"Junge Welt" und "Neues Deutschland" : Die Linke und die Medien

Die Linkspartei ist im Tief, was läge näher, als dies „bürgerlichen“ oder wahlweise öffentlich-rechtlichen Medien anzulasten? Betrachtungen zu einem besonders schwierigen Verhältnis.

Matthias Meisner
Unterdrückte Positionen? Oskar Lafontaine glaubt an eine Verschwörungstheorie.
Unterdrückte Positionen? Oskar Lafontaine glaubt an eine Verschwörungstheorie.Foto: dpa

Wer Oskar Lafontaine nach den Gründen fragt, warum die Linkspartei so schlecht dasteht, bekommt zwei geliefert. Auf der Pressekonferenz zur Klausur der Bundestagsfraktion vor ein paar Tagen in Rostock nannte der frühere Parteichef als Punkt eins „zu viel Selbstbeschäftigung“. Um sich als zweiten Hauptpunkt die Medien vorzuknöpfen. Er habe sich einen ziemlich guten Überblick verschafft, sagte Lafontaine. Sein Ergebnis: „Es gibt eine systematische Ablehnung unserer Politik, die sich auch medial vermittelt.“ Die Benachteiligung vor allem im Vergleich zu den anderen Oppositionsparteien sei in vielen Fällen „nicht mehr nachvollziehbar“.

Bei vielen seiner Genossen trifft Lafontaine auf volle Zustimmung. Die Partei ist im Tief, was läge näher, als dies „bürgerlichen“ oder wahlweise öffentlich-rechtlichen Medien anzulasten? Es lebt bei den Linken die Verschwörungstheorie. Und die besagt, dass linke Positionen unterdrückt würden. Als kürzlich die zum linken Parteiflügel gehörende Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen dem ZDF ein Interview gab, raunte ihr ein Fraktionskollege zu, dass sie es dann gut gemacht habe, wenn ihre Sätze gar nicht ausgestrahlt werden. Sollte heißen: Über den Fernsehsender gehen vornehmlich sowieso nur die verweichlichten Botschaften des Reformerflügels.

Tatsächlich müssen auch die für ihre Medienauftritte streiten. Nicht nur die Linke in Berlin kämpfte vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus um Sendezeit im RBB. Am Dienstagabend strahlte der Norddeutsche Rundfunk vor der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern sein TV-Duell aus, mit Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) und seinem CDU-Herausforderer. Linken-Kandidat Helmut Holter wurde nicht zugelassen. Er habe, so der NDR, keine Chance. Gregor Gysi, Fraktionschef im Bundestag, konterte, wie die „Schweriner Volkszeitung“ berichtete, in einem Brief an den Sender: „In Sachsen wurde der Vertreter der SPD zum Duell eingeladen, die aber weniger als zehn Prozent der Stimmen erhielt.“ Gemeinsam mit Holter kommentierte Gysi das Fernsehduell der Großkoalitionäre am Abend live auf der Internetseite der MV-Linken. Die sprachen von einem „Experiment in der politischen Kommunikation“.

Doch so locker gehen nicht alle Genossen mit dem Thema um. „Wir haben mal wieder ausgezählt“, vermeldet Linken-Chefin Gesine Lötzsch auf ihrer Homepage. Seit Wochen verbreitet sie eine „Medienanalyse“, in der die Statements von Politikern im „heute-journal“ des ZDF gezählt werden. Bilanz zuletzt: „Die Linke ist in acht Wochen im ,heute-journal‘ kaum zu aktuellen, politischen Themen befragt worden.“ Während sich der Ko-Chef Klaus Ernst beim Thema Linke und Medien zurückhält, geht Lötzsch auch juristisch gegen Medien vor. Nachdem die Nachrichtenagentur dpa eine Aussage von ihr zum Mauerbau falsch wiedergab, erzwang Lötzsch in der Zeitung „Die Welt“ eine Gegendarstellung. „Erfolg gegen Springer“, hieß es dazu in ihrem Newsletter. Anderen Blättern wurde die Verbreitung der Aussage nicht untersagt.

Im Streit um die linksradikale Zeitung „Junge Welt“ hatte sich Lötzsch – anders als Gysi – gegen einen Anzeigenboykott ausgesprochen. Das Blatt hatte in seiner Ausgabe vom 13. August für 28 Jahre Mauer gedankt. Regelmäßig macht es Stimmung gegen die Reformer in der Partei, attestierte kürzlich der Linken in der rot-roten Berliner Koalition eine „Bilanz des Scheiterns“. Lötzsch will sich die Möglichkeit für Werbemaßnahmen der Partei in dieser Zeitung offenhalten. Schließlich, so betonte sie, müsse man auch bedenken, dass der Springer-Verlag Anzeigen der Linken regelmäßig ablehne. Aus Sicht der Parteivorsitzenden gehört die „Junge Welt“ damit neben dem „Neuen Deutschland“ weiter zu den parteinahen – und bevorzugten – Zeitungen.

28 Kommentare

Neuester Kommentar