Interview mit Michel Friedman : „Es gibt nicht nur eine Wahrheit“

Am Montag läuft auf ZDFneo die Pilotsendung der Justizshow „Der Richter in dir“. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht Moderator Michel Friedman über das neue TV-Format, kraftvolle Argumente und ungecastete Studiogäste.

Tatjana Kerschbaumer
Wie würden Sie entscheiden? In der Pilotfolge von Michel Friedmans neuem Format, über das die Zuschauer von ZDFneo abstimmen können, übernehmen die Studiogäste die Rolle eines Richters. Foto: ZDFneo Foto: André Götzmann
Wie würden Sie entscheiden? In der Pilotfolge von Michel Friedmans neuem Format, über das die Zuschauer von ZDFneo abstimmen...Foto: André Götzmann

Sieben neue Fernsehformate in sechs Tagen – das erwartet ZDFneo-Zuschauer derzeit im dritten „TVLab“ des Senders. Dabei kann das Publikum seinen Favoriten aus den Neuheiten auswählen. Die Abstimmung läuft bis Mittwoch über die Internetseite tvlab.zdfneo.de. Mit von der Partie ist ein neues Format von Moderator Michel Friedman. Er präsentiert am Montagabend die Pilotfolge der interaktiven Justiz-Show „Der Richter in dir“.

Herr Friedman, in „Der Richter in dir“ geht es darum, wie Informationen Wahrnehmungen und Meinungen beeinflussen. Was wollen Sie den Zuschauern damit vermitteln?

In unserem Leben urteilen wir ununterbrochen, egal ob politisch, sozial oder beruflich. Oft können wir nur oberflächlich entscheiden, weil wir unterschiedliche Perspektiven als Grundlage dafür bräuchten. Mit dem TV-Format wollen wir dem Zuschauer bewusst machen, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern immer verschiedene Wahrnehmungen davon. Das zeigen wir in der Sendung einerseits durch die eingespielten Filmsequenzen, andererseits durch mich als Moderator. Ich präsentiere die Rollen von Ankläger und Verteidiger in einer Person und kann jede Sichtweise auf den Fall begründen.

In der Sendung servieren Sie den Studiogästen die Informationen zum diskutierten Fall häppchenweise. Ist das realitätsnah? Ein echter Richter kennt die Hintergründe ja normalerweise.

Wenn Sie den Tagesspiegel lesen, bekommen Sie auch eine subjektive Auswahl von Informationen. Das hängt ja immer davon ab, was man in den Vordergrund oder in den Hintergrund stellt. In „Der Richter in dir“ geht es darum, die Beteiligten zu irritieren. Ihnen zu vermitteln, dass es Schwarz und Weiß nicht unbedingt gibt, sondern ganz viele Zwischentöne. Außerdem geht es nicht nur um das Verbrechen an sich. Die Fälle haben immer einen gesellschaftspolitischen Hintergrund, der zur Diskussion steht und mindestens genauso wichtig ist. In der Pilotfolge geht es zum Beispiel um das Thema Alter – und wie die Gesellschaft damit umgeht.

Würden Sie sagen, dass „Der Richter in dir“ deshalb ein wichtiges, sinnstiftendes Format ist?

Ein Format sollte nie überhöht werden. Wir machen letzten Endes nur Fernsehen. Ich persönlich finde aber schon, dass es eine sinnvolle Arbeit ist. Was mir besonders daran gefällt, ist die Aktivierung des Publikums. Die Sendung regt zum Mitdenken und Mitfühlen an. Der Zuschauer stellt sich infrage. Was passiert im Lauf der Sendung mit mir? Beziehungsweise mit dem Richter, den ich ja permanent in mir trage?

Bei so viel Aktion: Gab es etwas, das Sie bei der Aufzeichnung der Pilotfolge besonders überrascht hat?

Ich war vor allem positiv überrascht. Zum einen davon, dass die Kraft der Argumente zu wirken scheint – immerhin sind viele Studiogäste von ihrem harten Urteil, das sie nach der ersten Filmsequenz gefällt haben, abgerückt. Was mich aber genauso fasziniert hat, war die Vielschichtigkeit der Entscheidungen, die in der Sendung getroffen wurden. Und wie verschieden sie begründet wurden. Daran merkt man, dass die Studiogäste nicht gecastet sind. Sonst hätte die Sendung nicht funktioniert.

Die Struktur der Sendung ist relativ schnell klar. Es geht darum, dass Studiogäste und Zuschauer ihre Meinung revidieren. Befürchten Sie darum nicht, dass sich ein derartiges Format schnell totlaufen könnte?

Überhaupt nicht! Weil wir offen die Gruppendynamik der Studiogäste zeigen und sie dokumentieren. Außerdem macht die Sendung eine doppelte Ebene auf: Einerseits geht es um einen Kriminalfall, andererseits steht dieser in einem politischen und gesellschaftlichen Kontext, was ich ja schon angesprochen habe. Das ist immer interessant. Generell gilt natürlich: Irgendwann findet jedes Format einmal sein Ende. Aber hier würde das sicher lange dauern.

Das Gespräch führte Tatjana Kerschbaumer.

„TVLab: Der Richter in dir“, ZDFneo, Montag, 21 Uhr 45

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