Jürgen Todenhöfers Film "Inside IS" : Kopftuch statt Stahlhelm

Für sein Buch „Inside IS“ ist Jürgen Todenhöfer ins Herz des "Islamischen Staates" gereist. Sein Videotagebuch wird jetzt von Phoenix ausgestrahlt.

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Als CDU-Bundestagsabgeordneter wurde Jürgen Todenhöfer der rechten Stahlhelm-Fraktion zugerechnet. Jetzt trägt er Kopftuch
Als CDU-Bundestagsabgeordneter wurde Jürgen Todenhöfer der rechten Stahlhelm-Fraktion zugerechnet. Für seine Recherchen im Herz...Foto: Phoenix

„Der Islamische Staat ist ein Frankenstein-Phänomen, das durch die Irak-Intervention von 2003 zum Leben erweckt wurde“, sagt der CDU-Politiker und Publizist Jürgen Todenhöfer in dem Film „Inside IS“, der Ende 2014 während seiner zehntägigen Recherchereise für das gleichnamige Buch entstand und an diesem Dienstag im Rahmen eines Phoenix-Themenabends als Free-TV-Premiere ausgestrahlt wird. „Unsere Kriege waren ein Terrorzuchtprogramm“, urteilt der selbst ernannte Kriegsreporter zu Beginn seines filmischen Reisetagebuches, während ein Foto des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush zusammen mit Großbritanniens Ex-Premier Tony Blair zu sehen ist. „Anstatt ein paar hundert internationaler Terroristen in den Bergen des Hindukusch haben wir jetzt über 100 000“, klagt der 75-jährige Todenhöfer insbesondere in Richtung USA an.

Jürgen Todenhöfer wurde während seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter von 1972 bis 1990 der sogenannten Stahlhelmfraktion am rechten Rand der CDU zugerechnet. Er vertrat klare Meinungen, auch zu Helmut Kohl, der ihm oftmals zu zögerlich war. Nach seiner Zeit im Bundestag folgte eine zweite Karriere als Medienmanager im Burda-Konzern. Die Nahost-Region kennt er aus zahlreichen Besuchen – auch unter gefährlichsten Bedingungen. In den 1980er Jahren nahm er sogar an einem Kampfeinsatz von afghanischen Mudschaheddin gegen die sowjetischen Besatzer teil, gefilmt von einem ZDF-Kameramann.

Für seine Recherchereise zum Islamischen Staat passte sich Todenhöfer optisch dem Objekt seiner Untersuchung an. Zur militärischen Tarnjacke trug er ein um den Kopf drapiertes Palästinensertuch. Das Risiko war extrem. Einer der Männer, auf die er trifft, ist höchstwahrscheinlich Jihadi John – der Mann, der den US-Kriegsfotografen James Foley ermordete. Der Islamische Staat hat Todenhöfer zwar garantiert, dass er nach Abschluss seiner Recherchen unversehrt das Einflussgebiet des IS verlassen darf. Doch ein solches Stück Papier des IS-Kalifen Al-Baghdadi ist am Ende genauso viel wert wie die Zusicherung von Abu Qatada, dem aus Solingen stammenden IS-Propagandakämpfer, der früher Eishockey spielte: „Sollte Ihnen die Kehle durchgeschnitten werden, so garantiere ich, dass der Mann, der das tut, bestraft wird“, verspricht er.

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Todenhöfer ist kein Scholl-Latour oder Kronzucker

Im Herbst 2014 hat der Islamische Staat gegenüber ausländischen Journalisten eine Nachrichtensperre verhängt. „Der IS wollte nur noch mit mir sprechen, um die Kommunikation mit der Außenwelt unter Kontrolle zu halten“, sagt Todenhöfer. Doch Todenhöfer ist kein Peter Scholl-Latour oder Dieter Kronzucker. Ihm fehlt die Neutralität eines ausgebildeten Korrespondenten. Weil es außer einer Reportage der US-Mediengruppe Vice so gut wie kein Videomaterial von westlichen Journalisten aus dem Islamischen Staat gibt, ist Todenhöfers Film „Inside IS“ dennoch ein aufschlussreiches Dokument. Die Aufnahmen stammen übrigens von seinem Sohn Frédéric.

Trotz aller Kritik Todenhöfers am IS und seiner Versuche, Distanz zu wahren („repräsentieren nicht den Islam“), bestimmen jedoch die Terroristen, was Todenhöfer zu sehen und hören bekommt. Das geschmückte Hochzeitsauto in Mossul, dessen Fahrer den Besuchern zuwinkt, mag dabei noch am authentischsten sein. Interviews mit Händlern im Basar, die auf die Frage nach dem eigenen Befinden antworten: „Bei Gott, uns geht’s vollkommen gut. Dank Gottes Gnade“ sind so glaubwürdig wie erpresste Geständnisse. Oder wie der Größenwahn der sunnitischen Kämpfer, die jedem Schiiten den Tod androhen, sollte er nicht konvertieren. „Ob das nun 150 000 oder 200 000 oder 500 000 sind, spielt keine Rolle. Das sind nur Zahlen. “ Nach den Anschlägen von Paris wurde die Dokumentation erweitert. Todenhöfer trifft den US-Islamkenner Hamza Yusuf. Der Theologe sagt, man müsse den IS mit Ideen, nicht mit Bomben bekämpfen.

Der NZZ-Nahostkorrespondent Martin Woker nannte Todenhöfers Schilderungen einmal „flüssig verfasste Erlebnisberichte“. Aus Sicht von Phoenix erfordert der Film mit seinen vielen offenen Fragen und wegen der stark subjektiven Prägung zwingend eine Einordnung. Auf die Doku folgt darum die Diskussion: Unter der Leitung von Alexander Kähler spricht Jürgen Todenhöfer mit Michael Lüders, dem Präsidenten der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, und Claudia Dantschke vom Zentrum Demokratische Kultur Berlin sowie mit dem Politikwissenschaftler Andrew B. Denison über den Film und IS.

„Phoenix Themenabend Islamischer Staat“, Dienstag, ab 20 Uhr 15

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