Interview : Tagesschau-Chefredakteur: "Von Zuschauerschwund kann keine Rede sein"

2012 waren die Einschaltquoten der "Tagesschau" so niedrig wie seit 1992 nicht mehr. Chefredakteur Kai Gniffke hat noch einmal nachgerechnet und findet: Die Sendung ist so erfolgreich wie die Konkurrenz zusammen.

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Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke
Tagesschau-Chefredakteur Kai GniffkeFoto: ARD

Herr Gniffke, 2012 wird die „Tagesschau“ um 20 Uhr im Ersten von durchschnittlich 4,92 Millionen Zuschauer eingeschaltet. Das ist der niedrigste Wert seit 1992, als es 8,37 Millionen waren. Ist das eine Katastrophe oder der Lauf der Medienwelt?

Historisch gesehen liegen wir gut im Rennen: Wir liegen zurzeit über den Werten von 1993, 1995 und 1996. Im Jahr 2012 (Januar bis September) sehen im Ersten, in den Dritten, bei 3Sat und Phoenix mit durchschnittlich 8,7 Millionen Zuschauern exakt so viele Menschen die „Tagesschau“ wie die Hauptnachrichtensendungen von ZDF, RTL und Sat 1 zusammengerechnet. Das ist keine Katastrophe, sondern ein exzellentes Ergebnis.

Aller Rechnerei zum Trotz, es gibt weniger Zuschauer als früher. Was sind die Gründe?

Von Zuschauerschwund kann bei der „Tagesschau“ keine Rede sein. Die Zahlen sind außerordentlich erfreulich. Die „Tagesschau“ behauptet sich danach besser als die Hauptnachrichtensendungen anderer Anbieter. Während etwa „RTL aktuell“ im Marktanteil 1,5 Prozentpunkte einbüßt und die „heute“-Sendung 0,9 Prozentpunkte verliert, bleibt die „Tagesschau“ mit einem Minus von 0,5 gegenüber dem Vorjahreszeitraum beinahe stabil. Das ist im Jahr nach Fukushima, arabischer Revolution, Anschlägen in Norwegen und Tötung bin Ladens ein exzellentes Ergebnis und zeigt das ungebrochene Vertrauen der Menschen in die „Tagesschau“.

Was der „Tagesschau“ widerfährt, betrifft die Hauptnachrichten aller Programme, von ARD und ZDF bis hin zu RTL und Sat 1. Ist das Fernsehpublikum heute sehr viel weniger an klassischen Nachrichten interessiert als früher?

Nein, auch heute noch wollen sich die Menschen abends darüber informieren, was an diesem Tag wichtig war. Dafür braucht es Nachrichten im Fernsehen wie die „Tagesschau“.

Was muss ARD-aktuell tun, um die Zuschauer zu halten?

Unsere Zuschauerzahlen sind sehr stabil, und wenn wir weiterhin so erfolgreich sein wollen wie in den vergangenen Jahren, müssen vor allem unserer Marke treu bleiben. Das bedeutet gut recherchierte und seriös aufbereitete Nachrichten, die sich vor allem am Kriterium der Relevanz orientieren. Die „Tagesschau“ wird sicher nicht bunter werden.

Ihre Prognose, Herr Gniffke: Geht es künftig abwärts oder aufwärts?

Zum Glück geht es nicht abwärts, denn nach wie vor vertrauen die Menschen der „Tagesschau“, die auch in den kommenden Jahren das „Lagerfeuer“ bleiben wird, um das sich die Gesellschaft abends versammelt, um abzugleichen, was an diesem Tag wichtig war.

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