Interview mit Super Nanny : „Alles, was Kinder tun und sagen, hat Sinn“

Die „Super Nanny“ Katharina Saalfrank spricht im Interview über ihre Arbeit als Familienhelferin im Fernsehen, Kinder, Eltern und Beziehung statt Erziehung.

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Kinder sollten glücklich aufwachsen. Katharina Saalfrank weist Familien Wege zu Vertrauen und Selbstvertrauen. Foto: RTL
Kinder sollten glücklich aufwachsen. Katharina Saalfrank weist Familien Wege zu Vertrauen und Selbstvertrauen. Foto: RTL

Frau Saalfrank, Weihnachten soll ein Fest der Harmonie sein. Tatsächlich lösen gerade diese Feiertage bei Tausenden von Familien Stress und Krisen aus. Woher kommt das, was lässt sich dagegen tun?

Na, an Weihnachten ist man oft mit Menschen zusammen, die man das ganze Jahr über sonst aus gutem Grund nicht sieht. Nein, im Ernst: Feste wie Weihnachten, wenn alle nah beieinander sind und nicht durch Alltag und Arbeit abgelenkt, bringen verschärft Konflikte ans Licht, die häufig sowieso da sind. In vielen Familien geht es um Machtpositionen der Eltern gegenüber den Kindern, anstatt um Dialog mit Kindern.

Was passiert im Dialog mit Kindern?
Sobald ich als Mutter oder Vater anfange, mit Kindern zu sprechen und zu erklären, anstatt zu fordern, dass sie funktionieren, entsteht etwas Neues, das Kind wird zum Gesprächspartner. Es wird ernst genommen, beginnt zu verstehen und verstanden zu werden. Das bedeutet, dass ich Gleichwertigkeit herstelle, das ist etwas Grundsätzliches - und geht natürlich nicht über Nacht. Eine wertschätzende Haltung zum Kind, die bei der Entwicklung von Selbstständigkeit hilft, hat nichts zu tun mit Schenken und Belohnen, Strafen und Tadeln.

Warum?
Wenn ich jedes "gute", also von Erwachsenen gewünschte Verhalten, wie Aufräumen vom Spielzimmer, Hilfe beim Abwasch oder sogar schon Töpfchengehen belohne, wird das Kind unselbstständig gehalten. Wenn das Verhalten eines Kindes nicht durch die Beziehung zu seinen Bezugspersonen, sondern durch Belohnungen und Bestrafungen bestimmt wird, dann ist es fatal! Weder Autonomie noch Verantwortung kann wachsen, wo das Kind handelt, um etwas zu bekommen oder um die Erwachsenen zufrieden zu stellen. Belohnen und Bestrafen sind zwei Seiten einer Medaille, die als ganze keinen Wert hat.

Kinder werden oft als „kleine Tyrannen“ beschrieben, denen ein Klaps nicht schadet. Was soll daran falsch sein?
Erstmal: Kinder sind keine Tyrannen! Aber ja, man hört Argumente wie „ein Klaps hat noch niemandem geschadet“. Ich sage: eben doch. Solche Maßnahmen bringen Kindern Gewalt bei, die Eltern wirken als Vorbild. Schläge und Strafen zerstören, besonders bei Säuglingen und Kleinkindern, die unersetzliche Sicherheit, geliebt zu werden, sie erschüttern das Urvertrauen, sie erzeugen Ängste vor neuen Strafen. Ich habe erlebt, dass Kinder schon schützend die Arme vor den Kopf halten, wenn die Mutter nur das Zimmer betritt. Schläge säen Ärger und Wut beim Kind, und den meist unbewussten Wunsch nach Rache. In einem Film mit Heinz Erhardt wurde das schön deutlich: Da kriegt der Sohn wegen einer Bemerkung eine Ohrfeige, er weint und ruft dabei: Wenn ich groß bin, hau ich meine Kinder auch! Das Perfideste dabei ist, wenn Kinder zu hören bekommen, man strafe sie aus „Liebe“. So programmiert man die Lüge, eine Demütigung nicht als das zu empfinden, was sie ist.

Kinder müssen lernen, was richtig und was falsch ist, jeder Autofahrer wird ja fürs Falschparken bestraft.
Kinder sind keine Autofahrer! Sie bewegen sich nicht im Straßenverkehr, sondern in lebendigen Beziehungen zu Eltern, Geschwistern, Freunden. Alles, was Kinder sagen und tun hat einen Sinn. Wir müssen ihn herausfinden! Wenn zum Beispiel ein Dreijähriger kein Eis bekommt und scheinbar "trotzig" schreit und sich auf den Boden schmeißt, steckt er emotional fest. Er hat noch keine Handlungsalternative, kennt seine Gefühle noch nicht und kann sie nicht regulieren. Nach dem "Nein, es gibt kein Eis!" ist das Kind in einer inneren Not. Darauf mit eigener Wut zu reagieren, eskaliert noch den Systemzusammenbruch beim Kind.

