Kult-Film : Blaue Flecken, Lemke-Mädchen

Das wahre Leben zwischen Eimsbüttel und St. Pauli : Warum Saralisa Volm mit Deutschlands kompromisslosestem Regisseur Klaus Lemke ("Rocker", "Arabische Nächte") arbeitet.

Markus Ehrenberg
Volm
Entdeckung. Regisseur Klaus Lemke, 68, und Saralisa Volm, 23. -Foto: ZDF

Es gibt eine Szene im neuen Film von Klaus Lemke, da wird einem angst und bange um Saralisa Volm. In einem Hotelzimmer wird die Hauptdarstellerin von einem Mann herbe verprügelt. Saralisa Volm spielt eine koksende Frau, die aus der Haft entlassen wurde und im Hamburger Kiez nicht von der schiefen Bahn herunterkommt. Authentischer als in Lemkes Filmen geht es in Deutschland nirgends zu, und wer schon mal von der wilden Arbeitsweise des Münchner Regisseurs gehört hat, ahnt, wie schmerzhaft diese Hotelzimmerszene für die Beteiligten gewesen sein muss. Und wer der 23-Jährigen in einem Berliner Café an einem dieser schönen Frühlingstage gegenübersitzt, wundert sich ein wenig darüber, wie die zierliche Person das alles überstand, kann aber auch verstehen, warum sich Klaus Lemke ausgerechnet Saralisa Volm für seine jüngsten Kiez-Filme aussuchen musste.

Der Reihe nach. Vor drei Jahren, im WM-Sommer 2006, hat Klaus Lemke Saralisa Volm in Hamburg auf der Straße entdeckt. Damals war sie H&M-Verkäuferin. Sie kannte den Kultregisseur von „Rocker“ (1972) und „Arabische Nächte“ (1979) gar nicht. „Ich dachte, was ist das denn für ein komischer Typ?“ Lemke habe gleich gesagt: „Wir müssen so viel drehen. Du musst kündigen, mehr Geld verdienen.“ Heraus kam eine erste Hauptrolle im Film „Finale“ 2006 (der vor zwei Jahren im ZDF lief), das sinnliche Pendant zu Sönke Wortmanns „Sommermärchen“. Während im Mainstream-Kino der WM-Weg von Klinsmanns Nationalmannschaft ins kleine Finale verfolgt wurde, zeigte Klaus Lemkes Low-Budget-Film, was auf und hinter den Fanmeilen passierte: wilde Emotionen, viel Sex. Mittendrin: Saralisa Volm.

In „Dancing with Devils“, Lemkes zweitem Film mit Saralisa Volm, geht es nicht nur wegen dieser Hotelszene düsterer zu als beim flirrenden „Anti-Sommermärchen“. Saralisa wird nach anderthalb Jahren aus dem Gefängnis entlassen, in das sie nach dem Tod ihres Freundes gewandert ist. Draußen wartet Nina (Nina Schwabe), die den Tod des Mannes, ihres Bruders, rächen will und Saralisa für seine Mörderin hält. Das alles auf tristen Straßen und Kneipen zwischen Eimsbüttel und St. Pauli und immer wieder mit Janis Joplin im Off, die von der Freiheit singt, die doch nur bedeutet, dass man nichts mehr zu verlieren hat.

