Kampf gegen Drogen : Soll denn Kiffen Sünde sein?

Eine sehenswerte Arte-Doku sammelt Stimmen für die kontrollierte Freigabe von Rauschmitteln und lässt dabei einige Fragen offen.

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Kolumbianische Polizisten trainieren in einer polizeieigenenen Koka-Plantage.
Kolumbianische Polizisten trainieren in einer polizeieigenenen Koka-Plantage.Foto: SWR/Peter Puhlmann

„Hier bekommen alle, was sie brauchen: Methadon und Mitgefühl.“ Der optimistische Satz eines Mitarbeiters im Zürcher Drogenzentrum lässt auf geordnete Verhältnisse schließen. Das war nicht immer so in der Schweizer Bankenstadt. In Erinnerung sind noch die Szenen von Vollgedröhnten, Halbtoten und manchmal auch Toten auf den Gleisen des stillgelegten Güterbahnhofs Letten inmitten weggeworfener Spritzen und viel Dreck.

Man stirbt schnell, früh und teuer, wenn man auf Dealer angewiesen bleibt, vor der Polizei auf der Hut sein muss und nicht einmal weiß, wie stark, wie rein die Dosis ist.

Der von Peter Puhlmann realisierte Film, den Arte passgenau zu einer Sondersitzung der UN-Generalversammlung über das Scheitern des weltweit geführten Krieges gegen den Drogenmissbrauch ausstrahlt, hält sich nicht lange bei Schreckensbildern wie denen von Zürich-Letten auf, sondern setzt mit voller Kraft auf die kontrollierte Freigabe der Drogen, einst Rauschgifte genannt, wie sie bereits in der Schweiz, in Portugal, im US-Bundesstaat Colorado und in Barcelona praktiziert wird.

Der Antidrogen-Krieg fordert zahlreiche Opfer

Denn Drogen, so die etwas verkürzte Argumentation der Doku, gehören von jeher zum Leben, weil sie das menschliche Lustbedürfnis befriedigen oder aber über Engstellen hinweghelfen. Dass sie auch schon ganze Völker in die Knie zwingen sollten, wie im 19. Jahrhundert China mit den von England und Frankreich angezettelten Opium-Kriegen, oder in Form von Strömen von Branntwein Indiovölker gefügig machten, steht auf einem anderen Blatt.

Es ist, wie es ist, meinen realistisch denkende Politiker angesichts einer Lage, wo mächtige Drogenkartelle den Handel kontrollieren und daraus enorme Profite erzielen. Ihren Bandenkriegen fallen jährlich tausende Menschen zum Opfer, allein in Mexiko waren es bis zum Jahr 2006 rund 60 000.

Dabei ist Mexiko nur das wichtigste Transitland in Richtung Vereinigte Staaten, wo Präsident Nixon 1971 zum Krieg gegen die Drogen aufrief, weil sie die Kampfkraft der amerikanischen Soldaten in Vietnam schwächten. Koka-Felder in Kolumbien wurden mit Glyphosat besprüht, Pflanzungen in Afghanistan (diese Weltgegend spart die Doku leider aus) vernichtet, es trieb die Preise nach oben.

Allerdings, beweist die Statistik, übersteigt die Zahl der Alkoholopfer die der Drogentoten noch immer um ein Vielfaches.

Tipps vom ehemaligen Drogenhändler

Statt der Hydra der Drogenkartelle die Köpfe abzuschlagen, woraufhin ihr stets neue nachwachsen, brauchen wir, argumentiert Puhlmann, eine kontrollierte Drogenabgabe, die den Schwarzmarkt austrocknet.

Prominente Politiker wie die ehemalige Schweizer Bundesrätin Ruth Dreifuss oder der mexikanische Ex-Präsent Fox kommen im Film gleich mehrmals zu Wort, unterstützt von den Statements zahlreicher Sachverständiger.

Eine kuriose, aber nicht abwegige Ergänzung zur nächsten Tagesordnung der „Weltkommission für Drogenpolitik“ steuert ein einst millionenschwerer Drogenhändler, auch „Schneekönig von Hamburg“ genannt, während eines Freigangs bei, indem er die Einführung eines Drogenpasses ins Gespräch bringt, den jeder Süchtige mit sich führen soll. Aber ob die Menschheit dann in Lust und Freude versinkt oder unerträgliche Zustände nur im Rausch wegsteckt, das bleibt die Frage, die man dem sehenswerten Film gern anfügen möchte.

„Drogen kann man nicht erschießen. Wege aus dem Drogenkrieg“, Arte, Dienstag, 20 Uhr 15.

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