Intrigen und Investigation : Printjournalisten als angeschlagene Recherchehelden

„Die vierte Gewalt“: Der Arte-Film zeigt die Widrigkeiten investigativer journalistischer Arbeit.

Nikolaus von Festenberg
Reporter Jan Schulte (Benno Fürmann) wittert einen großen Scoop. Seine Kollegin Britta (Jördis Triebel) ist misstrauisch.
Reporter Jan Schulte (Benno Fürmann) wittert einen großen Scoop. Seine Kollegin Britta (Jördis Triebel) ist misstrauisch.Foto: NDR

Der enthüllende Journalist kämpft für nichts als die Wahrheit, ein schreibender Diener aufklärerischer Vernunft. Der rasante Arte-Film „Die vierte Gewalt“ zeigt die Heldendämmerung von heute: Aus der Leitfigur ist eine Leidfigur geworden. Schlecht bezahlt, durch Sparzwang um institutionelle Sicherheit gebracht, ein moderner Sklave, der sich Freier Journalist nennen muss und dem im komplexen Machtbetrieb Moral und Orientierung abhanden kommen. So weit, so schluchz, und, juchhu, zugleich eine prachtvolle Fernsehunterhaltung.

Fangen wir mal von hinten an, wenn wir mit Benno Fürmann, dem Darsteller des Journalisten Jan Schulte auf dessen Recherchepfaden mitgeeilt sind: Was haben wir gesehen? Zunächst: einen perfekt inszenierten (Regie: Brigitte Maria Bertele) und glänzend dialogstarken (Buch: Jochen Bitzer) Film. Die Odyssee einer gefallenen Edelfeder, deren frühsiebziger Haartracht und laute Selbstdarstellung an bessere Zeiten erinnert, an ein Leben mit Geld, Festanstellung und Prestige.

Wir haben erlebt, wie der schreibende Teil der vierten Gewalt sich ziemlich vergeblich wehrt, in die Drittklassigkeit abzusinken. Das zeigt sich weniger an den durch Anzeigenverluste bescheidener gewordenen materiellen Verhältnisse – bei „Borchardt“ wird noch getafelt und beim Herausgeber gibts Champagner zum Schäferstündchen –, es ist auch am mangelnden Respekt des Films für die Printarbeit zu erkennen.

Da wird von schönen Texten geredet, von einfühlsamen Porträts in dem dem „Spiegel“ nachempfundenen fiktiven Wochenblatt „Republik“. Aber nicht ein Mal gewährt der Film einen Eindruck von der Ausdruckskraft dieser gelobten Stücke. Auch Platzdiskussionen, Redigierkunst, der Zeitdruck, der Meinungsstreit, die Ressortkämpfe, die Selbstkritik sind kein Fernsehbild wert. Und niemals ist von Inhalten der Politik die Rede. Wohl nicht unterhaltsam genug.

Dauerlauf zwischen Redaktion und Informanten

Im Film ist der Printjournalist ein im wahrsten Sinne des Wortes Laufbursche. Jan Schulte, der arme Ritter in den Kämpfen um eine Enthüllung, läuft zwischen Redaktion und dem Berliner Gesundheitsministerium hin und her, als entstünde in der Bewegung zwischen Welten aus Glas und Licht und zugleich Heimstätten dunkler Machtgelüste journalistische Wahrheit. Artikel als Ergebnis des Bewegungssports. Schön wär’s ja, so ganz ohne ungesundes Sitzen vor Bildschirmen, die allmähliche Verfertigung von Erkenntnissen durch Dauerlauf zwischen Redaktion und Informanten.

Wider besseres Wissen demontiert der Film einen längst vergangenen Heldenmythos aus längst vergangenen Zeitungszeiten, als es kein Internet gab, kein zunehmendes Desinteresse an politischen Skandalen. Wenn es irgendetwas Wahres gibt an der Diffamierung „Lügenpresse“, Goebbels’ Unwort, dann wäre es die Verklärung des schreibenden Recherchehelden und seiner allmächtigen Feder. Er ist ausgestorben, er wird nicht wiederkommen. Wichtige, aufklärerische Recherche wird heute überwiegend in medienübergreifenden Teams geleistet.

Schulte ist eine Figur aus dem NachWatergate-Zeitalter. Hat mit seiner machtgeilen Kollegin (Jördis Triebel) Sex und zugleich eine keusche Zuneigung zur Abgeordneten Katharina Pflügler (sehr eindrucksvoll: Franziska Weisz). Schulte ist Frauenversteher-Normalo, kein Vergleich mit dem Urhelden aller Journalistenfiguren, Maupassants „Bel Ami“, dem gewissenlosen Aufsteiger-Frauenjäger aus dem Paris des 19. Jahrhunderts.

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