Journalistenportal : „Krautreporter“ hoffen auf Unterstützung in letzter Minute

Den Sekt hat sich Sebastian Esser noch nicht kalt gestellt, aber vielleicht wird es für ihn und die anderen Krautreporter in der Nacht von Freitag auf Samstag doch noch etwas zu feiern geben.

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Die Krautreporter
Die KrautreporterScreenshot: Tsp

Um Mitternacht läuft ein Countdown ab. Dann entscheidet sich, ob mit dem Krautreporter-Portal eine neue Form des Journalismus ans Netz geht, die sich ausschließlich über das sogenannte Crowdfunding finanziert. Voraussetzung für den Start des Krautreporter-Portals im September ist, dass sich bis zum 13. Juni mindestens 15 000 Nutzer bereit erklären, einen Jahresbeitrag von 60 Euro zu zahlen. Das macht ein Startkapital von 900 000 Euro. Lange Zeit sah es nicht so aus, als ob das via Schwarmfinanzierung geschafft werden könnte. Auf den letzten Metern hofft Esser, dass es die Krautreporter „gerade so hinbekommen“.

Zu den Gründern in Berlin gehört neben Herausgeber Sebastian Esser noch Philipp Schwörbel sowie Alexander von Streit (ehemals „Wired“) als Chefredakteur. Eine Gruppe von rund 30 Autoren, darunter Journalisten wie „Bildblog“-Erfinder Stefan Niggemeier, Max Scharnigg, Johannes Ehrmann (schreibt unter anderem für den Wedding-Blog im Tagesspiegel, wofür er gerade den Theodor-Wolff-Preis gewonnen hat), Richard Gutjahr und Thomas Wiegold, wollen in dem Internet-Magazin Reportagen und Hintergrundberichte werbefrei ins Netz stellen.

In den vergangenen Tagen sei es mit den Zusagen, sagt Esser, stark aufwärtsgegangen. In der Nacht zum Donnerstag wurde die 10000er-Marke überschritten. Am Donnerstag ging es stündlich in 100er-Schritten voran. Das Projekt wird in der Branche heftig diskutiert, in Zeiten der Suche nach tragfähigen Online-Erlösmodellen für guten Journalismus. Kritiker hatten vorzeitig den Tod des Projekts verkündet – allen voran Blogger Christian Jakubetz. Das Projekt lasse eine klare Agenda und jede Selbstkritik vermissen, hieß es am Donnerstag in der „taz“. Als ersten Grund für seinen Wunsch, dass die Krautreporter scheitern, schrieb der Journalist Christian Ankowitsch in einem offenen Brief an Sebastian Esser: „Ihr wirkt auf mich wie eine Gruppe freier Journalisten, die darauf hoffen, angestellt zu werden – und nicht wie eine Gruppe von Entrepreneuren, die um jeden Preis eine journalistische Vision verwirklichen wollen.“ Klar, man habe auch Fehler gemacht, aber solche Häme habe massiv beim Crowdfunding geschadet, „das ging schon an die Substanz“, sagt Esser.

Geschichten hinter den Nachrichten

Vielleicht löst der ambitionierte Anspruch so einen Widerhall aus. Die Krautreporter wollen ein „tägliches Magazin für die Geschichten hinter den Nachrichten“ starten – und beweisen, dass Journalismus im werbefreien Umfeld besser gelingt, mithilfe der Leser/Abonnenten. Das Konzept: jeden Tag vier ausführliche, möglichst multimedial aufbereitete Beiträge von Autoren. Krautreporter soll sich über Beiträge von Lesern finanzieren. Motto: „Ihr seid die Crowd, wir sind die Reporter. Zusammen sind wir Krautreporter.“ Ein vergleichbares Projekt gibt es mit „De Correspondent“ in den Niederlanden. Innerhalb von neun Monaten versammelte das Netzmagazin dort 30 000 Unterstützer.

Unterstützer und Netzwerker wie „Freitag“-Chefredakteur Jakob Augstein haben bis zuletzt für die Krautreporter geworben, am Dienstagabend noch auf einem Get-Together mit Unterstützern und Freunden in Berlin. Finanzielle Hilfe für das Journalistenportal ist von dieser prominenten Seite allerdings nicht zu erwarten. Jakob Augstein wollte die Frage, ob er den Krautreportern in letzter Minute direkt fehlendes Geld zuschießen würde, nicht beantworten. Immerhin, am Donnerstagnachmittag twitterten die Krautreporter: „Die Rudolf-Augstein-Stiftung fördert uns mit 1 000 Mitgliedschaften.“

https://krautreporter.de/das-magazin

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