Kanzler-TV : Schwarzer Kanal

Was machte Konrad Adenauer, als ihm das TV-Programm nicht passte? Er gründete das „Freie Fernsehen“.

Wolfgang Brenner
Das Programm bin ich. Konrad Adenauer hatte die Möglichkeiten des Mediums Fernsehens rasch für sich erkannt. Mit dem „Freien Fernsehen“ wollte er mehr davon. Foto: dpa
Das Programm bin ich. Konrad Adenauer hatte die Möglichkeiten des Mediums Fernsehens rasch für sich erkannt. Mit dem „Freien...Foto: picture-alliance / picture-allia

Was am 1. April 1963 als Zweites Deutsches Fernsehen startete, war so nicht geplant worden. Geplant war es als „Freies Fernsehen“, ein gewollt programmatischer Name. Seit 1950 gab es in der Bundesrepublik nur ein Fernsehprogramm, das Erste. Bundeskanzler Konrad Adenauer war das ARD-Programm ein Dorn im Auge. Fernsehen machten die Bundesländer – und die waren nicht immer in der Hand von CDU und CSU. Deshalb ermunterte die konservative Regierung die Wirtschaft, den Aufbau eines zweiten Programmes anzugehen. So wurde im Dezember 1958 in Frankfurt a. M. die „Freies Fernsehen GmbH“ gegründet. Staatssekretär Felix von Eckardt bot dem Konsortium eine Bürgschaft von erst 20 Millionen, dann 124 Millionen Mark an. Der Rundfunkreferent im Bundespresseamt, Bruno Six, wechselte als kaufmännischer Produzent an den Main. Der Staatssekretär im Postministerium, Friedrich Gladenbeck, ließ sich vom „Freien Fernsehen“ gleich einen Fünfjahresvertrag als Geschäftsführer ausstellen, ebenso der Pressesprecher des Bundesverbandes der deutschen Industrie, Heinz Schmidt.

Programmdirektor des klarerweise auch „Adenauer-Fernsehens“ genannten Unternehmens wurde Ernest Bornemann, der sich ab Ende der 60er Jahre als Sexualberater einen Namen machen sollte. Der Chefredakteur Konrad Kraemer war ein „Zeitungsmann ohne Fernseherfahrung“, urteilt der Leipziger Medienforscher Rüdiger Steinmetz („Auf dem Weg zum dualen System“). Unterhaltungschef wurde Helmut Schreiber, der bis 1945 als Bavaria-Produktionschef tätig gewesen war. Schreiber – besser bekannt als Zauberer Kalanag („Schwarze Schlange“) – hatte wegen seiner engen Verbindung zu Hitler und Goebbels nach dem Krieg Probleme gehabt, beruflich wieder Fuß zu fassen, und deshalb als Mittelsmann zwischen alliierten Stellen und ehemaligen SS-Leuten fungiert, die sich für ihre Hilfe bei der Suche nach dem NS-Goldschatz freies Geleit erhofften. Leiter des Vormittagsprogramms wurde ausgerechnet Peter von Eckardt, der Sohn von Felix von Eckardt. Man wollte auf Nummer sicher gehen.

In der ARD hatte sich natürlich herumgesprochen, dass es bald Konkurrenz geben würde. Peter von Zahn lief als einer der Ersten zu Adenauers „Freiem Fernsehen“ über, obwohl ihn noch Verträge an die öffentlich-rechtlichen Sender banden. Mit seinen lebendigen Straßen- und Gesellschaftsreportagen aus den USA befeuerte er die Begeisterung für die Westorientierung des Kanzlers. Als Strafe für seinen Vertragsbruch musste er 200 000 Mark abstottern, durfte aber später mit seinen „Windrose“-Filmen zur ARD zurück. Auch ein anderer TV-Star des WDR, der beliebte Wissenschaftsmoderator Professor Heinz Haber, entschied sich für das neue Programm. Ebenso Corinne Pulver vom SDR und der spätere ZDF-Polit-Polterer Gerhard Löwenthal. Die Honorare und Gehälter waren doppelt so hoch wie bei der ARD.

Der Programmchef Ernest Bornemann geriet schnell in Konflikt zu Chefredakteur Kraemer: Alle Sendungen, auch die Information, sollten unterhaltend und leicht konsumierbar sein. So erfand Bornemann die Zirkus-Show „Menschen, Tiere, Sensationen“, die das Erste später dankend übernahm.

