Kleines Fernsehspiel : Der Kick der Freiheit

„Hit the Road, Jack“: Das ZDF zeigt Maria Speths erstaunlichen Dokumentarfilm „9Leben“ über neun Straßenkinder in Berlin.

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Sie sind gepierct und tätowiert, tragen Frisuren wie Stacheln und Klamotten wie Fetzen. Sie nehmen Drogen, gehen anschaffen, betteln auf der Straße, schlafen mal hier, mal dort: jugendliche Punks wie Lisa, genannt Za. Sie sagt, sie habe Mühe, ihre Aggressionen im Zaum zu halten. „Ohne nachzudenken, schlage ich einfach zu.“ Das passt nicht ganz zu diesem zierlichen, blonden Mädchen mit dem hübschen Gesicht, das so schön Cello spielen kann.

Ihre Familie stammt aus Kasachstan, Lisa wuchs in Berlin auf, bei Onkel und Tante. Mit ihrer Mutter hadert sie deswegen. Man dürfe sein eigenes Kind nicht weggeben, sagt sie. Lisa war auf einem Musikgymnasium, brachte es bis zur Bundesausscheidung von „Jugend musiziert“. Über einen Cousin bekam sie Kontakt zur Punkerszene am Alexanderplatz, riss von zu Hause aus, auch weil ein Bruder sie schlug, und die Mutter ihr nicht glauben wollte. Aus Lisa wurde Za, die davon träumt, in 15 Jahren ein eigenes Tattoostudio zu haben. „Berlin ist die beste Stadt der Welt“, sagt sie. Ein Bild von ihrer Mutter will sie sich auf die Schulter tätowieren lassen, trotz allem.

Za ist eine von „9Leben“, so heißt der Dokumentarfilm von Maria Speth über obdachlose Jugendliche, der nach einer Kinoauswertung im vergangenen Jahr als „Kleines Fernsehspiel“ ausgestrahlt wird. Mehrere tausend Straßenkinder soll es in Deutschland geben, ein Großteil davon lebt allein in Berlin. Maria Speth, die zuvor mit „Madonnen“ mit Sandra Hüller einen bemerkenswerten Spielfilm gedreht hatte, bat neun von ihnen in ein Studio, wo sie von ihrem Leben erzählen. Die Regisseurin hat eine beinahe klinische Situation geschaffen: Za, Sunny, Stöpsel und die anderen sitzen in einem leeren Raum, weiß der Boden und die Wand. Nichts ist da, was von den Personen ablenken kann. Schon gar nicht die reale Welt, der Dreck und das Schäbige der Straße, mit dem sich unsere Klischees von Obdachlosen verbinden.

Stattdessen werden die jungen Frauen und Männer buchstäblich in ein gutes Licht gerückt. Za spielt Cello und singt „Hit the Road, Jack“. Toni, mit Anzug, Krawatte und Hut gekleidet, ist mit seiner Band „Les Petits Hotz“ da, mit der er durch die Cafés tingelt. Krümel beteiligt sich mit der E-Gitarre, und Vegetarierin Soja, vormals Nadina, zeigt ihre Fotografien, liebevolle Porträts von Hunden.

Mit ihren Talenten lockern die Protagonisten den formal strengen Film auf. Nicht nur deshalb bröckeln die Vorurteile über diese Schmuddelkinder. Bemerkenswert wortgewandt und selbstkritisch reden sie über das Leben auf der Straße. Am Ende sind da einfach neun Persönlichkeiten und ein spannender Film über junge Außenseiter.

Einige hatten die Hölle schon zu Hause erlebt, fühlten sich von den Eltern vernachlässigt. Nicht alle stammen aus Berlin, sondern sind dorthin ausgerissen. Die Ankunft sei „der glücklichste Moment in meinem ganzen Leben“ gewesen, sagt Sunny. Die Szene wurde zur Ersatzfamilie, der Alltag auf der Straße blieb dennoch „ziemlich erbärmlich“. Verherrlicht wird nichts. Der tägliche Kampf ums Überleben, das peinliche Schnorren. Das sei wie Arbeiten, sagt Stöpsel. „Also bist du gar nicht wirklich frei auf der Straße.“

„9Leben“; ZDF, 23 Uhr 55

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