Was wäre besser?
Das erst mal zu verstehen. Dann kann ich als Mutter die Gefühle benennen: „Ich sehe, du ärgerst dich! Ich verstehe auch, dass du jetzt wütend bist! Trotzdem bleibt es dabei". Ich gebe dem Kind Worte für seine Gefühle und helfe so zu sortieren. Es kann dann protestieren und "Du bist doof!" sagen. Ich muss als Erwachsene aushalten, mich manchmal unbeliebt zu machen. Es geht immer um Beziehung statt Erziehung.

Acht Jahre lang haben Sie beim Sender RTL in Ihrer Rolle als "Super Nanny" öffentlich vor der Kamera Familien mit Problemen unterstützt. Im November haben Sie sich vom Sender getrennt. Enthielt das Format für Sie zu viel „scripted reality“?
Nein. Da ist ein falscher Eindruck entstanden und viel spekuliert worden. Klarstellend ist zu sagen: In dem Format wurde nie gescripted, es wurden nie Anweisungen gegeben, wir hatten keinerlei Drehbücher. Im Gegenteil, alles war echt. Die Familien, die Probleme, die Gewalt. Leider, muss ich fast sagen! Denn vieles war ja doch auch sehr traurig für Kinder. Ich kam oft in Familien, in denen Eltern so taten, als seien ihnen die Kinder zugelaufen. Es war eine Herausforderung, manchmal auszuhalten, dass man am Abend nicht weiß, was der nächste Tag bringen wird. Inhaltlich, pädagogisch war ich vorbereitet, die Familien sind während und auch nach der Arbeit durch zwei Psychologen, die ich mit Unterstützung von RTL beauftragen konnte, intensiv betreut worden. Ich bin ganz ohne Groll gegangen, und bin RTL sehr dankbar für alles! Das Format hat viele Menschen angestoßen über sich nachzudenken und auch die Hemmschwelle sich Beratung zu holen gesenkt. Wir haben tausende solcher Rückmeldungen bekommen.

Wo lag dann das Problem?
Ich durfte das Format mit den Jahren sehr verändern, durfte viel experimentieren, pädagogische Inhalte in den Vordergrund stellen und mich ausprobieren. Im achten Jahr hatte ich nun das Gefühl, dass eine weitere Entwicklung in diesem Format für mich nicht mehr möglich ist. Der Druck ist hoch. Da wächst die Geschwindigkeit, mit der man arbeiten soll, es gibt schnellere Schnitte, Wiederholungen drastischer Szenen in Zeitlupe oder Großaufnahmen von traurigen Kinderaugen, außerdem hinterlegte Musik, eine Art unnötiger Dramatik, gerade bei den zwölf sehr schwierigen Familien in der letzten Staffel. Ich brauche Ruhe und Zeit für längere Gespräche, um alles zu verstehen und dann auch gute Unterstützung leisten zu können.

Gar kein Groll?
Nein, überhaupt nicht. Die Interessen aller Beteiligten waren ja schon immer unterschiedlich, aber dennoch über Jahre gut zu verbinden. Jetzt gehen die Interessen eben auseinander. Im Ganzen bin ich sehr glücklich, dass ich diese aufklärerische Arbeit vor der Kamera bei RTL machen durfte und dass heute viel mehr Leute im Land, auch Eltern, die sonst keine Bücher zur Hand nehmen, sich nicht mehr scheuen, Hilfe zu suchen.

Sie selber haben während einiger Familienberatungen vor Ort mit Jugendämtern zusammengearbeitet. Wie war das?
Bei ein einigen Familien haben uns Mitarbeiter vom Jugendamt sogar teilweise hinter der Kamera begleitet oder haben dem sonst so anonymen Jugendamt auch vor der Kamera ein Gesicht gegeben. Das war sehr gut. Allerdings, die Erfahrungen mit Jugendämtern waren sehr gemischt. Manche Mitarbeiter sind enorm engagiert, andere werden überhaupt erst tätig, wenn schwere Gewalt oder öffentlicher Druck auftaucht.

Wird Gewalt gegen Kinder in Deutschland hinreichend geahndet?
Schlimm genug, dass wir Gesetze hierfür brauchen. Erst seit Dezember 2000 haben Kinder in Deutschland das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Es steht nur im BGB, nicht wie in Schweden, wo das seit 1979 im Strafgesetzbuch steht. Ein Chef, der seinen Mitarbeiter ohrfeigen würde, hätte sofort eine Anklage am Hals. Bei Kindern, die viel schutzbedürftiger sind, hochempfindsame Menschen in der Entwicklung, gelten Schläge nicht als kriminelle Delikte? Da stimmt etwas nicht.

