• Interview mit Khaled Abu Toameh: „Journalismus ist in Palästina lebensgefährlich“

Interview mit Khaled Abu Toameh : „Journalismus ist in Palästina lebensgefährlich“

Gewaltandrohungen gehören für Journalisten im Westjordanland und Gazastreifen zum Arbeitsalltag, sagt der Journalist Khaled Abu Toameh. Seinen westlichen Kollegen wirft er Voreingenommenheit in ihrer Berichterstattung vor.

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Ein Kämpfer der militanten "Nasser-Salah-al-Din"-Brigade steht im September 2016 am Rande einer Pressekonferenz in Gaza-Stadt.
Ein Kämpfer der militanten "Nasser-Salah-al-Din"-Brigade steht im September 2016 am Rande einer Pressekonferenz in Gaza-Stadt.Foto: imago/ZUMA Press

Herr Toameh, die NGO "Human Rights Watch" hat den Palästinenserbehörden im vergangenen Jahr vorgeworfen, sie verletzte die Pressefreiheit systematisch. Wie gefährlich ist das Leben als Journalist in den Palästinensergebieten?

Wem seine körperliche Unversehrtheit am Herzen liegt, überlegt es sich mindestens zwei Mal, bevor er einen kritischen Artikel schreibt. Denn Journalismus im westlichen Sinne ist in den Palästinensergebieten lebensgefährlich. Im Westjordanland herrschen die palästinensischen Autonomiebehörden und im Gazastreifen die Hamas: bei beiden handelt es sich um Kleinstdiktaturen, die die Pressefreiheit nicht achten. 


Aber es gibt dennoch Journalisten, die sich dem Regime entgegenstellen?

Ja, aber nur wenige. Von einer unabhängigen Presse kann ohnehin nicht die Rede sein, denn die drei wichtigsten Zeitungen im Westjordanland werden von den Autonomiebehörden finanziert  - und somit direkt von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Vor ihrer Berichterstattung muss er sich also nicht fürchten. Darüber hinaus gibt es aber immerhin einige private TV-Stationen und Nachrichtenportale im Netz. Weil Journalisten allerdings bei jedem kritischen Wort mit Gewalt und Folter rechnen müssen, ist Selbstzensur auch bei diesen Sendern und Webseiten an der Tagesordnung.

Denken Sie, dass mit dem Aufkommen von sozialen Medien sich daran etwas ändern könnte?

Ich habe keine großen Hoffnungen. Natürlich wagt der ein oder andere jetzt auf Twitter oder Facebook Kritik an den politischen Verhältnisse, dass es aber zu einem Massenphänomen wird, bezweifle ich - denn die Autonomiebehörden und die Hamas lesen natürlich auch dort mit.

Der israelisch-arabische Journalist Khaled Abu Toameh.
Der israelisch-arabische Journalist Khaled Abu Toameh.Foto: privat

Das sind düsteren Aussichten …

Das Problem sitzt ohnehin tiefer: Nicht nur Palästina, die gesamte arabischen Welt ist von einer Kultur der Obrigkeitshörigkeit geprägt. Das Verhältnis zwischen politischen Machthabern und Journalisten lässt sich auf eine einfache Devise herunterbrechen: Wenn ihr nicht mit uns seid, müsst ihr gegen uns sein. Nach arabischen Verständnis bleibt Journalisten daher lediglich die Rolle des Fußsoldaten für den jeweiligen Herrscher und nicht die einer unabhängigen Kontrollinstanz. Es ist dabei nicht nur die palästinensischen Berichterstattung, in die sich Behörden und Hamas einmischen – auch Palästinenser die für internationale Medien arbeiten, stehen unter Druck, schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit zu waschen. Wer es dennoch tut, sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt ein „Verräter“ oder dem „zionistischen Regime“ hörig zu sein.

Das klingt nach schaurigen Verschwörungstheorien ...

Antisemitische Überzeugungen sind in der palästinensischen Gesellschaft leider weit verbreitet – nicht zuletzt dann, wenn es um die Arbeit von Medien geht. Viele Palästinenser sind davon überzeugt, dass die internationalen Medien von jüdischen Unternehmern kontrolliert werden und deshalb im Zweifelsfall auch pro-israelisch berichten. Von ausländischen Journalisten wird das wiederum leider selten thematisiert und somit entsteht ein Zerrbild von der palästinensischen Realität.

Sie werfen westlichen Medien Voreingenommenheit vor?

Ich begleite Journalisten seit dreißig Jahren in den Palästinensergebieten und in dieser Zeit habe ich tatsächlich einige getroffen, die mit einem sehr gefestigten Weltbild in die Gegend kamen und dementsprechend dann auch berichtet haben. Mindestens genauso problematisch sind aber die vielen Journalisten, die mit geringen Kenntnisse über Geschichte und Gegenwart der Region anreisen und dann der Welt den Nahost-Konflikt erklären. Vor zwei Jahr baten mich Journalisten darum, ihnen die jüdischen Siedlungen im Gazastreifen zu zeigen. Sie waren ziemlich enttäuscht als sie herausfanden, dass sie dafür zehn Jahre zu spät angereist sind: Israel hat sämtliche Siedlungen 2005 geräumt.

Und das kommt häufiger vor?

Natürlich sind nicht alle so, aber leider viel zu viele. 2004 tötete die israelische Armee Ahmed Yassin, einen der Hamas-Mitgründer. Eine britische Zeitung ihren Polizeireporter ins Land geschickt, weil gerade kein anderer seiner Kollegen Lust und Zeit hatte. Sonderlich viel Mühe hat er sich dann auch nicht gemacht: Er verbachte die meiste Zeit an der Bar seines Luxushotels in Jerusalem, schrieb später aber, er hätte sich mit Hamas-Führern im Gazastreifen getroffen.

Khaled Abu Toameh ist Sohn eines israelisch-arabischen Vaters und einer palästinensischen Mutter. Er berichtet seit vielen Jahren als Journalist für westliche Medien aus den palästinensischen Autonomiegebieten.

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