KLAU-TV : Piraten können nicht warten

Erfolgreich, aber illegal: Fans von US-Serien nutzen Tauschbörsen im Internet

Thomas Steiger
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„Desperate Housewives“. Im Free-TV bei ProSieben startet die sechste Staffel am 13. Januar. Maniacs der US-Serie konnten im...

Jedes Mal, wenn in den USA die neuen Staffeln von „Desperate Housewives“ und „Heroes“ oder neue Serien gestartet werden, kommt es zu diesem Phänomen: Fans überall auf der Welt laden sich die aktuellen Folgen binnen Stunden nach der Ausstrahlung in der Originalversion herunter, anstatt darauf zu warten, dass sie auch im heimischen Fernsehen laufen (wenn überhaupt). Dass das illegal ist, interessiert die wenigsten. Dass dies für die Fernsehwirtschaft zu einem ähnlichen Problem werden könnte wie das massenhafte illegale Downloaden von Musik für die Musikindustrie, interessiert offenbar auch nicht allzu viele.

Anders ist kaum zu erklären, warum es noch keine breit angelegten Geschäftsmodelle gibt, deutschen Serien-Fans ohne Zeitverzögerung ausländische Serien legal zugänglich zu machen. Lediglich die Deutsche Telekom bietet für einen begrenzten Zeitraum über ihr Film- und Serien-Portal videoload.de kurz nach der Ausstrahlung in den USA vier mit Untertiteln versehene Serien des US-Senders ABC an, darunter die aktuelle Staffel von „Desperate Housewives“ und 2010 das lang erwartete Finale von „Lost“. Das Angebot, das perspektivisch um Serien anderer Sender erweitert werden soll, kostet 2,49 Euro pro Folge. Noch ist dieses Angebot ein Testballon und auf Serien mit verlässlicher Gefolgschaft beschränkt.

Die Zahl der Diskussions- und Informationsplattformen im Internet zu Serien ist immens hoch und 60 Prozent aller Serien und Filme, die illegal über das Internet heruntergeladen werden, sind Fernsehproduktionen. Dabei kann die Zahl noch höher sein, denn Serien werden meist gestreamt, also direkt am Bildschirm geschaut und nicht vorher auf den Rechner geladen. Streaming jedoch ist nicht messbar, weshalb es hier nur Schätzwerte gibt.

Als im September die US-Fernsehsaison begann, verdoppelte sich der Datenverkehr der illegalen Tauschbörse eztv.it gegenüber 2008 auf über 15 Millionen Besuche. Laut alexa.com, einer Website, die den Datenverkehr von und zu Webseiten misst, kommen knapp sieben Prozent der eztv.it-Nutzer aus Deutschland. Und eztv.it ist nur eine illegale Download-Möglichkeit von vielen.

Die Anlaufpunkte für deutschsprachige Serienfreunde sind in erster Linie serienjunkies.org und kino.to. Bei Letzterem werden die Folgen der populärsten Serien von eifrigen Fans sogar binnen Stunden untertitelt. Die drei Portale unterscheiden sich erheblich voneinander, gemein ist ihnen nur, dass keines legal ist und lediglich Hinweise gegeben werden, wo die Inhalte zu finden sind. Die Zugriffe auf diese Seiten sind in den vergangenen drei Monaten erheblich gestiegen. Bei serienjunkies.org ist die Zahl der Besucher um 16 und die Zahl der Seitenaufrufe um 25 Prozent geklettert. Bei kino.to um 20 und 41 Prozent.

Noch ist die Gruppe der illegalen Downloader recht klar umrissen. Die meisten sind zwischen 18 und 24, männlich, kinderlos, gute Ausbildung. „Die Zielgruppe für Originalfassungen ist sehr spitz“, merkt Christian Sommer von der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) an, weshalb aus seiner Sicht die Serien-Piraterie in Deutschland nicht so ausgeprägt ist. Noch, muss man hinzufügen, denn die Schlussfolgerung ist offensichtlich: Wer heute jung und daran gewöhnt ist, Serien illegal aus dem Netz zu laden, wird es auch noch tun, wenn er älter ist. Wenn Sender und Produzenten nicht reagieren und legale Angebote schaffen, dann kann ihnen das Schicksal der Musikindustrie drohen.

Trotzdem steht zumindest RTL der Piraterie von Serien vorerst entspannt gegenüber. „Natürlich ist es für eine Ausstrahlung im frei empfangbaren Fernsehen nicht gut, wenn die Sendung vorher schon verfügbar war“, sagt Dirk Schweitzer, Programmeinkäufer bei RTL. „Aber für RTL sind die Auswirkungen von Vorab-Downloads von US-Serien im Internet eher marginal, weil sich die Zuschauer unserer Serien mit dem Kreis der Downloader weniger überschneiden.“ Die würden Serien mit einem durchgehenden Handlungsbogen wie „Heroes“, „Lost“ oder „Prison Break“ bevorzugen, Produktionen also, die im Gegensatz zu „Dr. House“ bei der TV-Ausstrahlung versagen und zugleich enorme DownloadZahlen erreichen. Folgen von „Heroes“ wurden nach Erhebungen der britischen Website BigChampagne in der ersten Jahreshälfte 2008 weltweit 55 Millionen Mal heruntergeladen, „Lost“ mehr als 51 Millionen Mal, „Prison Break“ 29 Millionen und „Dr. House“ über 26 Millionen Mal.

Soll nicht heißen, dass RTL nicht auf diese Entwicklung reagiert. Etwa indem von vornherein auf massentaugliche Serien gesetzt wird, deren Zielgruppe sich außerhalb der Download-Kreise bewegt. Zusätzlich, meint Schweitzer, müssen legale Angebote geschaffen werden.

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