KRITISCH gesehen : Schreitherapie

von

Maybrit Illner

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ZDF. Kurz hatte man Angst, Marie-Christine Ostermann würde gleich ohnmächtig. Nachdem FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle am Beginn von Maybrit Illners Talkshow eine nahezu zehnminütige Soloshow hingelegt hatte, mit dem Inhalt, dass trotz Umfrageabsturz und Streit um Westerwelles Verbleib im Auswärtigen Amt eigentlich alles ganz dufte sei bei den Liberalen, kannte die Bundesvorsitzende der Jungen Unternehmer kein Halten mehr: Die FDP habe kein Wahlversprechen gehalten, warf sie Brüderle an den Kopf und vergaß im darauf folgenden Redeschwall glatt das Atmen: „Steuern-runter-Schulden-böse-Sozialversicherung-reformieren-Subventionen-pfui-TransferunionTeufelszeug!“ Am Ende klang ihre Stimme, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Wer vorher noch nicht wusste, wie gekränkte Liebe klingt, wusste es jetzt.

Die Eruption der Enttäuschung diktierte den Ton der folgenden Diskussion. „Wie viel Restlaufzeit hat Schwarz-Gelb?“, wollte Moderatorin Illner am Donnerstagabend wissen – den Kalauer hatte man sich angesichts der aktuellen Atomdebatte wohl nicht verkneifen können. Doch diese und fast jede weitere ihrer Fragen prallte am parteipolitischen Profilierungswillen ihrer Gesprächspartner ab, was schnell am Sinn der Veranstaltung zweifeln ließ.

Konstruktive Debatten jedenfalls wurden nicht geführt oder gingen im zunehmend hysterischen Hin und Her von Vorwürfen und Beschuldigungen unter. Was der kommende FDP-Chef Philipp Rösler denn jetzt anders machen könne als Vorgänger Westerwelle, fragte Illner einmal. Brüderle erzählte daraufhin etwas von glänzenden Wirtschaftsdaten, SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel sagte, dass nicht die FDP, sondern die CDU das Problem sei. Für die Bündnisgrüne Claudia Roth ist Rösler sowieso der falsche Mann und der verspätet eingetroffene „Handelsblatt“-Chefredakteur Gabor Steingart legte nochmal ein paar Krawallbriketts nach, indem er Schwarz-Gelb ob eines ständigen Schielens nach Beliebtheit „hurenhaftes“ Verhalten vorwarf. Roth wiederum beleidigte Ostermann, indem sie ihr von oben herab zu verstehen gab, sie solle ein bisschen weniger hyperventilieren.

Es wurde zunehmend konfus und Illner gelang es auch nicht mehr, den Abend in geordnete Bahnen zu lenken. Irgendwann redeten Gabriel und Brüderle minutenlang gleichzeitig. Da ging es um den Einfluss von Lobbyisten in Deutschland, vielleicht aber auch um Energiepolitik, so genau war das nicht mehr zu verstehen.

Als der Zirkus nach 60 Minuten übergangslos abgewürgt wurde, machte man sich weniger Sorgen um die Restlaufzeit von Brüderle und Merkel als um die von Maybrit Illner. Moritz Honert

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