Jugend und TV : Die Flitzer

Jugendliche sehen immer noch fern. Was aber wollen sie vom Medium? Debatte auf dem Internationalen Medienkongress in Berlin.

Tatjana Kerschbaumer
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Es sind Teenager, die ZDF-Intendant Thomas Bellut die größten Sorgen machen: „Wir wissen zu wenig darüber, wie sie Fernsehen nutzen. Die 14-Jährigen flitzen im Unterhaltungsprogramm nur so hin und her“, sagte er am Montag auf dem Internationalen Medienkongress im ICC Berlin. Der Brückenschlag von treuen, 60-jährigen ZDF-Nutzern hin zur Generation Youtube stellt nicht nur ihn vor Probleme. Auch die übrigen Podiumsgäste der Eröffnungsdiskussion mussten beim Thema „All you can watch! Perspektiven und Herausforderungen im Wettbewerb der Systeme“ vor allem feststellen: Der TV-Markt der Zukunft wird anders sein. Wie genau dieses „anders“ aussehen soll, darüber waren sich die Experten indes uneinig.

Bellut machte gleich zu Beginn deutlich, dass er seine Stammseher schätzt und sein Programm auch künftig an ihnen ausrichten will. Es war viel von hochwertigen Angeboten die Rede, die das ZDF gewährleisten will, obwohl es sich laut Bellut „weiter verschlanken muss“ – das bedeutet einen weiteren Stellenabbau bis mindestens 2020. „Das Geld für Qualität ist aber da“, sagte der Intendant und kam dabei gleich noch auf den von ARD und ZDF lang anvisierten Jugendkanal zu sprechen. Zusammen mit der ZDF-Mediathek könnte das neue Programm seiner Meinung nach einen Teil der jungen Zuschauer zurückgewinnen. Ob sich sein Statement – „Das deutsche Publikum liebt deutsche Ware“ – bei den unter 20-Jährigen bewahrheitet, bleibt abzuwarten.

Der Wille zur Veränderung ist jedenfalls da, was RBB-Intendantin Dagmar Reim so ausdrückte: „Wenn wir uns nichts mehr trauen, sind wir tot.“ Und Bellut hält auch seine Stammseher für flexibel: „Auch wenn man über 50 ist, will man frische Sendungen sehen.“ Für Oliver Kaltner, Mitglied der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland, ist das deutlich zu wenig. Er brachte das Gespräch auf das Nutzungsverhalten der Konsumenten, das sich durch Smartphones und Tablets vollkommen verändert habe. „Bei jungen Leuten greift ein Programmdiktat nicht mehr“, sagte er und warf den Öffentlich-Rechtlichen vor, das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen zu „verniedlichen“. Zudem hinke der deutsche TV-Markt bei neuen technischen Möglichkeiten wie View on Demand, Streaming und der Vernetzung von Internet und Fernsehen hinterher. Für seine Kritik, die öffentlich-rechtlichen Sender sollten sich über die Möglichkeiten digitaler Technik endlich richtig informieren, gab es zustimmendes Nicken und Spontanapplaus. Denn mit Second Screen und Cloud-Services konnten zwar alle Podiumsgäste etwas anfangen; der Eindruck einer gewissen Ratlosigkeit, was man mit diesen digitalen Maschinen eigentlich anfangen soll, blieb bestehen.

Ob das klassische Fernsehen in Zukunft neue digitale Angebote um das Vollprogramm herumgruppiert oder eine völlige Verschmelzung mit dem Internet anstrebt, wurde nicht klar. Bei den Experten herrschte lediglich Einigkeit, dass es dem Nutzer mittlerweile schlichtweg egal ist, über welche Kanäle er seine Inhalte bezieht. Für Bellut und Reim blieb da nur die Flucht nach vorn: „Unser Geschäft bleibt nach wie vor die Produktion von Inhalten.“Tatjana Kerschbaumer

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