Interview mit Georg Stefan Troller : „Jetzt muss ich sein, was ich bin“

Filmemacher und Menschenerkenner, Emigrant und „deutscher Kulturjude“: Ein Interview mit Georg Stefan Troller.

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Georg Stefan Troller wurde am 10. Dezember 1921 als Sohn eines jüdischen Pelzhändlers in Wien geboren. Wenige Tage nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 floh er vor den Nazis und emigrierte 1941 in die USA. Als GI kehrte er nach Europa zurück, seit 1949 lebt Troller in Paris. Dort begann er zuerst für den Hörfunk, später für das Fernsehen zu arbeiten. Legendär ist sein „Pariser Journal“ (1962 bis 1971), als ZDF-Sonderkorrespondent in Paris präsentierte er 70 Folgen der „Personenbeschreibung“. Es folgten große Dokumentationen, darunter „Unter Deutschen – Eindrücke aus einem fremden Land“. Troller schrieb Drehbücher („Wohin und zurück“) und Bücher, „Unterwegs“ heißt sein neuestes.
Georg Stefan Troller wurde am 10. Dezember 1921 als Sohn eines jüdischen Pelzhändlers in Wien geboren. Wenige Tage nach dem...Foto: imago/Wolf P. Prange

Herr Troller, am 10. Dezember haben Sie Ihren 95. Geburtstag begangen. Glückwunsch! Wie war die Feier in Paris?
Wir waren wie immer 30 oder 40 Leute und haben uns nett unterhalten. Am nächsten Tag gab ich ein Frühstück in einem Café bei mir um die Ecke, in dem ich für zwölf reserviert hatte. Am Ende kamen 16. Da konnten wir dann richtig miteinander sprechen, das geht auf einem Fest nicht so gut. Aber wenn man so alt ist wie ich, denkt man bei solchen Gelegenheiten auch viel an die, die nicht kommen konnten. Mein Bruder zum Beispiel ist vor einigen Monaten gestorben. Und es gab andere, die verhindert waren. Aber noch so viele Freunde zu haben, das ist eine sehr schöne Sache.
Lassen Sie sich gerne feiern?
Eigentlich nicht. Ich bin verlegen, wenn viele Menschen um mich sind. Ich bin eher ein Typ für das Zwiegespräch.
Wie oft kommen Sie noch nach Deutschland?
Drei oder vier Mal im Jahr. Dann bin ich in Berlin, München, Köln oder wohin man mich sonst einlädt. Man wird ja, je älter man wird, nicht so sehr für sein Werk als vielmehr für seine Jahre bewundert, aber das ist noch besser als gar nichts.
Wollten Sie immer schon Journalist werden?
Niemand hat damit gerechnet, dass jemals etwas aus mir würde, nicht einmal mein Vater. Mein Werdegang ist für mich selbst die größte Überraschung, und ich bilde mir auch nichts darauf ein. Ich kam zur richtigen Zeit an den richtigen Ort, nachdem ich so lange zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war - in meiner Kindheit.
Was ist denn aus Ihnen geworden?
Wenn ich das wüsste! Vielleicht ein Mensch, der Leben in Worte und Bilder umsetzt, ursprünglich als eine Art Rettungsmechanismus und später aus Freude an der Umwandlung. Filme zu drehen, ist eine sehr befriedigende Aufgabe. Einerseits, weil es mit Kunst zu tun hat, und andererseits, weil man damit das Leben bezwingt: Die Bedrückungen des Lebens kann man in Beglückungen des Lebens umwandeln. Es hat sich irgendwie ergeben, dass ich das auf meine Art offenbar ganz gut hinbekam.
Ihnen ist es immer um Menschen gegangen, oder?
Ich interessiere mich mehr für Menschen als für Ideen. Am besten sind natürlich Menschen mit Ideen. Aber die Idee oder Ideologie hat niemals den Vorrang. Der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg hat gesagt, es komme nicht darauf an, was einer glaubt, sondern darauf, was er mit seinem Glauben anfängt. Ich habe zu meiner eigenen Verblüffung gemerkt, dass ich diesen Satz in meinem letzten Buch „Unterwegs auf vielen Straßen“ gleich drei Mal zitiere.