Was läuft falsch?
Der Staat könnte und er sollte mehr tun, nicht nur als Gesetzgeber. Jugendämter habe ich oft als organisierte Verantwortungslosigkeit erlebt. Nach einem Rotationsprinzip wechseln die Zuständigen, „Fälle“ werden dokumentiert, geraten dann aber zwischen zwei Aktendeckel und werden von einem Mitarbeiter zum nächsten geschoben. Wer fühlt sich da noch verantwortlich? Es fehlt an intensiverer Ausbildung, an Familienhelfern, die im Alltag dranbleiben.

Das verschlingt hohe Summen.
Unvergleichlich viel teurer ist es, Kinder aus den Familien herauszuholen und in Obhut zu nehmen, oder am Ende Jugendliche in Haftanstalten zu betreuen. Familienhilfe ist Vorsorge. Im September hatte ich ein Gespräch im Familienministerium, man wollte mit mir zusammenarbeiten, ich war dazu bereit. Aber seither habe ich nichts mehr gehört. Es wundert mich übrigens auch, dass wir im Fernsehen auf allen Kanälen Programme über Kochen, Technik oder Gärtnern erhalten, aber nichts über Familien. Hier waren wir mit der „Nanny“ einzigartig, leider.

Der Kinderschutzbund hat kritisiert, Sie führten die Familien im Fernsehen vor.
Es ist ein schmaler Grat - das habe ich immer gesagt. Trotzdem: Zwischen Vorführen und Zeigen gibt es einen Unterschied. Um hinschauen zu können, muss etwas sichtbar sein! Im Übrigen haben die lautesten Kritiker oft am wenigsten gesehen. Naja, ich wundere mich über Kritiker, die kein Wort sagen zu wirklich schädlichen Sendungen wie „Die strengsten Eltern der Welt“ oder Shows, in denen Mütter Kinder tauschen, sich aber abarbeiten an einer Sendung, in der Familien konkret Hilfe erfahren. Es ist auch schlicht falsch zu sagen, ich hätte nicht eingegriffen, wenn Kinder geschlagen wurden. Wo ich Gewalt gesehen habe, bin ich sofort eingeschritten.
Bei vielen Familien läuft pausenlos der Fernseher, da haben Sie manchmal den Fernseher ausgeschaltet.
Nein, nein. Nicht ich habe den Fernseher ausgeschaltet. Sondern die Familie, die anfängt, miteinander zu sprechen, sich auf gemeinsame Mahlzeiten zu einigen oder miteinander am Tisch spielt, bemerkt auf einmal, dass der Fernseher bei der Runde stört. Da erwacht auf einmal das Bewusstsein dafür, dass man einander ansehen und zuhören kann

Wie sehen Ihre Pläne jetzt aus?
Neben meiner Beratungstätigkeit habe ich ein Live-Abendprogramm entworfen, das dieses Jahr angelaufen ist, es heißt „Nein, Mama!“. Ab Mai 2012 bin ich damit weiter unterwegs in vielen Städten, auch in Berlin, im Admiralspalast.

Worum geht es bei „Nein, Mama!“?
In Szenen, Lesungen und Gesprächen mit dem Publikum geht es da zum Beispiel um den Umgang mit Krisen, vor allem im Kleinkindalter und in der Pubertät. Krisen sind auch immer Chancen, sie sind im Grunde etwas Gutes und befördern das Herausbilden von Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein. An den Abenden entstehen oft interessante Dialoge mit dem Publikum und der direkte Kontakt macht mir viel Spaß.

Das wird nicht das Einzige bleiben, was Sie vorhaben, oder?
Mal sehen! Es gibt viel zu tun. Aber mehr wird jetzt noch nicht verraten.

Katharina Saalfrank, geboren am 22. November 1971 in Bad Kreuznach, ist Diplom-Pädagogin und Musiktherapeutin und wurde ab 2004 durch die Coaching-Show „Die Super Nanny“ im Privatsender RTL bekannt, wofür sie 2007 auch den Deutschen Fernsehpreis erhielt. Die letzten Folgen liefen im November 2011. In dem nicht unumstrittenen, quotenstarken Fernsehformat half Saalfrank Familien, welche Probleme mit ihren Kindern hatten. Kritiker wie auch der Kinderschutzbund wandten ein, dass die Kinder in der Sendung durch Vorführen in Extremsituationen in ihrer Würde verletzt würden. Katharina Saalfrank ist die Älteste von fünf Geschwistern. Sie ist aktives SPD-Mitglied, sie lebt heute mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Berlin.

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