Interview mit Julia Koschitz : „Geld ist für mich der Luxus von Freiheit“

Julia Koschitz über den Schauspielerberuf, ihre Rolle als Bankräuberin und Tipps für schlechte Zeiten.

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Am Drücker, so hätte das ZDF den Film „Am Ruder“, der am Mittwoch um 20 Uhr 15 läuft, auch nennen können. Bankräuberin Nina (Julia Koschitz) hält Fitness-Coach Michael mit einer Waffe in Schach. Dass sie erneut zusammen mit Wotan Wilke Möhring vor der Kamera steht, sei jedoch reiner Zufall, sagt die 43-Jährige.
Am Drücker, so hätte das ZDF den Film „Am Ruder“, der am Mittwoch um 20 Uhr 15 läuft, auch nennen können. Bankräuberin Nina (Julia...Foto: ZDF und Volker Roloff

Frau Koschitz, in der TV-Tragikomödie „Am Ruder“ spielen Sie eine Bankräuberin. Weibliche Bankräuber sind eher selten. Hatten Sie vorher schon einmal von einer Frau gehört, die mit der Waffe in der Hand eine Bank ausrauben will?

Ja, vor vier Jahren wurde die Geschichte der ersten deutschen Bankräuberin verfilmt. In den 60er Jahren hatte diese Frau mit zwei Komplizen in Hamburg und seinem Umland mehrere Überfälle verübt. Sie wurde als „Banklady“ bekannt. Der Film ist eine Art Gangsterkomödie.

Das hat aber nichts mit dem Film zu tun, der an diesem Mittwoch im ZDF zu sehen ist?
Nein, „Am Ruder“ beruht auf der Kurzgeschichte „Das Innere“ von Jakob Arjouni, in der auch eine Bankräuberin vorkommt.

Mit Banken dürften Sie sich inzwischen auskennen. In der TV-Produktion „Vertraue mir“ hatten Sie an der Seite von Jürgen Vogel eine Investmentbankerin dargestellt, der ein fauler Milliardenkredit untergeschoben werden sollte. Nun sind Sie als Bankräuberin „Am Ruder“. Wer ist gewissenloser: der Bankräuber oder der Spekulant?
Das würde ich nicht verallgemeinern. Aber bestimmt werden auch ganz legal im Bankgeschäft Entscheidungen getroffen, die manchmal als gewissenlos bezeichnet werden könnten.

Welche Bedeutung hat Geld für Sie?
Geld ist für mich der Luxus von Freiheit. Frei zu sein, meine beruflichen Entscheidungen rein inhaltlich zu treffen, natürlich auch die privaten und von niemandem abhängig zu sein. Ich glaube, ich habe keine besonders kostspieligen Ansprüche, aber ich brauche eine gewisse finanzielle Absicherung, um mir keine Sorgen um das alltägliche Leben machen zu müssen.

Sie gehören zu den viel beschäftigten Schauspielerinnen. Kann man in dem Beruf reich werden?
Mir ist es bisher noch nicht gelungen (lacht). Aber ich will mich auf keinen Fall beklagen. Man kann in diesem Beruf sehr gut verdienen und international gesehen, aber auch vereinzelt hier in Deutschland, als Schauspieler zu Reichtum gelangen. Ich glaube aber nicht, dass es eine gute Zielsetzung oder Motivation wäre, um diesen Beruf zu wählen.

Was treibt Sie an, woher bekommen Sie ihre Motivation?
Ich liebe Geschichten. Geschichten erzählen ist so alt wie die Menschheit selbst. Es ist eine Kommunikationsform, in der wir Erfahrungen und unsere unterschiedlichen Blickwinkel darauf teilen können. Für mich ist es eine schöne Art, sich selbst wie die Gesellschaft widerzuspiegeln und zu hinterfragen. Ich schätze mich glücklich, einen Beruf zu haben, den ich so gerne ausübe. Das ist ein großes Privileg.

Was ist für Sie das Besondere an Nina, der Bankräuberin?
Die Figur ist sehr widersprüchlich und unberechenbar. Schwer angeschlagen nach einem persönlichen Verlust, begeht sie diesen Banküberfall mehr aus Verzweiflung, weil sie keinen anderen Ausweg für sich sieht. Sie ist labil und zerbrechlich, hat aber gleichzeitig eine große Kraft. Teilweise zerstörerisch gegen andere oder sich selbst, aber durchaus auch positiv, in Form einer fast kindlichen Begeisterung. „Am Ruder“ ist insgesamt eine Geschichte der menschlichen Unzulänglichkeiten, das gilt für die Bankräuberin und ihre Geisel, dem gescheiterten Fitnessclub-Besitzer, bin hin zu den Polizisten, die eigentlich die Retter in der Not sind. Alle Figuren werden dabei auf eine ziemlich gnadenlose Weise gezeigt, aber dennoch nicht zynisch, sondern durchaus liebevoll.

Der Film heißt „Am Ruder“, das klingt nicht nach einer Räuberpistole.
Der Titel bezieht sich auf ein Buch, das die Geisel, also der Fitnesstrainer Michael – gespielt von Wotan Wilke Möhring – schreiben möchte. Er sieht darin seine letzte große Chance, seine desaströse berufliche und private Situation umzukehren. Ich nehme aber mal an, dass der Filmtitel auch als Wortspiel gemeint ist, weil den Figuren in der Geschichte ziemlich viel aus dem Ruder läuft. Wir können Menschen dabei beobachten, wie sie verzweifelt versuchen, ihr Leben wieder in den Griff und unter Kontrolle zu bekommen, kläglich scheitern und dabei manchmal auch sehr komisch sind.

Der Fitness-Coach war früher einmal ein erfolgreicher Ruder-Champion. In seinem Buch will er beschreiben, wie er sich mit langen kraftvollen Schlägen aus einer schwierigen Lebenssituation herauskatapultieren kann. Was ist Ihr Rezept, wenn es mal nicht so gut läuft?
Ich hätte gerne ein richtiges Rezept. Aber ich glaube, reden hilft – am besten mit Menschen, die einem nahstehen. Und ansonsten kann ich nur bestätigen, was Wotans Figur Michael beschreibt. Ich gehe halt nicht rudern, sondern laufen. Bei einer sportlichen Betätigung runterzukommen, und im besten Fall in eine Art Flow, das hilft mir.

Sie leben in München, sind aber öfter in Berlin: Was verbinden Sie mit der Hauptstadt, der bundesdeutschen, nicht der bayerischen?
Berlin ist die Stadt, in die ich immer ziehen wollte. Es gab immer wieder Momente, wo sich das angeboten hätte, aber vielleicht ist die Sehnsucht danach ja hübscher als die Umsetzung (lacht). Ich genieße es aber, oft in Berlin zu arbeiten. Es gibt mir die Gelegenheit, meine Freunde dort zu besuchen und außerdem ist es einfach eine spannende Stadt. Nach meinem Gefühl die einzig wirkliche Großstadt in Deutschland, vielleicht mit Ausnahme von Hamburg. Berlin ist für mich immer eine Inspiration.

Und was spricht für München?
Ich muss zugeben, dass ich hier hängen geblieben bin. München hat in all seiner Geruhsamkeit eine große Lebensqualität. Aber mein Hauptgrund sind die Menschen, mein Freundeskreis, den ich mir hier über die Zeit aufgebaut habe. In einem Beruf, in dem man viel unterwegs ist, ist die Basis umso wichtiger.

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