Ich wollte Menschen niemals überzeugen


Haben Sie eine Ahnung, warum?
Er scheint mich stark beeindruckt zu haben. Was die Menschen betrifft, mir war es immer wichtig, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, wichtiger jedenfalls, als sie von irgendetwas zu überzeugen. Wovon hätte ich sie auch überzeugen sollen? Das scheint mir ein Charakterzug zu sein, den ich aus meiner wienerischen Zeit mitbekommen habe. Wozu soll es gut sein, den anderen mit seinen Überzeugungen platt zu walzen? Verstehen ist wichtig, selbst wenn es um seine Feinde geht, und das waren in meinem Fall die Nazis. Insofern bin ich auch ein besserer Fragensteller als jemand, der Antworten parat hat.
Was hat Sie besonders interessiert?
Ich war, vor allem in meinen Anfangsjahren als Journalist, immer darauf aus zu verstehen, wie die anderen es schafften, so bedingungslos zu sich selber zu stehen, wie sie es taten oder wie es mein Eindruck war, dass sie es taten. Denn das war mir nie gegeben. Ich wollte es ihnen ablernen! Es ging mir damals darum, so scheint es mir jedenfalls heute, für mich selber aus diesen Begegnungen etwas zu gewinnen. Dass die anderen dabei möglicherweise eher über meinen als über ihren eigenen Kamm geschoren wurden, ist ein Teil dieses Vorgangs: Ich habe aus diesen Leuten Figuren meines persönlichen Theaters gemacht. Habe ich sie deshalb ungerecht behandelt? Ich glaube nicht.
War das ein kühnes Unterfangen?
Kühn nicht, eher frech. Ich war der Frechere. Weil ich hinter das Geheimnis des Soseins der anderen, also den Zustand der Selbstsicherheit, kommen wollte, einen Zustand, den ich selbst in frühester Jugend verloren hatte. Das hat mit meinem Aufwachsen in einer naziverseuchten Gesellschaft zu tun, die das auch in Wien schon vor 1933 war. Wir Juden wurden verachtet, und wer als Kind ausdauernd genug verachtet wird, der beginnt irgendwann, sich selbst zu verachten. Nach dem Motto: "Die" werden wohl einen Grund haben, dich nicht zu mögen. Und das Kind sucht dann nach dem Grund in sich selbst. Ich hatte das große Glück, diese Dinge später mit Hilfe des Mediums Fernsehen, von dem ich glaube, dass es eigens für mich erfunden wurde, zu überwinden. Ich war immer ein Mann der Bilder und der Worte. Und gäbe es das Fernsehen und diese beiden anderen Medien, Funk und Letterndruck, nicht, ich hätte keine Ahnung, womit ich mein Leben hätte verbringen sollen.

Mein großes Glück war das Fernsehen


Das Fernsehen als Lebensretter?
Wenn Sie so wollen: ja. Es war ein großes Glück für mich. In dem Sinne, wie Glück etwas ist, das unverdient über einen kommt.
Kann uns das Fernsehen Wahrheiten vermitteln?
Nicht, wenn Sie glauben, dass das, was Sie da sehen, die Wahrheit ist und nichts als die Wahrheit. Schon die Auswahl, die der Kameramann trifft, wenn er etwas filmt und damit zugleich etwas anderes nicht, bedeutet eine Verfremdung dessen, was eigentlich vorgeht. Und manchmal ist der Blick durch ein Objektiv der einzige Weg, etwas ansonsten Unerträgliches auszuhalten, so wie es Susan Sontag einmal gesagt hat. Mir ging es genau so, als ich 1945 nach Dachau kam um dort zu fotografieren. So konnte ich mich vor der Direktheit des Lebens, das dich ja umhauen will, vor seiner Übermacht schützen.

Georg Stefan Troller: Unterwegs auf vielen Straßen. Erlebtes und Erinnertes. Edition Memoria, Hürth 2016. Taschenbuch, 224 Seiten, 25 €
Georg Stefan Troller: Unterwegs auf vielen Straßen. Erlebtes und Erinnertes. Edition Memoria, Hürth 2016. Taschenbuch, 224 Seiten,...Foto: promo


Ist der Journalist also quasi notgedrungen immer auch ein Lügner?
Lügner wäre ein zu großes und auch falsches Wort. Der Journalist macht aus allem sein eigenes Schauspiel. Nehmen Sie zum Beispiel das berühmte Foto von Robert Capa, von dem man jahrzehntelang glaubte, es zeige einen im Spanischen Bürgerkrieg tödlich getroffenen Soldaten. Jetzt stellt sich heraus, dass es womöglich gestellt war, eine Gefechtsübung. Trotzdem hat es natürlich seine eigene Wahrheit.
Herr Troller, die Nazis haben Sie aus Wien vertrieben und die Nazis waren immer noch da, als Sie als GI nach Europa zurückkehrten. Wie lange mussten Sie sich mit den Nazis, die sich damals im Funk gerne „alte Hasen“ nannten, wie Sie sagen, auseinandersetzen?
Bis heute. Kaum sehe ich Beamte, die sich aufspielen oder angeberische Polizisten in Uniform, schon steigt in mir etwas hoch. Angst, Ressentiment. Als ich heute in Tegel landete, standen da zwei schwer bewaffnete Polizisten und sahen sich die Leute an, die aus den Flugzeugen kamen. In solchen Situationen habe ich immer das Gefühl: Es geht wieder ab. Das wird man nie wieder los. Selbst in Frankreich, wo ich wohne und alle Papiere und Legitimationen der Welt besitze. Von Zeit zu Zeit träume ich auch von den Nazis. Aber ich träume auch regelmäßig, dass ich gerade etwas Interessantes abfilme. Das sind dann eher erfreuliche Träume.
Sie haben geschrieben, wer emigriert, emigriere auf Lebenszeit. Sind Sie ein Heimatloser?
Emigration bedeutet vor allem Verlust der Identität. In Amerika gehe ich als Europäer durch, in Mexiko wurde ich für einen Guatemalteken gehalten, in Frankreich hält man mich für einen Elsässer, in Deutschland für einen Österreicher. Was also bin ich: Österreicher, Amerikaner, Franzose?
Ja, was sind Sie?
Ich habe einmal auf eine ähnliche Frage geantwortet: ein „deutscher Kulturjude“. Vielleicht nicht sehr schmeichelhaft, aber wenn überhaupt, dann wäre es in etwa das. Ich bin Österreich als geliebte Heimat des jungen Georg Stefan Troller dafür dankbar, dass es einst Heimat gegeben hat. Aber was ich eigentlich bin, darüber denke ich nicht mehr nach. Es hat aufgehört, mich zu plagen. Jetzt muss ich sein, was ich bin.
Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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