wir relevante Themen behandeln. Quote nur um der Quote willen? Nicht mit mir. Das werden Sie mir auch nicht nachweisen können.

Keine Angst, dass Sie am Ende der Reise nach Jerusalem ohne Stuhl dastehen?

Davon abgesehen, dass ich gar nicht weiß, ob die wirklich geplant ist: Nein, denn wir liefern gute Arbeit ab. Ich gehe davon aus, dass wir auch in den nächsten Jahren mit von der Partie sein werden.

Es wird ja gerne behauptet, die Talkshows würden alle immer dasselbe Thema behandeln und immer die gleichen Gäste haben.

Das sehe ich anders. Nicht nur bei uns, sondern auch bei meinen Kollegen. Die Profile könnten noch klarer werden, stimmt. Die Abgrenzung könnte schärfer sein. Aber es war für uns alle auch nicht einfach. Jeder musste sich erst einmal mit seinem neuen Sendeplatz arrangieren. Auch wir wussten ja nach dem Umzug vom Sonntag auf den Mittwoch nicht gleich, wie der Tag funktioniert und was das Publikum erwartet. Wir haben dann aber festgestellt, dass der Mittwoch nachrichtentechnisch gar nicht so übel ist.

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