Interview mit Götz George : "Mir waren alle meine Rollen fremd"

Der Schauspieler Götz George hat zu viel Zeit mit seinem Beruf verplempert. Jetzt will er Leben nachholen. Ein Gespräch über das Alter, Schimanski und die größte Herausforderung – seinen Vater Heinrich George zu spielen.

Frau gestorben, Kinder entfremdet, in Pension geschickt. Es kommt hart für Theo Winter (Götz George) im ZDF-Film „Papa allein zu Haus“.
Frau gestorben, Kinder entfremdet, in Pension geschickt. Es kommt hart für Theo Winter (Götz George) im ZDF-Film „Papa allein zu...Foto: ZDF

Herr George, macht das Alter fröhlich?

Das Schöne an meinem Beruf ist, das er mich mein Alter nicht spüren lässt. Du wirst gefordert und vergisst, wie alt du bist. Wenn du dann auch noch pfleglich mit dir umgehst, funktioniert alles noch ganz gut.

Es heißt immer so schön, im Alter werde man klüger.

Das mag schon sein. Wenn du dich zum Beispiel weiterbildest, dann kann es durchaus sein, dass du im Alter noch einmal einen Schub bekommst. Aber dafür braucht es Zeit. Zeit, die ich nie hatte, die ich mir aber jetzt nehme. Ich habe zu viel Zeit mit meinem Beruf verplempert. Jetzt mache ich ein oder zwei Produktionen pro Jahr und das war es dann. Den Rest der Zeit lebe ich mein Leben. 60 Jahre lang gearbeitet zu haben, ist doch ordentlich genug, oder?

Aber diese ein oder zwei Produktionen müssen dann zu hundert Prozent zu Ihnen passen.

So ist es. Wie bei „Papa allein zu Haus“. Der Film hat alles, was mich als Schauspieler reizt.

War Ihnen die Rolle dieses leicht spießigen älteren Herrn nicht sehr fremd?

Mir waren alle meine Rollen fremd.

Auch Schimanski?

Aber sicher. Bin ich jemals durch eine Tür gesprungen, hab ich jemals einem anderen etwas auf die Nase gegeben? Nie!

Täuscht der Eindruck, dass Sie in Ihren Rollen der letzten Jahre immer knorriger geworden sind?

Es geht um Lebensweisheit. Bei Schimanski zum Beispiel um eine große Traurigkeit angesichts der Verhältnisse, die ja nicht unbedingt besser geworden sind. Bei Theo Winter geht es um einen Mann, der aus seiner kleinen, engen Welt hinaus muss und dabei unter anderem feststellt, was er alles in seinem Leben falsch gemacht hat. Natürlich ist auch Witz dabei. Diese Bandbreite ist es, die mich an den Rollen, die ich gerne spiele, fasziniert.

Im Presseheft zum Film „Papa allein zu Haus“ findet sich der Satz, er, Theo Winter, bringe jeden, der sich ihm nähern wolle, zur Verzweiflung. Erkennen Sie sich wieder?

Nee, überhaupt nicht. Ich lasse sogar die Presse immer wieder an mich ran. Mit der ich ja, wie Sie wissen, nicht immer auf gutem Fuße stehe.

Vivian Naefe, die Regisseurin, sagt über sich, dass sie immer viel zu viel kontrollieren wolle. Verstehen Sie sich deshalb so gut mir ihr?

Nee. Wir haben uns während der Dreharbeiten sogar ein bisschen entzweit, eben weil sie zu viel kontrollieren wollte. Das passiert immer, bei jedem Film. Und wenn du einen Autorenfilm machst, also Regisseur und Autor ein- und dieselbe Person sind, und "Papa allein zu Haus" ist ein Autorenfilm, dann hat der Autor oder die Autorin ganz bestimmte Vorstellungen, auch was dich als Schauspieler angeht. Und wenn dann jemand wie ich mit einem Füllhorn an Angeboten kommt, wird die Autorin ein bisschen durchgeschüttelt. Dann muss man sich einigen.

Das heißt?

Ich muss mich nicht immer durchsetzen.

Sind Sie ein schwieriger Fall?

Das müssen Sie die Regisseure fragen. Ich glaube: nein. Weil ich eine große Spielfreude mitbringe. Wenn ich am Set bin, dann ist das für mich wie ein Buddelkasten. Ich probiere, was geht. Früher ging das schon mal endlos, heute möchte ich nach 14 Stunden am Set dann doch langsam mal nach Hause. Kunst ist harte Arbeit. Und man wird nicht jünger.

Hört sich aber schwer nach Traumberuf an.

Ich rate jedem, der Schauspieler werden will, aufs Schärfste ab. Stress pur. Brutal.

Können Sie Ihre jungen Kollegen verstehen, die unbedingt Schauspieler werden wollen?

