Karneval-TV : Narr in der Suppe

Zuschauerverluste bei Karnevalsübertragungen? Macht nichts, sagen ARD & ZDF. Nach karnevalistischem Niemandsland sucht man in diesen Tagen im Fernsehen vergebens.

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Das Recht auf Jecken im Fernsehen.
Das Recht auf Jecken im Fernsehen.Foto: WDR/Claus Langer

Es geht hier nicht um die Missgunst der Nordlichter. Kein Hilferuf der Protestanten. Wer Verwandte und Freunde im Rheinland hat, weiß, was Karneval bedeutet. Und ja, stimmt, der Fernseher ist auch zum Aus- und Umschalten da. Man muss dem Mummenschanz aus Düsseldorf, Mainz oder Köln ja gar nicht stundenlang zuschauen. Dennoch, die Frage sei in diesen Tagen erlaubt: Gibt es eigentlich eine öffentlich-rechtliche Verpflichtung, Sendungen wie „Bütt an Bord - Narrenschiff ahoi“, „Karnevalissimo“ oder „Düsseldorf Helau“ zu übertragen, allesamt in der Primetime? Jede einzelne dieser TV-Shows hat wahrscheinlich ihre Berechtigung, aber wer sich das Fernsehprogramm dieser Woche anschaut, möchte fast meinen, es gibt mehr Narren als Menschen auf der Welt.

Popularität allein kann beim öffentlich-rechtlichen Sender kein Maßstab sei. In der ARD waren am Montagabend schon die Narren los. Der öffentlich-rechtliche Sender feierte in Frankfurt „Die Inthronisierung des Prinzenpaares“. 3,21 Millionen Fans schalteten ab 21 Uhr 45 ein, der Marktanteil lag nur bei 13,3 Prozent. Noch schlechter lief es im Vorfeld für „Bütt an Bord - Narrenschiff ahoi“. Mit 2,85 Millionen Interessenten und 8,5 Prozent blieb das Erste zur besten Sendezeit im einstelligen Bereich hängen.2012 sank die Quote des Karnevalklassikers „Mainz bleibt Mainz“ erstmals seit vielen Jahren auf unter sechs Millionen Zuschauer. Zugegeben, bei Marktanteilen um die 20 Prozent ist den Mainzer Narren so schnell nicht beizukommen. Da scheint etwas tief eingegraben. Seit 1972 übertragen ARD und ZDF im Jahreswechsel. Am 17. Januar 1955 startete der Südwestfunk eine Gemeinschaftssitzung unter dem Motto: „Mainz, wie es singt und lacht“ im Fernsehen. 1964 überzog die ARD die Übertragung um eine Stunde, als Ernst Neger zum ersten Mal „Humba Täterä“ sang, das Saalpublikum sich nicht mehr beruhigen konnte und immer wieder eine Zugabe forderte.

Das mag in den Festsälen des Rheinlands weiter so sein. Die letzte reguläre Karnevalssitzung im Privatfernsehen lief allerdings vor zehn Jahren bei RTL. Inzwischen ist die fünfte Jahreszeit nur noch bei ARD und ZDF beheimatet. Stefan Raab versuchte sich 2013 mit seiner „TV total Prunksitzung“ an der Belebung von Karneval im Privat-TV, scheiterte aber mit einem einstelligen Marktanteil. Da sei nun nichts mehr geplant, sagt ein Pro7-Sprecher.

Immerhin, die ARD-Sitzung „Wider den tierischen Ernst“ aus Aachen am Montag vergangener Woche holte mit 3,9 Millionen Zuschauern einen Marktanteil von 14,2 Prozent. Beim jungen Publikum lief es mit 4,1 Prozent überschaubarer, aber besser als in den Vorjahren. Fast 90 Prozent des Publikums bei Prunksitzungen sind älter als 50 Jahre, was dem Durchschnittsalter eines ARD- oder gar ZDF-Zuschauers ohnehin nahekommt.

Was machen die Menschen vorm Fernseher?

„,Mainz bleibt Mainz’ ist eine Traditionssendung mit einer bundesweiten großen Fangemeinde“, sagt eine ZDF-Sprecherin. Grundsätzlich sei es so, dass Fastnachts-Shows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen einen sehr hohen Anteil älterer Zuschauer aufweisen (eine Ausnahme). Wobei man sich ja immer auch fragt, was all die Menschen vor dem Fernseher machen. Warum sie nicht selber in eine Session vor Ort gehen und feiern, wenn sie denn gerne so närrisch sind.

Noch mal, Karneval ist in Köln und der Region sicher mehr als nur eine Jahreszeit. Es ist ein unvergleichliches Lebensgefühl. Und Garde- und Mariechentanz gibt’s auch in Cottbus, zu sehen wieder am nächsten Sonntagabend beim RBB („Heut‘ steppt der Adler“). Es sei ihnen allen gegönnt. Aber eben nicht von allen. Selbst wenn diese Übertragungen die Sender – und Gebührenzahler – günstiger kommen als ein Krimi. Was das Fernsehen eine Karnevalsshow im Detail kostet, verraten die Sender nicht. Die Vereine in Gonsenheim, Kastel oder Köln-Dellbrück dürften jedenfalls froh sein, dass ihr Treiben so eine Verbreitung erfährt. Karnevalistisches Niemandsland? Nein, nirgends.

Doch. Bei Phoenix. Dort gibt es ein Kontrastprogramm. Von Weiberfastnacht, dem Donnerstag, bis Aschermittwoch zeigt der Sender an verschiedenen Thementagen ausgewählte Dokumentationen wie die sechsteilige Reihe „Rom“. Da gibt’s auch tolle Kostüme.

„Düsseldorf Helau“, Mittwoch, ARD. „Mer losse d’r Dom in Kölle“, Donnerstag, ZDF. „Mainz bleibt Mainz“, Freitag, ZDF, alle ab 20 Uhr 15.

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