Freedom's just another word for nothing left to loose, damit kann Saralisa Volm viel anfangen. Sie rührt in der heißen Schokolade, dreht sich um, unerkannt. Das Publikum im Café Einstein dürfte sich mit den wüsten Filmen Klaus Lemkes nicht so auskennen. „Um in Lemkes Filmen eine Rolle zu spielen, muss man das Herz der Person haben, sonst funktioniert es nicht.“ Bei Klaus Lemke behalten nicht nur die Hauptdarsteller ihre richtigen Vornamen. Auch sonst macht der Regisseur fast alles anders als die meisten deutschen Filmemacher. Er besetzt seine Filme seit Jahren nicht mit Profi-Schauspielern, hat kein Drehbuch und bezahlt alle Akteure gleich. Eine kompromisslose Arbeitsweise: spontan, wild, manchmal chaotisch, manchmal charmant. Für Saralisa Volm Grund genug, damals auf Lemkes Vorschlag einzugehen. Bei allen blauen Flecken. Während der Dreharbeiten zu den „Devils“ hatte sie als Junkie, der auf der Straße lebt, zwei Monate lang Blasenentzündung. „Das ist aber auch ganz gut für die Rolle, für die Einfühlung. Ich bin ja kein Schauspieler. Und du bist auch nicht bei Lemke, weil du Geld brauchst. Du weißt noch nicht mal, ob's am Ende ein Film wird. Sicher ist nur: Am Abend kriegst du von Klaus Lemke 50 Euro in die Hand gedrückt.“

Sehr viel reicher als im H&M-Verkauf wird man dabei wahrscheinlich nicht, auch wenn Iris Berben ähnlich angefangen hat wie Saralisa Volm. Ende der 60er Jahre entdeckte Lemke, in seinem BMW sitzend, die junge Iris Berben am Straßenrand. Er brachte sie zum Film. Später wurde sie ein Star. Auch Dolly Dollar, Wolfgang Fierek und Cleo Kretschmer wurden von Klaus Lemke entdeckt.

Schwer zu sagen, ob Saralisa Volm nun die neue Iris Berben werden wird, wie es einige Magazine schon gefeiert haben. Über Zukunftspläne, ein Leben nach Lemke, möchte sich die im schwäbischen Hechingen geborene und in Bayern aufgewachsene Darstellerin mit Fach-Abi nicht konkret äußern. Lemke gibt öfters kund, dass nach drei Filmen mit seinen Entdeckungen Schluss ist, weil sie für seine Zwecke nicht mehr zu gebrauchen sind.

Das Vampir-System Lemke – Saralisa Volm hat damit offenbar genauso wenig Probleme wie mit den Schlagzeilen „Lemke-Muse“, „Lemke-Mädchen“ oder dem kolportierten Lemke-Satz, dass Mädchen in seinen Filmen für ihre Partner uneingeschränkt Freiwild im Bett seien. Saralisa Volm hat diese Fragen schon öfters gehört. Sie lächelt und weicht aus. „Muse, wer wäre das nicht gerne? Das ist ja erst mal eine griechische Göttin der Inspiration.“ Dass Künstler öfters Liebesbeziehungen zu ihren Musen hätten, sei schön und gut, bei ihr und Klaus Lemke „aber überhaupt nicht der Fall. Herr Lemke ist älter als meine Großeltern.“ Beide versuchen, nicht mal befreundet zu sein, weil sie glauben, dass das ihre Fähigkeit zur Arbeit kaputtmachen würde. „Wir schreien uns öfters mal an, wir müssen sogar streiten.“

Mit dem Ergebnis, dem etwas anderen Liebesfilm „Dancing with Devils“, wird sich am Mittwochabend gegen Mitternacht kein Quotenhit erzielen lassen. Verlorene Mädchen, Dealer, Angeber, der gemeine ZDF–Zuschauer dürfte seine Schwierigkeiten mit dem Lemke-Kino haben, das immer so sein soll wie das Leben. Saralisa Volm ist Quote egal. Auch die Frage, wie lange Lemke noch mit seiner Entdeckung arbeiten wird, rückt zurzeit in den Hintergrund. Schluss mit blauen Flecken und 50 Euro am Tag. Saralisa Volm ist schwanger. Im Juni bringt sie einen Sohn zur Welt. Der Kiez-Regisseur muss sich seine Inspiration erst mal woanders suchen. Klaus Lemke habe da nicht allzu viel Verständnis für, sagt das Noch-Lemke-Mädchen. „Er ist auch mit 68 nicht so der Familienmensch. Der bleibt für den Rest seines Lebens 30, mit kaputten T-Shirts.“ Ein Rocker.

„Dancing with Devils“, ZDF, 23 Uhr 45

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