Kultur im Radio : Ein totes Pferd reiten

Unveränderte Fronten bei der WDR-3-Reform: Die "Radioretter" sehen den nahenden Untergang, der Sender setzt auf Neuanfang.

Alexandra Zwick

Es hatte etwas von einem Showdown am Mittwochabend im Kölner Schauspielhaus. Etwas von einem letzten Schlagabtausch vor der entscheidenden Rundfunkratssitzung am 30. Mai. Fast drei Monate dauern die Proteste gegen die geplante Reform des Kulturradios WDR 3 jetzt schon an. Monate, in denen die WDR-Leitung bislang jeder öffentlichen Debatte mit ihren Kritikern ausgewichen war, und Monate, in denen die Initiative der „Radioretter“ auf mittlerweile 18 400 Unterstützer angewachsen ist.

Das konnte auch der WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz nicht mehr länger ignorieren. So kam er auf die Theaterbühne, um zum ersten Mal persönlich mit den Gegnern seiner Radioreform zu diskutieren. Doch die Begegnung verlief von Anfang an unglücklich, weil den veranstaltenden Radiorettern ein doppelter Faupax unterlief. Nicht genug, dass sie auf dem Podium deutlich in der Überzahl waren, sie schickten mit dem Deutschlandfunk-Redakteur Hermann Theißen einen eigenen Mitstreiter ins Rennen, dem der Hörfunkchef nicht zu Unrecht Befangenheit unterstellte.

Doch das allein konnte nicht erklären, warum Schmitz so wenig auskunftsfreudig auftrat. Auf die Frage, was denn nun eigentlich genau an politischer Berichterstattung und Feature gestrichen werden solle, antwortete er ausweichend: „Ein Kulturradio muss sich verändern, so wie sich die Hörgewohnheiten verändern.“ Zur angestrebten Verjüngung der WDR-3-Zielgruppe meinte er ähnlich floskelhaft: „Die Hälfte der WDR-3-Hörer haben nur Lehre und Hauptschulabschluss. Da sollte man hingucken, wofür interessieren die sich?“ Der Hörfunkchef sieht die Zukunft seiner umkämpften Kulturwelle offenbar vorrangig als Klassiksender, konnte man zwischen den Zeilen spekulieren. Schließlich wurde der Wortanteil von WDR 3 schon 2008 auf magere 30 Prozent abgesenkt. Schmitz war an diesem Abend darauf bedacht, möglichst wenig Konkretes zu seiner WDR-3-Strategie zu sagen und nannte die bevorstehende Reform lediglich „Programmänderungen“. Ansonsten beteuerte der Radiochef zwar, mit seinen Kritikern „gern“ über Alternativen beraten zu wollen, allerdings erst nach dem Gremien-Entscheid. Mit solchen Äußerungen brachte er nicht nur das Publikum im proppevollen Saal gegen sich auf, sondern irritierte auch den ehemaligen NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich GrosseBrockhoff. „Wenn Sie das jetzt so gegen den Willen der Mehrheit durchsetzen, auch gegen viele Redakteure aus dem Sender“, prognostizierte der CDU-Politiker, „dann werden Sie ihr Team demotivieren, die Qualität wird sinken – und am Ende werden Sie weitere 50 000 Hörer verloren haben!“

Der Publizist Richard David Precht zeigte sich ebenfalls von Schmitz’ unbeirrbarer Haltung bestürzt. „Sie wollen das tote Pferd also wirklich übers Ziel reiten?“, fragte er. Der Hörfunkdirektor erwiderte daraufhin, dass er zumindest nicht glaube, dass seine Reform „ein lebendiges Radio behindert“.

Wirklich beruhigend klang das für die Mehrheit der Zuhörer nicht, die dem Komponisten Manos Tsangaris viel Beifall spendeten, der in WDR 3 ein Paradebeispiel dafür sah, was falsch laufe in dieser Republik. Zu oft werde Kultur lediglich als „Sahnehäubchen“ betrachtet und „kaputtvermittelt, als wäre das etwas, was schwer vermittelbar wäre!“, empörte sich Tsangaris. Dabei gehe es statt um einlullende Kulturvermittlung doch vor allem um „Kultur-Ermittlung“. Alexandra Zwick

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