Die Werbespots, die das „Freie Fernsehen“ tragen sollten, waren als „natürliche Unterbrechungen“ geplant – also nicht anders als heute bei den Privatsendern RTL & Co. Britische und amerikanische Fachleute schulten in den Münchner Riva-Studios die Regisseure. So wurden Anfang der 60er Jahre die Kräfte für ein kommerzielles Fernsehen herangezogen, wie wir es seit den 80er Jahren kennen. Insofern spricht Steinmetz auch vom „Freien Fernsehen“ als „Pilotprojekt auf dem Weg zum dualen Rundfunk in Deutschland“.

In Berlin drehte der Kinoproduzent Artur Brauner mit seiner „TV-Union“ Familienserien mit Stars wie Claus Biederstaedt und Heidelinde Weis („Meine Frau Susanne“). Es herrschte Goldgräberstimmung. „Bild und Funk“ meldete atemlos: „Mindestens alle vier Tage ein neues Stück.“ Die TV-Union Brauners war zeitweilig die größte private Fernsehproduktion in Deutschland. Sie leistete sich für eine Million Mark einen Ü-Wagen aus den USA, wie der Produktionschef Raspotnik stolz der Berliner Presse verkündete.

Werner Höfers Pressepalaver „Internationaler Frühschoppen“ hieß im neuen Fernsehen „Im Kreuzfeuer“ und sollte auch sonntags zur Mittagszeit ausgestrahlt werden. Ein Herzstück der Informationsschiene, die im „Freien Fernsehen“ mit 36 Prozent Programmanteil stärker ausfiel als bei der ARD (24,3 Prozent), war die „Weltschau“, das Pendant zur „Tagesschau“.

Als der NDR angesichts der drohenden Konkurrenz durch das Regierungsfernsehen in die Offensive ging und fünf zusätzliche Sendemasten für ein eigenes zweites Programm errichtete, untersagte der CSU-Postminister Richard Stücklen sofort den Betrieb der Einrichtungen und verlangte den Abriss. Die Bundesländer sahen sich durch die Frankfurter Aktivitäten als verfassungsmäßige Träger des deutschen Funk- und Fernsehwesens ausgebremst. Deshalb brachten Hamburg, Niedersachsen, Hessen und Bremen das „Freie Fernsehen“, das seinen Sendestart für den 1. Januar 1961 angekündigt hatte, vor das Bundesverfassungsgericht.

Am 28. Februar 1961 sprach der 2. Senat des Bundesverfassungsgericht unter dem Vorsitz des CDU-Mannes Gebhard Müller sein Urteil: Die „Deutschland-Fernsehen GmbH“, die Dachgesellschaft, die Adenauer und sein Justizminister brachial gegründet hatten, verstieß gegen die Verfassung. Damit war das sogenannte „Freie Fernsehen“ gestorben. In Zukunft sollte es in der Bundesrepublik weiter Fernsehen nur unter der Hoheit der Länder geben, der Bund musste seine Finger vom Programm lassen.

Drei Monate später trafen sich die Chefs der ARD-Anstalten in den Eschborner Studiobaracken des „Freien Fernsehens“ („Tele-Sibirsk“), um die Konkursmasse zu sichten. Bei den Zaubershows des einst mächtigen Unterhaltungschefs Kalanag brach Gelächter aus. Die Intendanten befanden, dass allenfalls ein Zehntel des teuer produzierten Regierungsprogramms für ihre Zwecke verwendbar war. In Bonn hofften Adenauer und seine Fernsehleute, die 124 Millionen Bundesbürgschaften an das 1961 gegründete ZDF weitergeben zu können. Eine diesbezügliche Anfrage wurde von den Länderchefs nicht einmal beantwortet.

Konrad Adenauer traf die Karlsruher Entscheidung hart. Er habe das „Freie Fernsehen“ so rücksichtslos durchboxen müssen, um den Sowjets zuvorzukommen, die in der DDR längst ein zweites Programm planten, erklärte er noch – und wies auf die 29 Sendemasten hin, die entlang der innerdeutschen Grenze für sein „Freies Fernsehen“ vorgesehen waren. Doch das half ihm auch nicht mehr.

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