Nein, kann ich nicht mehr. Heute geht alles so wahnsinnig schnell, rauf wie runter. Wir hatten noch Zeit uns zu entwickeln.

Was macht unsere Zeit so verrückt?

Verrückt ist nicht ganz das richtige Wort. Spießig trifft es eher. Die großen Quoten-Erfolge im Fernsehen sind doch mehrheitlich Spießerfilme, das ist abenteuerlich. Da ist man doppelt froh, in einem etwas anderen Autorenfilm mitmachen zu dürfen.

Sie bekommen immerhin jede Menge Anerkennung für Ihre Arbeit.

Glauben Sie?

Sie sind doch spätestens als Schimanski unsterblich geworden!

Viele finden das nicht. Ich habe jede Menge Rollen gespielt, in denen die Leute mich nicht einmal erkannt haben.

Ein Schuss ins Herz jeden Schauspielers. Aber Sie sind ein Kämpfer, Ihnen macht das doch nichts aus.

Wenn ich heute kämpfe, dann mit der Frage, wie ich meinen Tag am sinnvollsten rumbringe. Also: Was passiert heute? Bäume beschneiden, Rasen mähen, Dach reparieren? Jede Menge Arbeit, das kann ich Ihnen sagen.

Sie sind ja geradewegs auf dem Weg zum Lebemann.

Ja. Weil ich Leben nachholen muss. So konsequent wie möglich.

Gibt es eine Traumrolle, die Sie immer spielen wollten, aber noch nie spielen konnten?

Nein, nichts. Ich bekomme regelmäßig Drehbücher geschickt. Die lese ich und sage zu, wenn es mir gefällt, und ab, wenn es mir nicht gefällt. Aber allein das Lesen von schlechten Drehbüchern kostet mich Stunden meiner Lebenszeit. Ich habe keine Zeit mehr zu verschenken.

Sie werden demnächst Ihren Vater verkörpern. Heinrich George starb 1945 im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen, in der NS-Zeit war der Schauspieler ein gefeierter Star. Wie steht es um das Projekt Heinrich George?

Wir sammeln. Aber es ist noch nichts endgültig entschieden. Das Thema ist für mich sehr wichtig. Irgendwann wird das Projekt fertig sein, dann werden wir reden, und wenn ich glaube, dass es dem Menschen Heinrich George, meinem Vater, nahekommt, dann könnte etwas daraus werden.

Es gibt keine festen Termine?

Nein. Wenn das Buch gut ist, dann können wir anfangen zu drehen.

Warum tun Sie sich das überhaupt an?

Mir wurde die Rolle schon mindestens 25 Mal angeboten, ich habe jedes Mal abgelehnt. Aber die Leute, die jetzt den Film machen wollen, vor allem Joachim Lang als Autor und Regisseur, aber auch mein Bruder, haben gesagt, das geht nur mit dir.

Ihnen ist klar, was passieren wird? Die einen werden Sie niederknüppeln, die anderen in den Himmel heben.

Ich habe ein gelebtes Leben hinter mir. Wenn der Film gedreht wird, bin ich 74 oder 75. Wenn es mir gelingt, nur ein paar Dinge über meinen Vater richtigzu- stellen, dann bin ich zufrieden. Alles andere kümmert mich nicht mehr.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

„Papa allein zu Haus“, ZDF, Montag, 20 Uhr 15

BIOGRAFIE

Götz George, geboren am 23. Juli 1938 in Berlin, entstammt einer berühmten Schauspielerfamile: Sein Vater Heinrich George war ein Theater- und Kinostar, seine Mutter Berta Drews ebenfalls eine bekannte Schauspielerin. Mit 22 Jahren drehte Götz George seinen ersten Kinofilm. „Jacqueline“ begeisterte die Kritiker, George erhielt den Bundesfilmpreis. Zwischen 1959 und 1969 spielte er in 26 Filmen mit, darunter „Liebe will gelernt sein“ und „Ostwind“. Noch populärer wurde er als TV-Kommisar Schimanski, mit dem er 1981 zum ersten Mal im „Tatort“ zu sehen war. Mit Regisseur Helmut Dietl drehte George 1992 die Satire „Schtonk!“, vier Jahre später die Komödie „Rossini oder Die mörderische Frage, wer mit wem schlief“. Bis heute war Götz George in mehr als 100 Film- und Fernsehproduktionen zu sehen und erhielt zahlreiche Preise, darunter der Coppa Volpi für seine Rolle als Massenmörder Haarmann in „Der Totmacher“. Zu seinen jüngsten Fernsehproduktionen gehört „Zivilcourage“. George lebt zusammen mit der Hamburger Journalistin Marika Ullrich, abwechselnd in Berlin und auf Sardinien. sop

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben