Medien : Ja, äh…, der Olli, der kann’s

Grandiose Fernsehkunst: Olli Dittrich gibt Franz Beckenbauer

Joachim Huber

Dass wir das noch erleben dürfen, in diesem Jahr. Olli Dittrich übernimmt Wesen und Weisheiten von Franz Beckenbauer. Dieser Komiker ist der beste Kaiser. Es ist eine Anverwandlung, es ist bei aller Persiflage, ja, es ist große Kunst. Nicht zum ersten Mal – „Zwei Stühle – Eine Meinung“ bei RTL – aber wann je besser?, macht sich der Dittrich den Kaiser untertan: Dieses bayerische Gesamtkunstwerk, diesen Besonderen, der wie kein Zweiter im Land das Talent zum Glück hat. Die Freunde vom Franz werden erkannt haben, dass Dittrich für seinen Text fast nur original Beckenbauer verwendet. Es sind Sätze, die der Präsident des Organisationskomitees zur Fußball-WM 2006 in Fernsehkameras und Schreibblöcke gesagt hat.

Olli Dittrich haut für den WM-Rückblick die Zitate entzwei, er kompiliert sie, er verfugt sie neu, und herauskommt „Best-of-Beckenbauer“. Eigentlich ein grandioser Fake, dieses Gespräch zwischen Harald Schmidt und Olli Beckenbauer, und unbedingt mehr als das. In Ableitung des ZDF-Formates „Was nun, ...?“ gibt Olli Beckenbauer auf jede devote Schmidt-Frage eine „Was tun, Herr Beckenbauer“-Antwort, genauer, es sind Deduktionen, wie Beckenbauer diese Welt in seinen Kosmos zwingt.

„In den drei bis vier Jahren werden wir keine WM mehr im eigenen Land mehr erleben“, schon weil der Afrikaner quasi nichts habe und sogar barfuß gehe. Ist das ein sinnloser Satz? Das ist ein sinnloser Satz, aber in sich bereits eine Schlussfolgerung, dass das mit dem nächsten WM-Turnier in Südafrika nichts werden könne und deswegen Deutschland, Beckenbauer, Klinsmann wieder ...

Für Olli Beckenbauer passt Gerd, die Torjäger-Kanone Müller, in keine Fußballmannschaft von heute mehr, trotzdem würde der Gerd „achtzig, neunzig Tore“ in der Saison schießen. Dittrich hat seinem Beckenbauer ganz genau zugehört. Der echte Franz achtet nicht sehr präzise auf Aussagenlogik und innere Stimmigkeit seiner Sätze und Worte (vulgo: Phrasen). Es ist dieser unbeschreibliche, ungezwungene Charme, mit dem sich Olli B. zur Aufhebung aller Widersprüchlichkeit emporschwingt: „Es kann kein Widerspruch sein, wenn man sich widerspricht!“ Mal fährt ein Auto schneller, mal langsamer... So ein Statement hakt sich beim Zuschauer fest und verwandelt sich schier in eine Weisheit für den eigenen Hausgebrauch.

Und ist nicht mehr als Selbstbewusstsein, ist es nicht Selbstgewissheit, wenn Olli Beckenbauer nach der Begegnung mit Papst Benedikt XVI. für sich selbst reklamiert: „Wenn der liebe Gott mich ruft, dann rufe ich zurück!“

Je länger das Gespräch zwischen Frager Schmidt und Antworter Beckenbauer dauert, desto mehr ist eine Verwechslung nicht mehr möglich: Das ist gar nicht der Olli Dittrich als Franz, das ist Beckenbauer selber. Körpersprachlich, mimisch, in der schmallippigen „Also, gut, äh...“-Diktion. Mehr als einmal erwischt sich der Zuschauer dabei, dass er auf Franz – und nicht auf Olli Dittrich als B. reagiert, so geglückt ist die Symbiose.

Wer die „Blind Date“-Improvisationen von Olli Dittrich mit Anke Engelke im ZDF gesehen und genossen hat, der weiß, was für ein schauspielerisches Kaliber dieser Mann ist, wer „Dittsche“ kennt, der weiß, dass „Dittsche“, Franz Beckenbauer, Harald Schmidt, Angela Merkel, Horst Köhler, dass wir uns alle zusammen auf ein und demselben Tanzboden des Irrsinns bewegen. Wenn man uns von den Lippen liest und das, was wir absondern, für bare Münze nimmt.

Harald Schmidt beschränkt sich auf die Rolle des ölig-aasigen Stichwortgebers. Auch das funktioniert, weil sich die allermeisten Interviewer dem Kaiser entgegenschleimen – weshalb der Zuschauer seine geistigen Spikes aufzieht, um auf dieser Spur nicht auszurutschen. Unsere Forderung für die Schmidt-Show 2007 kann nur lauten: Olli Dittrich macht den Schmidt, und der Schmidt macht den Andrack. „So wird ein Fußballschuh draus“, würde Franz „Olli“ Beckenbauer sagen.

„Harald Schmidt: Was tun, Herr Beckenbauer?“, Wiederholung heute Nacht um 1 Uhr 40 im WDR-Fernsehen

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